Historische Spaziergänge

Seine Helden sind Menschen

Das Viertel bei historischen Spaziergängen durch die Östliche Vorstadt noch einmal ganz neu zu entdecken, ist das Ziel von Horst Pilsters Stadtführer. Den roten Faden bilden farbig geschilderte Biografien.
28.10.2020, 05:00
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Seine Helden sind Menschen
Von Sigrid Schuer
Seine Helden sind Menschen

Horst Pilster kennt das Viertel wie seine Westentasche.

Petra STUBBE

Menschen, nicht Zahlen machen eine Stadt aus, da ist sich Horst Pilster sicher, der als Autor, Stadtführer und Viertelflüsterer sein Bremer Quartier wie seine Westentasche kennt. Er hat sich das Credo des venezianischen Dichters Carlo Goldoni zu eigen gemacht: Seine Helden sind Menschen. Und so ziehen sich deren Leben und Schicksale wie ein roter Faden durch die historischen Spaziergänge, die er durch das Viertel unternimmt. „Das Viertel“-Buch ist Ende September im Kellner-Verlag erschienen. Ein besonderer Stadtführer, nicht nur für Buten-, sondern auch für Binnen-Bremer.

Denn auch die und ganz besonders die Jüngeren unter ihnen können bei Pilster und seinen fiktiven Mitstreitern noch eine ganze Menge über ihre Heimatstadt lernen. Ab der Mitte des Buches kommen etwa Viertel- und Szene-Kenner Manni, der die wilden 68er-Jahre noch miterlebt hat und die Radio-Journalistin Andrea zu Wort. Zwischen ihnen entspinnt sich ein lebendiger Dialog, der die Lese-Struktur auflockert. Die Journalistin steuert auch so manchen O-Ton von Zeitzeugen wie Olaf Dinné bei. Im ersten Teil des Viertel-Buches nimmt Horst Pilster seine Leserschaft mit auf verschiedene Rundgänge durch die Östliche Vorstadt und spart dabei nicht mit Querverweisen.

Rudi Dutschke in der Lila Eule

Mit Olaf Dinné geht es mitten hinein in die „wilden“ Bremer Jahre. Legendär war der Auftritt von Rudi Dutschke, der Galionsfigur der Studentenbewegung, 1967 in der Lila Eule in der Bernhardstraße. Mitbegründer und Juso-Mitglied Dinné war eigens nach Berlin gefahren, um Dutschke dazu zu bewegen, einen Vortrag zu halten. Auch wenn den letztendlich niemand so richtig verstand, die Leute standen damals bis hin zum Sielwall, erinnert sich Dinné.

Nur wenige Monate später wurde der Studentenführer bei einem Attentat schwer verletzt. Doch, wer hätte schon gewusst, dass Dutschke ernsthaft mit dem Gedanken spielte, sich 1979 in Bremen niederzulassen, um aktiv in der allerersten grünen Partei mitzuarbeiten, die von einer Gruppe ehemaliger SPD-Mitglieder um Olaf Dinné gegründet worden war. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Ende 1979 starb Rudi Dutschke an den Folgen des Attentates.

Überhaupt die Lila Eule, 1959 gegründet unter der Devise „For jazzing babies only“. Hier spielten Stars der Szene wie Mr. Acker Bilk oder Chris Barber. Das Theater hatte Olaf Dinné quasi schon im Haus. Denn die „jungen Wilden“ der Intendanten-Ära Kurt Hübner wie Bruno Ganz und Vadim Glowna, die sich später zu international bekannten Schauspiel-Stars entwickeln sollten, wohnten damals über dem Jazzclub.

Olaf Dinné stand an der Spitze der Mozarttrassen-Gegner und auch die Theaterrevolutionäre vom Goetheplatz mischten damals gemeinsam mit den Viertel-Bewohnern und dem SPD-Ortsverein Altstadt kräftig mit, wie Dinné erzählt. Der Bremer Dichter Manfred Hausmann solidarisierte sich mit der Protest-Bewegung. Bundesweit titelte damals die Boulevard-Zeitung mit den großen Buchstaben: „Dichter bringt Hochhaus zum Einsturz“. Denn das Ziel von Richard Boljahn, des SPD-Granden und Aufsichtsratsvorsitzenden des gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat war es damals, die historischen Straßenzüge planieren zu lassen, um im Viertel neben einer Stadtautobahn Hochhäuser als Rendite-Objekte hochziehen zu lassen.

