Atlantic Grand Hotel mit wenigen Gästen

Leben mit der Leere

Menschen, die im Hotel arbeiten, tun dies, weil sie den Umgang mit Gästen lieben. Was aber tun, wenn seit Monaten kaum Gäste da sind? Ein Besuch im Bremer Atlantic Grand Hotel.
02.05.2021, 21:37
Lesedauer: 6 Min
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Leben mit der Leere
Von Marc Hagedorn
Leben mit der Leere

Anja Sauer ist Revenue-Managerin und verantwortlich für das Team Reservierung. Sie sagt: "Die größte Herausforderung ist zurzeit, dass sehr, sehr kurzfristig reserviert wird." Den Einsatz beispielsweise von Personal zu steuern oder die Auslastung des Hotels geschickt auszubalancieren, erschwert das sehr.

Frank Thomas Koch

Marco Maniglia ist in seinem Element. Ein Herr braucht nach dem Studium der Speisekarte Entscheidungshilfe. „Was empfehlen Sie?“, fragt der Mann, „das Kalbsschnitzel oder das Skrei Filet?“ Maniglia taxiert den Gast ganz kurz, sagt dann: „Ich empfehle Ihnen das Kalbsschnitzel. Aber nicht als Kinderportion, sondern in normaler Größe.“ Die beiden Männer lachen. Der Gast bestellt.

Neun Tische sind an diesem Abend im Restaurant Alto besetzt, alle auf Abstand, maximal zwei Personen pro Tisch. Zwei Männer sind in ein Fachgespräch vertieft, dem Dialekt nach zu urteilen aus Süddeutschland, dem Thema nach aus der Automobilbranche. Ein Mann hat seinen Laptop vor sich aufgeklappt, ein anderer tippt ins Handy, ein Dritter lässt sich ein Gezapftes schmecken, offenbar sein Feierabendbier. Denn die Gäste, die hier unten im Atlantic Grand Hotel sitzen, sind geschäftlich unterwegs. Nur deshalb dürfen sie hier überhaupt absteigen und speisen.

Marco Maniglia hat das Alto bis vor drei Jahren geleitet. Inzwischen führt er das Weinkontor in der Böttcherstraße, das ebenfalls zum Atlantic gehört. Aber weil er dort wegen Corona seit Monaten keine Gäste empfangen darf, kehrt er meist für zwei Tage die Woche ins Alto zurück. Er genießt es. „Mein Beruf ist Berufung für mich“, sagt Maniglia. Dass sein Arbeitgeber ihn in Kurzarbeit schicken musste, findet er schade, aber es sei weniger die Einbuße beim Gehalt, die ihm wehtue, als vielmehr die Arbeit, die ihm fehle. „Es schmerzt“, sagt er, „ich liebe den Umgang mit den Gästen.“ Deshalb ist er an diesem Abend glücklich. Er kann ein bisschen so tun, als ob Alltag wäre.

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Ein paar Stunden vorher. In der Lobby sitzt Clemens Hieber. Er erzählt davon, was Corona für das Atlantic Grand Hotel, für ihn als Hoteldirektor und für die Branche insgesamt bedeutet. Irgendwann sagt er zu seinem Besuch vom WESER-KURIER: „Wir sitzen hier seit über einer halben Stunde, und es wird Ihnen aufgefallen sein: Kein Gast ist in dieser Zeit zu sehen gewesen. Das kennen wir sonst nicht.“

Sonst, das ist die Vergangenheit, die Zeit vor Corona. Sonst treffen hier unten in der Empfangshalle die Gäste ein, checken ein, checken aus, ein ständiger Strom. Wer in eines der 234 Zimmer will, die auf sieben Stockwerke verteilt sind, nimmt von hier aus den Fahrstuhl. „Hier unten schlägt das Herz des Hauses“, sagt Tom Brinkmann, der an der Rezeption arbeitet.

