Nachmittagsbetreuung für Grundschüler Hortplätze gesucht: Eltern in Bremen-Findorff schlagen Alarm

In Bremen-Findorff fehlen ab Sommer Hortplätze für Grundschüler. Eltern schlagen Alarm, nach einer Lösung wird gesucht. Plätze für die Nachmittagsbetreuung gibt es nicht immer dort, wo sie nötig sind.
02.05.2018, 19:49
Lesedauer: 4 Min
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Hortplätze gesucht: Eltern in Bremen-Findorff schlagen Alarm
Von Sara Sundermann

Für die Kita-Zeit gibt es einen Rechtsanspruch auf Betreuung, für die Nachmittagsbetreuung von Grundschulkindern nicht. Immer wieder fehlen Hortplätze in Bremer Stadtteilen. Derzeit schlagen Eltern in Findorff Alarm: Beim Horthaus Dresdener Straße gibt es 100 Hortplätze und 132 Anmeldungen. 32 Eltern bekamen also keine Zusage, ihre Grundschulkinder stehen bislang ab Sommer ab 13 Uhr ohne Betreuung da.

Janina Raus gehört zu denjenigen, die keine Zusage für einen Hortplatz erhalten haben. Die 32-Jährige lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Findorff. Für Sohn Mads, der im Sommer in die 4. Klasse kommt, haben die Eltern nun keine Nachmittagsbetreuung. Die Grundschule am Weidedamm, die er besucht, ist keine Ganztagsschule.

"Angst um meinen Arbeitsplatz"

Das bringt Mads' berufstätige Eltern in eine schwierige Lage. "Wenn mein Mann seine Arbeitszeit nicht reduzieren kann, müsste ich noch weiter mit meinen Stunden runtergehen, aber das wäre für meinen Arbeitgeber dann nicht mehr tragbar", sagt Janina Raus. Sie arbeitet als Erzieherin für einen Elternverein, sie mag ihren Arbeitsplatz mit wenigen Kindern und kleinem Team. Ihre Stunden dort noch weiter zu reduzieren, sei für sie nicht möglich, sagt sie: „Ich wäre dann für den Elternverein nicht mehr tragbar.“ Der Grund: Dort gibt es nur eine Kindergruppe und zwei Erzieherinnen, die beide voll gebraucht würden. Ihre Reaktion, nachdem die Familie keine Zusage für einen Hortplatz bekam? "Angst um meinen Arbeitsplatz", sagt die Mutter von zwei Kindern.

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Die Lage hat es in ihrem Fall sogar doppelt in sich: Denn sollte sie wegen des fehlenden Betreuungsplatzes für ihren Sohn nicht weiter als Erzieherin arbeiten können, würde sie zugleich als begehrte Fachkraft ausfallen – Erzieherinnen werden hängeringend gesucht, um genug Kita-Plätze zu ermöglichen. Janina Raus beschreibt das so: "Ich hänge mich für eine gute Betreuung fremder Kinder voll rein und weiß meine eigenen nicht betreut." Sie hofft nun darauf, dass sich bis zum Sommer noch etwas bewegt.

Das Problem in Findorff schildert Elternvertreterin Heike Hoeft so: Hortplätze seien im Stadtteil schon in den vergangenen Jahren knapp gewesen. Nun kam noch dazu: Eine weitere erste Klasse wurde an der Grundschule am Weidedamm eingerichtet. Mehr Kinder, zu wenig Betreuungsplätze: Das Problem ist in Bremen ein Dauerbrenner. "Viele Familien stehen nun vor unlösbaren Problemen", sagt Heike Hoeft, die sich gemeinsam mit der Elternsprecherin Miriam Kalender bereits mehrfach an die Bildungsbehörde gewandt hat. Die Schule am Weidedamm solle erst 2023 auf Ganztag umstellen, bis dahin müsse fünf Jahre lang eine prekäre Situation überbrückt werden, sagt sie: "Wir sind mittlerweile ratlos."

Mehr Kinder, zu wenig Betreuungsplätze

Das marode bisherige Horthaus in Findorff wird abgerissen. Um die Zeit zu überbrücken, bis ein neues Gebäude mit Platz für fünf Gruppen da ist, soll als Zwischenlösung ein Container aufgestellt werden, in dem ein Teil der Kinder betreut wird. "Ich kann nur sagen: Wir prüfen Lösungsmöglichkeiten", sagt Behördensprecherin Annette Kemp. "Das ist aber nicht so leicht. Zusätzliche Container können nicht aufgestellt werden, weil der Platz fehlt, und eine Aufstockung der Container geht aus statischen Gründen nicht."

