Deutscher Hospiztag

Den Tod als Teil des Lebens begreifen

Friedlich einschlafen – damit dieser Wunsch vieler unheilbar Kranker und ihrer Angehörigen in Erfüllung geht, stehen ihnen in Bremen ehrenamtliche Sterbebegleiter des „Hospiz Horn“ zur Seite.
14.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Den Tod als Teil des Lebens begreifen
Von Ulrike Troue
Den Tod als Teil des Lebens begreifen

Die ehrenamtliche Sterbebegleiterin Margret Hops (rechts) hat fast zwei Jahre die todkranke Mutter von Anke Osten besucht und war für beide Frauen eine verlässliche Ansprechpartnerin.

Christina Kuhaupt

Der nahende Tod eines Angehörigen löst Betroffenheit, Ängste und Unsicherheit aus. Wann ist der Moment des Abschieds gekommen und wie sieht er aus? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Stattdessen wirft sie weitere Fragen auf, die unheilbar Kranke und ihre Angehörigen seelisch belasten.

Zum einen besteht eine Sehnsucht, so lange wie möglich am Leben teilzuhaben. Zum anderen der Wunsch nach einem friedlichen Einschlafen zu Hause. Nach Einschätzung des ambulanten Hospizvereins „Hospiz Horn“ hat die Corona-Pandemie letztgenannten Wunsch bestärkt. Der Direktkontakt hat an Bedeutung gewonnen, sodass selbst von Kurzeinweisungen in Pflegeeinrichtungen wegen der Quarantäneauflage Abstand genommen wird – aus Angst vor Isolation.

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„Es war ein fataler Fehler, sich nicht vorher damit auseinanderzusetzen, was Sterben und Tod bedeutet“, sagt Anke Osten rückblickend. Als ihr Vater vor 13 Jahren verstorben sei, habe sie es „bitter bereut, nicht mit ihm darüber gesprochen zu haben“, gesteht die Hornerin. Die unausgesprochenen Wünsche, seine Depression und das körperliche Elend, die sie in den 14 Tagen des letzten Zusammenseins mit ihm erlebt hat, liegen ihr bis heute auf der Seele. Die Hornerin fühlte sich überfordert.

Aufgrund dieser Erfahrung holte Anke Osten vor gut zwei Jahren ihre schwer kranke, damals 94-jährige Mutter für die letzte Lebensphase zu sich nach Hause und sich selbst Hilfe beim „Hospiz Horn“. Letzteres sei ihr schwergefallen, „aber man braucht Hilfe“, sagt Osten und möchte anderen Mut machen, bestehende Unterstützungsangebote zu nutzen.

„Hospiz Horn“ bietet Schwerkranken und Angehörigen zu Hause, im Krankenhaus, im Wohn- und Pflegeheim kostenlosen Beistand durch ehrenamtliche Sterbebegleiter an. „Der Bedarf nach psychosozialer Begleitung ist groß“, weiß Carolin Stijns. Die Kranken und Angehörigen entscheiden, ob sie unter Einhaltung der Corona-Schutz- und Hygienemaßnahmen besucht werden wollen oder nicht. Auch die Ehrenamtlichen haben die Wahl.

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„Deren Aufgabe hat nichts mit Pflege zu tun“, stellt Carolin Stijns als eine der vier Koordinatoren der 70 Sterbebegleiter des Vereins fest. „Was unsere Ehrenamtlichen geben, ist Zuwendung“, sagt sie. Meistens sei es das, was die Menschen in ihrer letzten Lebensphase am meisten bräuchten. „Sie machen ein Angebot: Spazieren gehen, Kaffee trinken oder einfach nur die Hand halten und zuhören.“

Spürten die Sterbebegleiter, die in Hospizkursen speziell ausgebildet werden, Ablehnung in irgendeiner Form, sei das völlig in Ordnung, so die Koordinatorin. Sie böten dann Alternativen an, um Palliativpatienten schöne Momente zu bescheren oder sie ohne Medikamente zu beruhigen. „Durch eine gute Aufklärung kann man viel beheben und erreichen“, sagt Carolin Stijns und misst dem Erstgespräch hohe Bedeutung bei. Darin geht es zunächst um die Akzeptanz des nahenden Todes und Aufklärung über den Sterbeprozess. Vor allem jedoch darum, die Bedürfnisse der Schwerkranken und Angehörigen zu ergründen. Es sei wichtig, dass man in so schweren Situation voneinander erfährt, betont Stijns.

