Stundenweise Fahrverbote für Autos Hohe Hürden für Spielstraßen auf Zeit

Mit seinen acht temporären Spielstraßen nimmt Bremen bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Doch die stundenweisen Fahrverbote für Autos stoßen mancherorts auf heftigen Widerstand.
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Hohe Hürden für Spielstraßen auf Zeit
Von Jörn Seidel

Mit seinen acht temporären Spielstraßen nimmt Bremen bundesweit eine Vorreiterrolle ein. Für einen Nachmittag in der Woche dürfen in jenen Straßen weder Autos noch Fahrräder fahren. Stattdessen gehört die Fahrbahn spielenden Kindern – und Nachbarn, die zusammenkommen wollen. Doch die stundenweisen Fahrverbote für Autos stoßen mancherorts auf heftigen Widerstand. Von einer Behinderung der Anwohnerschaft war da zum Beispiel die Rede, als vor einigen Monaten in einer Sitzung des Sozialausschusses Vahr über die Hudemühler Straße diskutiert wurde.

„Die Häuser haben Gärten, der Spielplatz ist gleich um die Ecke, und wir haben eine Parkanlage“, so das Argument einer Anwohnerin, die die temporäre Spielstraße zu verhindern versuchte – mit Erfolg. Trotz Unterstützung vom Beirat gibt es für die Hudemühler Straße bis heute keine Genehmigung.

Amt für Straßen und Verkehr

Entschieden hat das das Amt für Straßen und Verkehr (ASV), das wie auch der Beirat seine Zustimmung geben muss, wenn sich eine Anwohnerinitiative für eine temporäre Spielstraße ausspricht und diese für ihr Vorhaben genügend Nachbarn gewinnen konnte. Die Begründung des ASV: In Nähe der Hudemühler Straße gebe es einen großen Spielplatz und einen ausgedehnten Grünzug, also genug Platz zum Spielen. Mit diesem Argument lehnt das ASV auch für die Findorffer Brandtstraße die Einrichtung einer temporären Spielstraße ab – auch dort gibt es in der Nachbarschaft Widerstand. In der Hudemühler Straße komme erschwerend hinzu, dass sich hinter dem geplanten Spielbereich eine Sackgasse bilden würde, weil hier größere Fahrzeuge nicht mehr wenden und umkehren könnten, heißt es in der Stellungnahme vom Amt.

Für Karin Mathes, Ortsamtsleiterin Schwachhausen/Vahr, ist die Begründung durchaus nachvollziehbar – dabei hätte sie sich über eine weitere temporäre Spielstraße in ihrem Bereich gefreut. „In kleineren Straßen läuft das super“, sagt sie. „Das stärkt die Nachbarschaft. Es ist ein tolles Event. Dort trifft sich Jung und Alt.“ In Schwachhausen, wo es erstmals in Bremen temporäre Spielstraßen gab – 2011 war das –, wird von April bis Oktober jeden Mittwoch von 15 bis 18 Uhr in der Max-Reger-Straße gespielt. Weitere Sperrungen der Fahrbahn gibt es donnerstags von 15.30 bis 18 Uhr in der Rembrandtstraße, sowie freitags von 15 bis 18 Uhr in der Schumann- und Großbeerenstraße. Darüber hinaus ist auch die Neustädter Kantstraße mittwochs von 15 bis 18 Uhr Spielort. Seit vergangenem Jahr wird zum selben Termin in der Brokstraße im Steintor gespielt. Und seit vier Monaten ist auch ein Abschnitt der Tietjenstraße in Horn-Lehe freitags von 15 bis 18 Uhr Spielstraße auf Zeit.

„Die Stimmung in der Nachbarschaft war vergiftet“

Bedenken und Widerstand gab und gibt es in fast jeder dieser Straßen. Aber die Nachbarschaft hat sich verständigt. Weniger friedlich lief das vor drei Jahren in der Paschenburgstraße in der Gete. Dort waren die Anfeindungen unter den Anwohnern so groß, dass die Initiatoren nach nur wenigen Nachmittagen aufgaben. „Die Stimmung in der Nachbarschaft war vergiftet“, erinnert sich Ortsamtsleiterin Mathes.

„Wichtig ist es, miteinander zu sprechen“, betont Nicole Wiedemann vom Verein Spiellandschaftstadt. Wer eine Fahrbahn zum Spielort machen wolle, was laut Gesetz grundsätzlich verboten ist, müsse sich in seiner Nachbarschaft verständigen und dafür auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen. Doch die Mühe lohne sich, sagt Wiedemann, die schon viele Anwohnerinitiativen unterstützt hat. Denn temporäre Spielstraßen gäben Kindern jenen Spielraum zurück, der früher ganz selbstverständlich war. Heutzutage hingegen hätten Kinder in der Stadt viel zu wenige Orte zum Spielen. Auf der Straße vor der Haustür lasse sich ganz anders spielen als auf Spielplätzen, sagt Wiedemann. Nicht zuletzt kämen auf diese Weise Kinder und Erwachsene aus der unmittelbaren Nachbarschaft zusammen. „Das fördert Akzeptanz und Toleranz.“

Bundesweiter Fachtag

Um über die Möglichkeiten und Bedingungen temporärer Spielstraßen zu diskutieren, hat der Verein Spiellandschaftstadt für Mittwoch, 18. Oktober, zu einem bundesweiten Fachtag in seinen Räumen in Horn-Lehe eingeladen – für alle, die sich für das Thema interessieren. Los geht es mit mehreren Vorträgen, unter anderem von Gabriele Winter, der ehemaligen Bürgermeisterin von Griesheim, die einen Einblick in das Projekt „Bespielbare Stadt“ gibt.

Außerdem geht es um rechtliche Fragen. Denn gesetzlich stehen temporäre Spielstraßen auf wackligen Beinen. „Sport und Spiel auf der Fahrbahn, den Seitenstreifen und auf Radwegen sind nicht erlaubt“, heißt es unmissverständlich in der Straßenverkehrsordnung. In der Schweiz hingegen ist ausdrücklich erlaubt, auf den Fahrbahnen verkehrsarmer Nebenstraßen zu spielen. Auch für Deutschland, zumindest für Bremen, wünscht sich Wiedemann rechtliche Klarheit.

Bis dahin hofft sie auf viele weitere Anwohner, die sich mit ihren Nachbarn auf temporäre Spielstraßen verständigen. Besonders geeignet seien dicht bebaute Quartiere mit verkehrsarmen Straßen, wo auch schon Tempo 30 gilt, sagt Nicole Wiedemann und nennt Schwachhausen, das Viertel, die Neustadt und Walle, um nur einige mögliche Orte für die Rückeroberung der Fahrbahnen für das Straßenspiel zu nennen.

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