Distanzlernen Wie Eltern und Schüler in Bremen Homeschooling erleben

Mal Leerlauf, und dann wieder viel zu viele Aufgaben: Ein Schüler und zwei Eltern aus Bremen erzählen, welche Erfahrungen sie mit dem Distanzlernen zu Hause gemacht haben.
24.01.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie Eltern und Schüler in Bremen Homeschooling erleben
Von Sara Sundermann

Zuletzt blieben in Bremen etwa zwei Drittel der Schüler an weiterführenden Schulen und ein Drittel der Grundschüler zu Hause. Wie erleben Familien das Homeschooling, wenn Eltern teils selbst auch von zu Hause arbeiten? Ein Schüler und zwei Eltern erzählen:

Ruben Wiesner: „Jeder Tag ist anders“

Mein Jahrgang ist in Gruppe A und Gruppe B aufgeteilt, beide Gruppen sollen abwechselnd zu Hause und in der Schule lernen. In dieser Woche war ich zum ersten Mal wieder in der Schule. Einen typischen Tag gab es bei mir im Distanzlernen nicht. Jeder Tag war anders. An manchen Tagen hatte ich gar keine Video-Meetings. Da war es egal, wann man aufsteht. Manchmal gab es nur wenig Aufgaben, und man wusste kaum, was man mit sich anfangen sollte. An anderen Tagen häuften sich die Deadlines sehr, dann musste ich zum Beispiel gleichzeitig einen Reader für Deutsch bearbeiten, einen Essay für Religion und einen Aufsatz für Englisch abgeben. Da fehlte die Abstimmung zwischen den Fächern. Ich denke, das liegt besonders daran, dass wir Schüler kein direktes Feedback auf das Pensum geben können. Dadurch, dass nun einige Schüler wieder vor Ort sind, wird sich das sicher bessern. Natürlich müssen wir Schüler uns auch mehr trauen, Lehrern zu sagen, dass es gerade stressig ist.

Zum Teil hat sich das Lernen in den Nachmittag und den Abend verlagert. Besonders, wenn man Gruppenarbeiten fertigstellen muss, ohne sich treffen zu können. Dann ist man am nächsten Tag oft nur für ein Video-Treffen aufgestanden und hat sich danach noch mal hingelegt. Der Tag hat so schnell seine Struktur verloren. Die Routine in der Schule finde ich da schon besser.

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Die Lehrer setzen Homeschooling verschieden um. Von einigen bekommen wir Scans von Buchseiten, die sie als PDF bei Its Learning einstellen. Das kam am häufigsten vor. Die meisten unserer Lehrer haben bisher noch keine Videokonferenz gemacht.

Klar, ein normaler Schultag wird oft von Aufgabenblättern begleitet. Ich denke, Homeschooling muss man etwas anders sehen: Es gab digitale Aufgaben, die ich sehr gut gelungen fand. Zum Beispiel sollten wir in Mathe unsere Lösungswege in einem digitalen Diskussionsforum vorstellen. Das war super. Ich möchte den Lehrern gern sagen: Habt den Mut, so was auch mal zu machen und Neues auszuprobieren.

Wenig direktes Feedback

Es gab eben in dieser Zeit wenig direktes Feedback. Und man hat im Homeschooling ja auch nicht die Möglichkeit, einfach direkt seine Freunde zu fragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. So wird man bei manchen Aufgaben förmlich ins kalte Wasser geschmissen. Und ein Thema, für das eigentlich eine Doppelstunde angesetzt war, haben wir dann viel länger bearbeitet.

Ich merke, dass sich jeder Lehrer bemüht. Das Homeschooling ist für alle Beteiligten stressig, aber dazu gibt es keine Alternative. Deshalb kann nicht verwundern, dass die Stimmung nicht gerade gut ist: Bei uns ist leider schon zu spüren, dass viele Schüler die Motivation verloren haben. Auch weil man lange auf Rückmeldung zu bearbeiteten Aufgaben warten musste. Diese langsame Kommunikation finde ich sehr schwierig. Danach hat man sich schon gefreut, wenn man seinen Lehrer in einer Videokonferenz mal wieder sehen konnte und gemerkt hat, er ist an einem interessiert.

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Von der Ausstattung her sind wir in unserer Stufe gut gerüstet, wir haben unsere iPads bekommen und hatten in der Schule drei Wochen, um uns daran zu gewöhnen. An einer Videokonferenz können wir alle ganz gut teilnehmen. Das Tablet hat den Weg in den Schulalltag gefunden, jeder nutzt es.

Ich habe das Gefühl, ich bin aus der stressigsten Phase raus, die meisten Klausuren sind geschrieben. Aber zwischendurch habe ich mich schon gestresst und ein bisschen vernachlässigt gefühlt, so ähnlich wie in einem Fernstudium, das auf die Schnelle auf die Beine gestellt wurde. Man muss schon schauen, dass man sich selbst motiviert.

Julia Grün: „Multitasking stört mich nicht“

Weil ich Lehrerin in Niedersachsen bin und dort momentan in meinen Klassen kein Präsenzunterricht stattfindet, arbeite ich selbst auch von zu Hause aus. Für den Alltag mit den Kindern habe ich einen Tagesplan aufgestellt, weil wir schon im ersten Lockdown festgestellt haben, dass das den Kindern guttut – und für mich passt es auch gut. Mein Mann arbeitet meistens auswärts.