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Die Koordinatorin sucht danach einen Sterbegleiter, der Ansprechpartner für beide Seiten ist und ihnen „Zeit schenkt“. „Wenn jemand von außen kommt, fällt es oft leichter, über Ängste zu sprechen“, schildert Ute Schünemann aus Oberneuland. „Im häuslichen Bereich ist die Verantwortung eine andere, da ist vielleicht der Mann mit der sterbenden Ehefrau ganz alleine“, weiß die Sterbebegleiterin. In einer Einrichtung indes seien stets professionelle Kräfte vor Ort. Weil die Freiwilligen ständig mit dem Tod konfrontiert sind und die Begleitung eine Beziehung auf Zeit ebenfalls belastet, achtet „Hospiz Horn“ darauf, dass sie individuelle Auszeiten nehmen. „Das ist wichtig“, findet Ute Schünemann und erinnert sich an eine junge Mutter mit zwei Kindern: „Das war heftig.“

In einer so privaten Situation ist gegenseitiges Vertrauen die Basis für Offenheit und somit ein Sterben in Würde, Geborgenheit und Sicherheit. „Keiner will jemanden an seinem Bett haben, den er nicht mag, sondern jemanden, dem er vertrauen kann“, betont Carolin Stijns. Deshalb sollte man sich der Palliativsituation früh stellen. Möglichst, wenn der Kranke noch selbst kommunizieren kann, damit die Sterbebegleiter noch Persönliches von ihm erfahren und besser auf seine Bedürfnisse eingehen könnten.

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Also hat Anke Osten alles richtig gemacht. Nach dem Erstgespräch fanden sie und ihre sterbenskranke und zwei Jahre später verstorbene Mutter in Trauerbegleiterin Margret Hops Hilfe und Entlastung. Anfangs habe sie der alten Dame nur auf Plattdeutsch aus „Ottjen Alldag“ vorgelesen, erzählt die Lilenthalerin. Dann hätte sie aus ihrer Kindheit erzählt und „es wurde immer vertrauter“. Der Umgang mit dem Tod auf dem Land hat Hops als Kind geprägt. Eine Beerdigung sei etwas Besonderes gewesen, blickt sie zurück, empfand das aber als „nicht richtig“.

Ihr Leitgedanke lautet: „den Tod ins Leben holen“. Da hakt Anke Osten ein und rät Angehörigen, die Kranken mitzunehmen, egal wie oder wohin. „Sterben kann man überall“, sagt sie angesichts des Wunsches vieler Palliativpatienten: leben bis zur letzten Minute. Sie habe oft gemeint, das sei zu anstrengend für ihre Mutter, erinnert sich Osten. Stattdessen hätte mancher Ausflug ungeahnte Energie und Lebensfreude freigesetzt.

Weil sie dazu beitragen möchte, dass der Umgang mit der Endlichkeit selbstverständlich zum Leben dazugehört, hat Margret Hops sich nach der Pflege ihrer Mutter bis zum Tod 2004 zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. Sie profitiert vom Austausch der Ehrenamtlichen, den Koordinatorengesprächen und Supervisionen. Durch die Begleitungen habe sie „besondere und bereichernde Kontakte“ geknüpft, stellt Margret Hops heraus – und empfindet sie als „Vertrauensgeschenk“.

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Zur Sache

Ambulante Hospizdienste

Ambulante Hospizdienste haben 2019 nach Angaben des Verbandes der Ersatzkassen (vdek) in Bremen 461 Menschen am Lebensende begleitet. 404 geschulte Ehrenamtliche haben den Sterbenden zuhause, in stationären Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern zur Seite gestanden. Die Ersatzkassen im Land Bremen haben die ambulante Sterbebegleitung im laufenden Jahr mit knapp 335 000 Euro unterstützt. Insgesamt erhielten die neun Hospizdienste in Bremen und Bremerhaven mehr als 891 000 Euro, davon über 804 000 Euro von den gesetzlichen Krankenkassen. Die Fördermittel dienen laut Verband vor allem der Aus-, Weiter- und Fortbildung der ehrenamtlichen Sterbebegleiter sowie der Ausstattung der Dienste mit professionellen Koordinatoren. Daneben fördern die Ersatzkassen auch Sachkosten wie Fahrtkosten und Büromaterial.

Bremer Hospiztage

Um auf die Belange schwerst und unheilbar Kranker sowie ihrer Angehörigen aufmerksam und die Hospizidee bekannter zu machen, organisiert der Hospiz- und Palliativverband Bremen mit Kooperationspartnern um den Welthospiztag herum Veranstaltungen im Rahmen der Bremer Hospiztage. Sie laufen bis zum 1. November.

Unter anderem hält die Bremer Organspendebeauftragte Sonja Schäfer am Montag, 26. Oktober, um 10 Uhr in den Räumen der Hospizhilfe, Außer der Schleifmühle 35/37, den Vortrag „Organspende: Was will ich (nicht)?“. Eine Podiumsdiskussion zum Hospizgedanken im Zeichen von Corona gibt es am Sonntag, 1. November, um 15 Uhr im Gemeindezentrum Zion, Kornstraße 31, mit Annelie Keil, Silja Samerksi, Barbara Baum, Ursula Wülfers und Peter Brockmann.

Für die Teilnahme an den Veranstaltungen ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Das Gros der Angebote ist kostenlos, nur fällt Eintritt an. Eine Programmübersicht gibt es in ausliegenden Flyern oder im Internet unter www.Bremer-Hospiztage.de.

Weitere Informationen

Mehr über den Verein „Hospiz Horn“ gibt es online unter www.hospiz-horn.de. Kontakt per E-Mail an info@hospiz-horn.de oder unter Telefon 23 52 35 montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr.

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