Sterbebegleiter leisten Beistand mit Abstand Ein Halt in der letzten Lebensphase

Die Hospizhilfe Bremen möchte durch eine Plakataktion in der Stadt Sterbenskranke und ihre Angehörigen auf die Möglichkeit der kostenlosen Sterbebegleitungen auch in der Pandemie aufmerksam machen.
13.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Halt in der letzten Lebensphase
Von Ulrike Troue

Der Corona-Alltag ist für Menschen in der letzten Lebensphase und oft auch für die Angehörigen grausam. Denn der Gedanke, in Einsamkeit sterben zu müssen oder nicht an der Seite des Todkranken sitzen und sich verabschieden zu können, ist eine starke Belastung.

Durch die Pandemie rücken die Bedürfnisse nach Nähe und Beistand oft in den Hintergrund. Zum einen weil die Kliniken und Heime die Patienten beziehungsweise Bewohner vor Ansteckung schützen wollen und die Pflegekräfte mit anderen Aufgaben schon voll ausgelastet sind. Zum anderen hält die eindringliche Mahnung, Direktkontakte auf die notwendigsten zu reduzieren, Todkranke und Angehörige davon ab, sich Hilfe zu holen. Das stellt Gunnar Zropf als Vorsitzender der Hospizhilfe Bremen angesichts der gesunkenen Nachfrage nach Sterbebegleitung fest. Viele kämen derzeit gar nicht auf die Idee, glaubt er.

„Aber sterben lässt sich nicht einfach aufschieben, bis die Inzidenzzahlen wieder sinken. Die Beistand brauchen, können nicht mehr warten“, betont Gunnar Zropf. „Menschen am Lebensende und ebenso ihre Angehörigen haben ein Recht auf persönlichen und liebevollen Beistand.“

Der Verein hat daher mit Unterstützung der Firma Ströer die Aktion „Beistand mit Abstand – Wir geben Halt“ gestartet. Zehn Großplakate, 18 elektronische Werbetafeln und 150 Plakate mit Selfies der Ehrenamtlichen machen auf die mögliche Unterstützung von Sterbebegleiterinnen und -begleitern aufmerksam. Diese Präsenz im Stadtbild, das ist Zropfs Hoffnung, soll Sterbenskranke und Angehörige ermutigen, das kostenlose Angebot der ambulanten Hospizdienste auch in dieser Krise in Anspruch zu nehmen.

Die ehrenamtlichen Sterbebegleiterinnen und -begleiter sprechen mit Palliativpatienten und Angehörigen, hören zu, versuchen, Trost zu spenden, liebe- und rücksichtsvoll einfach da zu sein – zu Hause, in der Einrichtung oder Klinik. Das gelingt trotz der Einschränkungen durch die Pandemie.

Die rund 55 für den Hospizdienst Bremen einsatzbereiten Freiwilligen, von denen derzeit 30 Sterbebegleiterinnen und -begleiter Betroffene betreuen, sind speziell geschult und mit allen erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen zum Gesundheitsschutz vertraut. „Die haben sie voll verinnerlicht“, versichert Gunnar Zropf. Viele Ehrenamtliche sind nach seiner Auskunft mittlerweile geimpft. Sechs würden unter den nötigen Sicherheitsvorkehrungen auch Corona-Patienten auf ihrem letzten Weg begleiten, berichtet der Vereinsvorsitzende.

Stefanie Schnakenberg gehört dazu. Während des ersten Lockdowns hat die 40-Jährige aus Oberneuland drei Wochen in einem Altenheim, in dem es positive Fälle gegeben hat, sechs abgeschottete Bewohner in der letzten Lebensphase begleitet. „Ich bin viel im Heim gewesen und habe sehr viel telefoniert“, berichtet sie. Ihr täglich desinfiziertes iPhone hat sich als unschätzbares Hilfsutensil erwiesen. „Ich habe mir Sprachnachrichten schicken lassen, damit ich sie am Bett vorspielen konnte“, berichtet Schnakenberg. Oder Angehörige angerufen, die so direkt mit dem Todkranken sprechen konnten.