Wir machen vormittags zwei Schul-Sessions. Ab 8.30 Uhr sitzen die Kinder und ich am Tisch, dann wird eine Stunde für die Schule gearbeitet. Dann gibt es eine Stunde Pause, danach wieder eine Stunde lernen. Ich bin meistens in der Nähe und für meine Kinder ansprechbar, muss aber auch für meine eigenen Schüler erreichbar sein und ihre Fragen beantworten. Es ist schon viel Multitasking, aber das stört mich überhaupt nicht, dabei fühle ich mich lebendig. Dann haben die Kinder wieder eine Stunde Pause, in der gehen sie raus. Währenddessen koche ich.

Nach dem Essen gibt es eine Mittagspause, in der hören die Kinder Hörspiel oder spielen, und ich arbeite ganz schnell ganz viel. Nachmittags machen wir zusammen Musik – ich bin Musiklehrerin, und die Kinder spielen Instrumente. Später können die Kinder dann ganz viel spielen oder noch mal nach draußen gehen. Abends dürfen sie eine Kinder-­Dokumentation gucken. Ich arbeite überwiegend abends und bereite dann die Aufgaben für meine Schüler vor. Ich muss ja manchmal pro Tag bis zu 90 Ergebnisse von Schülern sichten.

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Meine Töchter haben gute Aufgaben bekommen, die eine hat einen ganz tollen Wochenplan fürs Distanzlernen erhalten, und uns wurden tatsächlich die Materialien für ein Bastelprojekt von einem Lehrer in den Briefkasten geworfen, das finde ich unglaublich. Die Kinder sollten aus Streichholz-­Schachteln und Spielgeld eine Kasse basteln, um den Umgang mit Geld zu üben. Meine Kinder sind sehr selbstständig, meistens bleibt die Stimmung gut, sogar bei wirklich nervigen Mathe-Aufgaben.

Homeschooling finde ich einigermaßen machbar. Trotzdem ist es auch schwierig, man steht irgendwie immer unter Zeitdruck. Und es läuft einfach extrem viel parallel. Ich kann der Situation aber auch Positives abgewinnen. Ich finde es total schön, dass ich die Kinder so viel und so intensiv sehe. Und es sind schöne Familienrituale in dieser Zeit entstanden: An manchen Tagen essen wir alle unter der Woche mittags zusammen, das wäre sonst so nicht möglich.

Christiane Schreiber: „Wie ein zähes Gummiband“

Ich habe zwei leibliche Kinder, zehn und 14 Jahre alt, und ein Pflegekind, das ist zwölf. Die Zehnjährige und der 14-Jährige sind im Distanzlernen, sonst gehen sie aufs Ökumenische Gymnasium. Der Zwölfjährige geht jeden zweiten Tag zu einer städtischen Schule. Ich selbst arbeite Teilzeit in der Projektentwicklung für Offshore-Windparks und bin im Homeoffice. Die Erfahrungen mit dem Homeschooling sind durchwachsen. Zum Glück haben wir alle vier ein eigenes Gerät. Aber ich habe beruflich viele Video-Konferenzen, und wenn wir alle gleichzeitig online sind, geht die Surf-Geschwindigkeit natürlich runter.

Meine beiden leiblichen Kinder wollten von sich aus angesichts der Pandemie lieber zu Hause bleiben und bekommen es ganz gut hin, ihre Aufgaben zu bearbeiten. Aber sie haben natürlich Fragen. Und manchmal ist eine Zehnjährige auch überfordert, wenn sich ein vom Lehrer verschickter Link trotz zigfachem Anklicken nicht öffnen lässt.

Für meinen Pflegesohn ist es sehr viel schwerer mit dem Lernen zu Hause. Er hat eine Aufmerksamkeitsstörung, er kann sich nicht selbst so gut strukturieren. Ab Tag drei wurde es schon schwierig, ihn überhaupt für das Homeschooling zu motivieren. Die Versuchung, lieber auf dem Handy oder Computer zu spielen, war einfach zu groß. Die Situation war richtig schwierig. Da ist dann die Stimmung bei uns zu Hause auch mal richtig gekippt. Ich war froh, als dann von der Schule das Angebot kam, dass er jeden zweiten Tag zur Schule gehen kann. Das hat die Situation sehr verbessert, und es klappt jetzt richtig gut.

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Ich arbeite nur 22 Stunden pro Woche und klappe trotzdem derzeit selten vor 18 Uhr den Rechner zu. Die Kinder haben ja Fragen und Bedürfnisse, sie müssen bekocht und versorgt werden. Es fehlt die Abgrenzung von Arbeit und Privatleben, es geht alles ineinander über, wie ein endloses zähes Gummiband.

Es gibt aber auch positive Aspekte: Ich bekomme derzeit mehr davon mit, was meine Kinder in der Schule lernen. Und man kann auch mal zusammen ein Thema bearbeiten.

Homeschooling finde ich für einen begrenzten Zeitraum okay. Das ist einfach unser Beitrag zum Infektionsschutz, aber es ist kein Dauerzustand. Mir fehlt, dass von der Politik eine Zielmarke ausgegeben wird, zum Beispiel ein konkreter Inzidenzwert, ab dem alle wieder normaler arbeiten und zur Schule gehen können.

Info

Zur Person

Ruben Wiesner (17) geht in die zwölfte Klasse der Oberschule an der Egge in Blumenthal.

Julia Grün (42) ist Mutter von zwei Grundschulkindern und wohnt mit ihnen und ihrem Mann im Viertel.

Christiane Schreiber (50) ist alleinerziehende Mutter von drei Schulkindern und wohnt mit ihnen in der Vahr.

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