Fall Valentin Hools und Ultras bleiben friedlich

Zwei Veranstaltungen in direkter Nähe, rechte Hooligans und linke Ultras. Doch blieb es am Freitagabend ruhig in Bremen - auch, weil die Polizei mit einem Großaufgebot im Einsatz war.
07.08.2015, 21:37
Lesedauer: 3 Min
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Von Hauke Hirsinger

Mit der Hochstraße im Rücken war am Freitagabend alles seitenverkehrt. Links war rechts, und rechts war links. Auf der rechten Seite, im Musikclub Tower, hatten sich linke Ultras zu einem Benefizkonzert für Valentin eingefunden. Der 21-jährige Ultra wird der schweren Körperverletzung in mehreren Fällen verdächtigt und befindet sich seit einem Monat in Untersuchungshaft. Links hingegen, in der Kneipe Bells, waren rechte Hooligans zu einem „Fuck Valentinstag“ verabredet.

Hools und Ultras nur den sprichwörtlichen Steinwurf voneinander entfernt? Eine explosive Mischung. Das hatte im Vorfeld auch die Polizei erkannt. Sprecher Dirk Siemering: „Wir werden vor Ort stark vertreten sein, um schnell reagieren zu können.“ Die Nähe der beiden Örtlichkeiten im Umfeld der Diskomeile am Rembertiring bezeichnete er als „unglücklich“. Dennoch gab das Bremer Polizeigesetz ein Verbot des janusköpfigen Veranstaltungspaares zur Gefahrenabwehr nicht her. Siemering erläutert: „Wir haben das geprüft, doch da war nichts zu machen. Deshalb hoffen wir jetzt auf einen friedlichen Verlauf.“

Polizei im Dauereinsatz

Zumindest bis zum späten Freitagabend wurde diese Hoffnung nicht enttäuscht. Mit massiver Präsenz sicherten die Ordnungskräfte den Bereich zwischen den beiden Lokalitäten bereits am frühen Abend ab. Der kleine Tunnel, der die schnellste Verbindung zwischen Bells und Tower darstellt, wurde mit Einsatzfahrzeugen regelrecht zugeparkt. Auch mehrere Diensthunde waren im Einsatz. Einsatzleiter Kai Ditzel: „Das Besondere an diesem Abend ist, dass wir nicht einschätzen können, wie viele Hooligans tatsächlich kommen.“ Bei den Ultras fiel die Berechnung leichter. Der Tower war mit 300 Personen ausverkauft. Hinzu kamen noch einige Dutzend Personen, die anscheinend keine Karte mehr erhalten hatten, aber dennoch vor der Lokalität standen.

Aus Kreisen der Ultras war zu vernehmen, dass man sich an diesem Abend nicht von den Hooligans werde provozieren lassen. Gerd Ewig, Zwischenabschnittsleiter der Polizei, sagte: „Die Unterstellung, die Beamten seien auf dem rechten Auge blind, ist absurd. Wir werden die Besucher des Bells sehr genau unter die Lupe nehmen.“ Zunächst wurde jedoch das Bells untersucht. Nachdem die Szenekneipe um 20 Uhr von der ehemaligen und der künftigen Pächterin gemeinsam geöffnet wurde, marschierten Ewig und ein acht Mann starker Trupp ein und inspizierten jeden Winkel. Ewig: „Das war alles einwandfrei.“

Ab 20.45 Uhr trudelten dann auch die ersten Bells-Besucher ein. Alle wurden systematisch von der Polizei kontrolliert. Ditzel: „Wir rechnen im schlimmsten Fall damit, dass der Einsatz bis in die Nacht dauert. Das wird für einige Kollegen sicherlich hart, weil sie morgen ab 10 Uhr bereits wieder beim Werder-Spiel im Einsatz sein werden.“

"Gewalt darf kein Mittel sein"

Doch auch wenn es an diesem Abend zunächst ruhig blieb, hatte sich die Stimmung rund um den Fall Valentin während der vergangenen Wochen stark aufgeheizt. Neben unzähligen Solidaritätsbekundungen linker Ultras – auch aus dem Ausland – , gab es seitens der rechten Hooligans bundesweit eine regelrechte Gegenkampagne.

Den Versuch einer Erklärung für diese sich zuspitzende Konfrontation wagt Martenia Sirseloudi. Die Expertin für politische Gewalt von der Bremer Universität sagt: „Unsere Feindbildanalysen haben ergeben, dass sich deutschlandweit die Fronten zwischen links und rechts verhärten. Die jeweiligen Parteien brauchen Feindbilder, um ihre eigene Identität zu stärken.“ So sei auch eine Situation wie am Freitag zu verstehen: „Das Aufeinandertreffen hält das jeweilige Feindbild dynamisch. Die brauchen das. Sonst wird alles nur Theorie. Das gilt für beide Seiten.“

Eine Lösung der Rechts-Links-Konflikte hält die Wissenschaftlerin dennoch für möglich: „Wir brauchen eine liberale Mitte. Gewalt darf kein Mittel sein – ganz gleich, aus welcher Richtung sie kommt.“

Anwalt kritisiert Innensenator

Der Fall Valentin spielte am Freitag nicht nur zwischen Tower und Bells eine Rolle. Der Anwalt des 21-Jährigen, Horst Wesemann, ging mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Er wirft Innensenator Ulrich Mäurer vor, das Prinzip der Gewaltenteilung falsch verstanden zu haben: „Valentin ist Chefsache, das hat Herr Mäurer deutlich gemacht. Er entscheidet, alle haben sich nach seiner Auffassung zu richten.“

Hintergrund für Wesemanns Empörung war ein Gespräch, zu dem Mäurer und Polizeipräsident Lutz Müller einige Unterstützer Valentins – genauer: Vertreter der Grünen Jugend und der Jusos – ins Innenressort geladen hatten (wir berichteten). Wesemann: „Was fällt dem Innensenator eigentlich ein, wenn er mitteilt, es bleibe bei dem Haftbefehl? Entscheiden das jetzt die Polizei und der Innensenator?“ Nicolai Roth, Sprecher des Innensenators, erklärte dazu: „Die Entscheidung über Fortbestand oder über Aufhebung des Haftbefehls ist allein Sache des Gerichts. Nichts anderes hat der Senator deutlich gemacht.“

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