Rund 40 jugendliche unbegleitete Flüchtlinge leben ab April in Containern in der Berckstraße

Hoffnung auf Neuanfang in Bremen

Über 200 junge Flüchtlinge leben ohne Eltern in Bremen. Rund 40 sollen im April in der Horner Berckstraße unterkommen – in Containern. „Bis dahin ist noch einiges zu wuppen“, meint Matthias Spöttel, Geschäftsführer der Jugendhilfeeinrichtung Alten Eichen. Gemeinsam mit den beiden DRK-Experten Carsten Flömer und Udo Casper berichtete er im Pressehaus über den weiten Weg der Flüchtlinge von ihrer Heimat bis zur Integration in Bremen.
27.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert
Hoffnung auf Neuanfang in Bremen

Sie bereiten die Unterkunft von jugendlichen Flüchtlingen in der Horner Berckstraße vor (von links): Udo Casper (DRK-Zentrum für Schule und Beruf), Matthias Spöttel (Geschäftsführer von Alten Eichen) und Carsten Flömer (pädagogischer Leiter der DRK-Jugendhilfe).

Roland Scheitz

Über 200 junge Flüchtlinge leben ohne Eltern in Bremen. Rund 40 sollen im April in der Horner Berckstraße unterkommen – in Containern. „Bis dahin ist noch einiges zu wuppen“, meint Matthias Spöttel, Geschäftsführer der Jugendhilfeeinrichtung Alten Eichen. Gemeinsam mit den beiden DRK-Experten Carsten Flömer und Udo Casper berichtete er im Pressehaus über den weiten Weg der Flüchtlinge von ihrer Heimat bis zur Integration in Bremen.

Noch werden in der Horner Berckstraße die Container auf die Ringfundamente gesetzt. In zwei Etappen Anfang und Mitte April werden sie zur Bleibe von rund 40 Jugendlichen, die unbegleitet einen weiten Weg bis nach Bremen hinter sich haben. Aus Afghanistan, Syrien, Irak und Iran, ebenso aus westafrikanischen Staaten wie Sierra Leone, Mali und Somalia. Zu 95 Prozent Jungen, oft mit vergleichsweise hohem Bildungsstandard. Für die in manchen Dörfern sogar gesammelt wurde, damit sie alle Hindernisse auf der Reise gen Norden überwinden. Manchmal quer durch die Sahara, oftmals über das Mittelmeer.

„Viele bleiben auf der Strecke“, weiß Udo Casper, beim Roten Kreuz zuständig für Flüchtlingsintegration im DRK-Zentrum für Schule und Beruf. Erschöpft von enormen Strapazen, ertrunken im Meer. Wer ankommt, offenbart ein großes persönliches Potenzial, auf dem die JugendhilfeTräger aufbauen wollen.

Aufarbeitung der Erfahrungen

Doch zuerst haben die Flüchtlinge großen Bedarf, ihre Erfahrungen seelisch aufzuarbeiten. Etwa bei Refugio, dem therapeutischen Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folterüberlebende. „Anfangs sind Gespräche mit Psychologen komische Erfahrungen für sie“, beobachtet Carsten Flömer, pädagogischer Leiter der Jugendhilfe beim Roten Kreuz, „doch sie nutzen gerne diese Möglichkeiten.“ Um gut anzukommen in der für sie fremden Welt. Erschöpft und auf der Suche nach Orientierung.

Zuvor wurden sie durch die Clearingstelle für Flüchtlinge in der Steinsetzer Straße in Habenhausen geschleust, wo Namen wie Herkunft ermittelt und die Jugendlichen auf die verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen verteilt werden. Nicht aus Mildtätigkeit, sondern aus staatlicher Verpflichtung: „Die Jugendlichen haben wie ihre deutschen Altersgenossen ein Recht auf Unterstützung“ (Flömer). „Früher“, erinnert sich Casper, „waren diese Verfahren noch schlank und unkompliziert.“ Heute aber, da monatlich bis zu 20 weitere unbegleitete junge Flüchtlinge nach Bremen kommen, wird alles schwieriger.

Bis die ersten Bewohner in die Berckstraße einziehen, ist denn noch einiges zu erledigen. 30 Sozialpädagogen und -arbeiter werden eingestellt, die in den kommenden 23 Monaten für Betreuung rund um die Uhr sorgen. Die Räume in den Aluminiumgehäusen müssen eingerichtet, Freizeitangebote erstellt werden. Der Kontakt zur Bevölkerung im Stadtteil muss stimmen, ebenso zur örtlichen Polizei und den Schulen. Die haben eine besonders wichtige Aufgabe auf dem Weg zur Integration, denn ohne deutsche Sprache ist alles schwieriger. Wer über 16 Jahre alt ist, kommt auf die Berufsschule Walle, die anderen in die Schule an der Ronzelenstraße.

Gelingt den Neuankömmlingen die schulische und betriebliche Qualifikation, haben sie gute Chancen, in Bremen bleiben zu können. Auch über das 18. Lebensjahr hinaus können sie nach einem Erlass von Innensenator Ulrich Mäurer die Ausbildung beenden, danach kann ihnen zum Zweck der Beschäftigung eine Niederlassungserlaubnis erteilt werden. „Das macht unsere Arbeit leichter“, meint Casper, „denn wir können den Jugendlichen in der Berckstraße Perspektiven geben.“

Die sollen auch Vormünder liefern. Unbescholtene Bürger werden von Familiengerichten bestellt. „Wir freuen uns über jeden ehrenamtlichen Interessenten“ (Casper), denn die Beamten in der Amtsvormundschaft sind nicht selten überlastet: „Die freuen sich über jeden Jugendlichen, den sie vom Schreibtisch bekommen“ (Flömer).

Das kleine Container-Dorf in der Berckstraße soll für die unbegleiteten Jugendlichen nach der Clearingstelle in der Steinsetzer Straße nur eine Zwischenstation sein. Angepeilt wird die Unterbringung in Wohngruppen, Pflegefamilien und Heimen. Rotes Kreuz, Alten Eichen, Caritas sowie Jugendhilfe und Soziale Arbeit kooperieren hier eng zusammen. Spöttel spricht von „guter Gemengelage der Träger“. Sie bringen eigene Erfahrungen mit, kennen bestimmte Leute, die helfen können.

Und jede Menge Hilfe kann das Projekt Berckstraße vertragen. „Wir brauchen die Unterstützung der Menschen im Stadtteil“ (Spöttel), aber nicht nur dort: „Die Neuankömmlinge sind das Problem der ganzen Gesellschaft“ (Casper). Wobei die Sozial-Experten überzeugt sind, den Menschen nicht zu viel zuzumuten: „Wir können die Unterbringung der Jugendlichen in Horn verantworten, auch gegenüber der Nachbarschaft“ (Flömer). Vielleicht ist der Begriff Zumutung aber fehl am Platze, denn Casper hat längst andere Emotionen in der Bevölkerung entdeckt: „In Bremen hat die Zivilgesellschaft ein Bedürfnis, den jugendlichen Flüchtlingen zu helfen.“

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