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Im aktuellen Schuljahr gibt es in Bremen mehr als 2180 Hortplätze, die meistens von Grundschulkindern belegt werden, vereinzelt aber auch von älteren Schulkindern. Das geht aus einer aktuellen Antwort des Senats auf eine Große Anfrage der Linksfraktion zur Nachmittagsbetreuung hervor.

Es gibt auch noch andere Betreuungsangebote der Jugendhilfe wie zum Beispiel Schülertreffs und offene Horte. Laut Senat sind insgesamt für mehr als 2540 Grundschulkinder Angebote für Nachmittagsbetreuung vorhanden. Hinzu kommen über 8300 Plätze an Ganztagsschulen, davon drei Viertel an gebundenen Ganztagsschulen, wo alle Kinder bis nachmittags bleiben.

Insgesamt kommt die Bildungsbehörde damit nach eigenen Angaben auf mehr als 10.800 Plätze in Horten, Ganztagsschulen und anderen Angeboten zur Nachmittagsbetreuung. Demgegenüber steht eine Zahl von mehr als 17.200 Grundschülern, die zum Start des laufenden Schuljahres gemeldet worden waren. Nicht jede Familie dieser Kinder braucht und möchte eine Nachmittagsbetreuung. Knapp 50 Nachmittagsplätze für Grundschulkinder blieben zuletzt nach Behördenstand von November sogar frei – allerdings möglicherweise nicht in den Bremer Stadtteilen, wo sie dringend gebraucht werden.

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Zahlen dazu, wie viele Nachmittagsplätze zum Start des neuen Schuljahrs im Sommer benötigt werden und wie viele fehlen, gebe es derzeit noch nicht, sagt Behördensprecherin Annette Kemp. Ein Bericht werde vermutlich Ende Mai erwartet.

Info

Zur Sache

Ungleiche Verteilung von Plätzen im Stadtteil

Die Linksfraktion fragte zuletzt vor allem nach der Nachmittagsversorgung in den Stadtteilen. "Wir fordern seit Jahren eine passgenaue Betreuung vor Ort", sagt Kristina Vogt, Bildungspolitikerin und Fraktionsvorsitzende der Linken. Trotz stadtweit möglicherweise ausreichend Plätzen hake es in mehreren Stadtteilen, sagt sie: Nicht nur in Findorff, sondern auch im Nordosten der Stadt, in Horn-Lehe, Borgfeld und Oberneuland. Besonders große Probleme gebe es in Bremen-Nord, in Lesum und Blumenthal. "Bremen-Nord ist bei der Nachmittagsbetreuung stark vernachlässigt worden, dort gibt es weder genug Ganztagsschulen noch genug Horte."

Vogt betont: "Es kann nicht sein, dass Eltern eine Betreuung haben, wenn das Kind in der Kita ist, dann wieder in den Beruf einsteigen und dann, wenn das Kind in die Grundschule geht, keinen Hortplatz haben und nicht weiterarbeiten können."

Die Linke erkundigte sich auch nach der Personalausstattung von Horten und Ganztagsschulen. Viele Eltern ziehen einen Hort vor. Ihr Eindruck ist, Dort gebe es meist mehr pädagogisch ausgebildetes Personal als in den Ganztagsschulen und eine Betreuung in den Ferien. Die Linke sieht die Wahrnehmung, dass Horte besser ausgestattet seien, durch die Antwort auf ihre Anfrage bestätigt: Horte bekämen tatsächlich etwas mehr Personal zugewiesen als Ganztagsschulen. Vor allem aber stünden offene Ganztagsschulen personell deutlich schlechter da als Horte und gebundene Ganztagsschulen.

Bremen will bis 2025 alle Grundschulen in Ganztagsschulen umwandeln. Horte sollten deshalb ursprünglich abgebaut und durch Ganztagsschulen ersetzt werden. Doch weil der Ganztagsausbau nur schleppend vorankommt, behält Bremen nun Horte bei, die zwei Systeme existieren parallel.

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