Zu ihm kommen die Leute auch, wenn sie einen Tipp für ein lohnendes Ausflugsziel in der Stadt suchen. Brinkmann empfiehlt in der Regel erst einmal die Klassiker, also Schlachte, Rathaus, Dom, Schnoor, Weserstadion. Wer dort überall schon war, kann von Brinkmann auch persönliche Tipps bekommen: etwa das Katzen-Café im Schnoor. Aber weil wegen Corona alle Restaurants geschlossen sind und überhaupt Touristen fehlen, kann Brinkmann seine Expertise zurzeit nicht an die Frau und den Mann bringen. „Das ist sehr schade“, sagt er. Und: „Es fehlt der schöne Stress.“

Atlantic Grand Hotel für eine Nacht

Entspannen und Zeitungslesen in der Lounge des Atlantic Grand Hotels ist erlaubt, wie unser Autor feststellen durfte. Getränke und Knabbereien allerdings werden hier nicht serviert. Die Bar ist geschlossen.

Foto: Frank Thomas Koch

Und das macht einer ganzen Branche Stress. Auch das Atlantic Grand Hotel ist von der Corona-Krise betroffen. Acht seiner 98 Mitarbeiter hat das Haus für die Kampagne „Bremen impft“ ans Impfzentrum ausgeliehen, die übrigen Kollegen sind in Kurzarbeit. Zwar hat das Atlantic staatliche Hilfen bekommen, aber die Einbußen bleiben immens. Im Februar hatte man 80 Prozent weniger Gäste als im Februar des Vorjahres. Für das ganze Jahr 2020 waren es im Vergleich zu 2019 unterm Strich 53 Prozent weniger Gäste. Für diesen Tag, es ist Wochenbeginn, sind 35 Anreisen angekündigt – ein Klacks im Vergleich zu früher, ein Lichtblick unter den herrschenden Bedingungen.

Diejenigen, die im Moment kommen dürfen, sind Geschäftsreisende wie Carsten Voß. Voß ist Vertriebsleiter bei einer Firma, die Fußbodenheizungen, Heizkörper sowie Schornstein- und Abgassysteme produziert. Er lebt in Gießen. Zwei Nächte pro Woche schläft er in Hotels, ist bundesweit unterwegs. Mit einem guten Gefühl, wie er sagt. „Ich habe mich in allen Hotels sicher gefühlt“, sagt er. Alle hätten gute Hygienekonzepte, die Gäste achteten auf die Abstandsregeln.

Wo bleibt die Freude?

Er liebt seinen Job, aber manchmal, sagt er, gehe trotzdem jegliche Freude am Beruf verloren, zu dem das Reisen nun einmal gehöre. Etwa wenn er in Hotels einkehre, die ihren Betrieb fast ganz heruntergefahren haben. Das Restaurant ist dann geschlossen, die Lobby verlassen, das Frühstück gibt’s als Lunchpaket zum Mitnehmen. Alle zwei bis drei Wochen kommt Voß nach Bremen, dann zieht er ins Atlantic. „Weil dieses Haus seinen Gästen auch jetzt etwas ermöglicht“, sagt er, „zum Beispiel das Essen im Restaurant. Sie glauben gar nicht, was für eine Freude das ist.“

Hoteldirektor Hieber hört das gern. Aber sein Haus muss auch etwas dafür tu

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n. Das Atlantic Grand Hotel zählt zur Kategorie der Vier-Sterne-plus-Häuser. „Wir haben den Anspruch, unseren Gästen 100 Prozent Qualität zu bieten.“ Dazu gehört, Küche und Restaurant auch jetzt offen zu halten. Normal läuft der Betrieb hier deshalb aber noch lange nicht.

Vor Corona hatte Küchenchef Daniel Otto 23 Mitarbeiter, jetzt sind es noch 16, auch sie alle in Kurzarbeit. Einige haben sich in der Zwischenzeit zusätzlich einen Nebenjob gesucht. Sonst, sagt Otto, und öffnet die Tür zur Küche, sonst arbeiteten hier sechs, sieben Köche gleichzeitig. Jetzt reicht eine ganz kleine Mannschaft. Trotzdem bietet er eine Karte an. Nicht so umfangreich wie sonst, aber immer noch mit Anspruch, erklärt er. Diese Woche unter anderem Rinderhüftsteak, Kalbstafelspitz, ein Pfund Spargel, Schokoladen-Küchlein.