Auf diese Weise hat mancher enge Vertraute eine letzte Möglichkeit bekommen, dem Sterbenskranken zu sagen, wie sehr er ihn vermisst und liebt, oder überhaupt zum Abschied noch etwas loszuwerden, was ihm am Herzen liegt. „Jeder für sich genommen leidet“, weiß die Oberneulanderin. So viel „Herzlichkeit und tiefe Dankbarkeit“ habe sie in dieser Dimension zuvor nicht erlebt, beteuert Stefanie Schnakenberg.

Corona hat ihr Aufgabenfeld als Sterbebegleiterin verändert, sagt die hauptberufliche Vertriebsspezialistin. Normalerweise verbringt sie rund sechs Wochen mit einem Patienten. So kann sie in Gesprächen noch herausfinden, was er mag, welche Gefühle er hat, und ihm Gutes tun, vielleicht seine Lieblingsmusik vorspielen. Diese Beziehungsarbeit wird nach Stefanie Schnakenbergs Erfahrung durch viel spontanere und kürzere Begleitungen in der Pandemie herausfordernder.

Zudem wird sie nach eigener Aussage mit „schlimmen Bildern“ in den Kliniken konfrontiert, wie sie beispielsweise aus Italien im Fernsehen zu sehen gewesen sind. „Erschreckend, was die Krankheit mit den Körpern gemacht hat“, entfährt es der 40-Jährigen. „Man darf mitfühlen, aber nicht mitleiden“, schiebt sie als wichtigstes Credo ihres Ehrenamtes nach und spricht die wichtige Pausenphase zwischen zwei Begleitungen an.

Für die selbstständige Unternehmerin, die Vertriebstraining gibt und Vertriebs-strategien vermittelt, geht es im Job um höher, schneller, weiter. Die Sterbebegleitung sei ein wohltuender Gegenpol, findet sie, weil es den Blick wieder auf das Wesentliche lenkt. Durch den Tod ihrer an Leukämie erkrankten Freundin 2013 hat sie sich dem Thema Sterben zugewendet. „Sie ist innerhalb von fünf Tagen verstorben“, erzählt Stefanie Schnakenberg. Da kämen Kopf und Herz nicht hinterher. Die Bremerin wollte verstehen, was geschehen war, und hat gemerkt, dass ihr dieses Thema liegt und sie Menschen am Lebensende und ihren Liebsten Halt geben kann.

Info

Zur Sache

Ambulante Hospizdienste für Erwachsene

Hospizarbeit ist etwas, um das Sterben würdevoller zu machen. Im Land Bremen gibt es sechs ambulante Hospizdienste: Hospiz Bremen-Nord, Hospiz Horn, Hospizdienst der Bremischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz, Hospizhilfe Bremen, das Hombre-Hospizmodell Bremerhaven und den Hospizverein Bremen. Sie verfügen gemeinhin über eine Beratungsstelle, an die sich diejenigen wenden können, die eine Begleitung für einen sterbenskranken Menschen suchen. Die ehrenamtlich tätigen und speziell geschulten Sterbebegleiterinnen und -begleiter kommen dorthin, wo sich die Sterbenden befinden: zu Hause, in Pflegeeinrichtungen, in Krankenhäuser. Die Beratung und Sterbebegleitung sind kostenlos. Mehr Informationen und Kontaktmöglichkeiten sowie Schulungstermine auf der Internetseite des Hospiz- und Palliativverbandes unter https://www.hpv-bremen.de.
Darüber hinaus stellt sich die Hospizbewegung unter der Rubrik „Themenwelten“ bei der digitalen Messe „Leben und Tod“ vor, die vom 1. bis 8. Mai veranstaltet wird. Täglich werden kostenlose Lesungen und Interviews angeboten sowie kostenpflichtig digitale Live-Workshops. Höhepunkt der Messe ist der Live-Tag am 7. Mai mit einem interaktiven Vortragsprogramm. Dann können die Teilnehmenden nach den Vorträgen mit den Referenten ins Gespräch kommen, sich in Zoom-Räumen verabreden und im Live-Chat mitdiskutieren. Workshops können einzeln gebucht werden. Die Teilnahme kostet regulär 79 Euro, Ehrenamtliche und Studierende zahlen 59 Euro. Näheres zu dieser Messe ist im Internet unter www.leben-und-tod.de zu finden.

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