Auch wenn das Viertel seit Jahrzehnten mehr als alternativ angehaucht ist, die Bausubstanz vieler, schmucker Gründerzeithäuser und Bremer Häuser konnte dank der Verhinderung der Mozarttrasse erhalten werden. Dass mit der Verstärkung und Aufschüttung des Osterdeiches auch eine Verdrängung einher ging, hat der niederdeutsche Dichter Georg Droste in seiner „Ottjen Alldag“-Reihe beschrieben. Der Osterdeich avancierte Mitte des 19. Jahrhunderts zur Reiche-Leute-Gegend. „Wohnen an der Weser wurde zum Luxus“, schreibt Pilster. Und so verdrängten elegante Stadtvillen die Häuschen der armen Leute.

Im Elternhaus von Clara Westhoff in der Lübecker Straße 9 heiratete der Dichter Rainer Maria Rilke 1901 die 22-Jährige. Bremisch-bescheiden fiel die Trau-Zeremonie aus: Nach einem kurzen Spaziergang durchs Viertel wurde ein „gemütliches Abendessen“ eingenommen. Der Tag sei schließlich bei einem Glas Champagner ausgeklungen. Schon zwei Jahre nach der Hochzeit schreibt Rilke allerdings an seine erste, heftige Liebe, die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salome, die Ehe sein ein großer Irrtum gewesen. Schon 1902 ging Rilke nach Paris, um über Auguste Rodin zu schreiben. Clara Westhoff, die sich später als Bildhauerin einen Namen machte und mit der Malerin Paula Modersohn-Becker befreundet war, folgte ihrem Mann nach Paris, um die Ehe zu retten, vergebens. Kleiner Abstecher in die Populär-Kultur: In der Lübecker Straße befand sich über viele Jahre hinweg auch die Kneipe der Bremer Boygroup der 50er-Jahre, der „Drei Peheiros“. Die Bremer Musiker besangen „Ja, ja, die Liebe in der Schweiz“ in dem Film „Die Zürcher Verlobung“, den Helmut Käutner 1957 mit Starbesetzung drehte: Mit Lilo Pulver, Paul Hubschmid und Bernhard Wicki.

Eher nüchtern fiel auch die Hochzeit des vornehmen Patriziers Lüder Rutenberg aus, der seine Auserwählte 1849 in ihrer Heimatstadt Hamburg heiratete. An eine Hochzeitsreise war nicht zu denken. „Ich dachte, mit meiner lieben Frau in Bremen einige Freimarktstage zu verleben. In puncto des Geldausgebens war ich von jeher sehr penibel, gewöhnt durch die Sparsamkeit der Eltern“, zitiert der Autor ihn.

Rutenbergs Ziel war es jedoch, sein Wohnhaus zu etwas Außergewöhnlichem zu machen. 1862 ließ er für sich und seine Familie am Dobben eine repräsentative, hochherrschaftliche Villa mit einem 13 Meter langen Ballsaal erbauen, Sitz des heutigen Ortsamtes Bremen-Mitte/Östliche Vorstadt. Die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, ist jedoch weitgehend unbekannt.

Rutenberg war nicht nur Bremens bedeutendster Bauunternehmer, sondern auch ein erfolgreicher Industrieller, wie Pilster schreibt. Nach Studienaufenthalten in Kopenhagen und St. Petersburg kehrte er als 30-Jähriger nach Bremen zurück und gewann den Architektenwettbewerb für den Bau der Kunsthalle, wohl sein berühmtestes Bauwerk. Als Unternehmer und Finanzier legte er zusammen mit dem Braumeister Heinrich Beck den Grundstein für die Bremer Brauerei Beck & Co.

Und hier schließt sich der Kreis zur Mozarttrasse. So schreibt Pilster, dass der Industrielle damals schon die Idee gehabt habe, in der Östlichen Vorstadt zwecks Profitmaximierung ein großes Mietshaus für 22 Familien zu errichten. Der Bremer Senat erteilte jedoch nicht die Erlaubnis dafür. Übrigens ist auch ein Kapitel des Buches der Villa Ichon gewidmet, das Bauwerk eines weiteren, berühmten Bremer Baumeisters, Johann Georg Poppe.

Die Villa wäre dem Abriss zum Opfer gefallen, wenn sie nicht von dem Bremer Bauunternehmer und Mäzen Klaus Hübotter gerettet worden wäre. Die heute hier ansässigen Freunde und Förderer der Villa Ichon haben sich seitdem die Förderung von Kultur- und Friedensarbeit zur Aufgabe gemacht.

Weitere Informationen

Der Stadtführer „Das Viertel – Historische Spaziergänge durch die Östliche Vorstadt“ von Horst Pilster ist im Kellner-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

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