„Alles ist schwieriger zurzeit“, sagt Otto. Es hängt so viel daran. Die Lieferpartner zum Beispiel, deren Bestände ausgedünnt sind. Wenn Otto jetzt Trüffel, Hummer oder besonderes Fleisch möchte, muss er manchmal viel reden, verhandeln und im Zweifel flexibel sein, wenn der Partner nicht liefern kann. Er kann überhaupt nur sehr kurzfristig planen. Und er muss ein Team führen, in dem sich Kollegen manchmal vier, fünf Wochen nicht sehen, je nachdem, wie er den Dienstplan zusammenbekommt.

Gästezahl im Atlantic Grand Hotel einstellig

An manchen Wochenenden bleibt die Zahl der Gäste einstellig. Seine Infrastruktur und sein Personal hält das Atlantic trotzdem vor. Dass sich das finanziell nicht rechnet, liegt auf der Hand. Trotzdem macht man es. „Das ist auch ein Zeichen“, sagt Hoteldirektor Hieber, „wir sind auch jetzt für unsere Gäste da.“ Und vielleicht danken die es und kommen später wieder, weil sie gesehen haben, dass sich Menschen in dieser freudlosen Zeit so viel Mühe gegeben haben.

Hotelchef Hieber ist jetzt für ein Foto auf die Dachterrasse gestiegen. Sonst finden hier Hochzeiten und Feiern statt, man hat von hier oben einen tollen Blick auf die Stadt. Im angrenzenden Raum ist die Theke poliert, es stehen gedeckte Tische bereit, dazu Desinfektionsmittelspender und Aufsteller mit dem Barcode zur elektronischen Kontaktnachverfolgung. Der Eindruck, der vermittelt wird: Hier könnte es jederzeit sofort wieder losgehen. Doch soweit ist es noch nicht.

Atlantic Grand Hotel für eine Nacht

Der ehemalige Restaurant-Leiter Marco Maniglia findet Zeit, die Pflanzen im Hofgarten zu wässern.

Foto: Frank Thomas Koch

Tatsächlich ist die Tiefgarage fast leer, sind auch Spa-Bereich und Fitness-Studio gesperrt. Egal, wann man sich durch die Gänge bewegt, um neun Uhr morgens, um 15 Uhr oder um 23 Uhr, kein Mensch, der einem begegnet, keine Stimme, die zu hören ist. Mucksmäuschenstill ist es. Die ersten Geräusche am nächsten Morgen dringen von der Straße ein, wo das Leben erwacht. Busse, Autos und Lieferwagen rattern über die Martinistraße, im Haus rührt sich noch niemand.

Hieber, sein Team, ja, die gesamte Branche wartet darauf, dass die Politik ihnen eine Perspektive aufzeigt. Dass irgendwann wieder Touristen kommen dürfen. Dass Messen, Kongresse und Seminare wieder stattfinden. Zu Beginn von Corona sah es so aus, als seien Geschäftsreisen in Zukunft vielleicht verzichtbar, als seien Videokonferenzen aus dem Homeoffice eine Lösung. Das glaubt Hieber nach einem Jahr Corona nicht mehr. „Nichts ersetzt den persönlichen Kontakt“, sagt er, „die besten Ideen sind früher an der Hotelbar entstanden.“ Er könnte sie jederzeit öffnen. Alles wäre vorbereitet.

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Zur Sache

Tourismuszahlen brechen ein

Corona hat dafür gesorgt, dass die Gästezahlen in Bremen und Niedersachsens Beherbergungsbetrieben 2020 teilweise um mehr als die Hälfte abgestürzt sind. Für die Stadt Bremen registrierte das Statistische Landesamt im vergangenen Jahr 572.441 Ankünfte von auswärtigen Gästen. Das ist ein Minus von 54,5 Prozent. Die Reisenden blieben im Schnitt 2,1 Nächte und buchten 1.206.886 Übernachtungen. Im Jahr 2019 waren es noch rund 2,3 Millionen Übernachtungen gewesen.

In Niedersachsens Großstädten wie Hannover oder Braunschweig sieht es ähnlich aus. Auch hier checkten bis zu 50 Prozent weniger Besucher ein. Glimpflicher kamen die Inseln und die Küste davon. Dort bewegten sich die Rückgänge zwischen 30 und 36 Prozent.

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