Interview mit Stephanie Goddard „Fußball hat mir Struktur und Sicherheit und Halt gegeben“

Werders Stürmerin hat im Fußball viel erreicht. Sie ist ein Kämpfertyp - auf dem Platz und auch sonst. Verletzungen haben sie ebenso wenig stoppen können wie eine schwere Herz-OP, nach der sie nach Bremen kam.
14.06.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Fußball hat mir Struktur und Sicherheit und Halt gegeben“
Von Jörg Niemeyer

Frau Goddard, Ihr Vater ist Engländer: Hat dieser Umstand etwas damit zu tun, dass Sie eine erfolgreiche Fußballerin geworden sind?

Stephanie Goddard: Nur bedingt. Mein Papa hat zwar auch Fußball gespielt. Und es war klar, dass, wenn Papa ein Spiel hatte, meine Schwester und ich auch mit zum Sportplatz gingen. Aber vor allem hatte ich schon im Kindergarten viele Jungs als Freunde, die gekickt haben. Als die in den Verein gegangen sind, wollte ich mit. Mein Papa ist bis heute jedoch mein größter Fan und Unterstützer.

Es gab damals vermutlich nicht so viele Mädchen, die Fußball spielten.

Genau. Ich komme ja noch aus einer Zeit, in der es nicht viele Mädchenvereine gab. Deshalb habe ich, so lange wie ich durfte, in Gütersloh bei den Jungs mitgespielt. Zwangsläufig musste ich in der C-Jugend zu den Mädchen wechseln. Aber man kann sagen: Ich bin mit Jungs auf dem Platz groß geworden.

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Offenbar haben sie gern mit Ihnen gespielt.

Für die Jungs in meinem Team war das total normal. Ich war mit denen ja auch immer bolzen. Ich war halt das Mädchen, das dabei war. Das hat keinen wirklich groß interessiert. Aber in den gegnerischen Mannschaften war schon häufiger zu hören: Ja ja, das Mädchen.

Waren Sie so etwas wie das Alibi-Mädchen in Ihrer Mannschaft?

Nein, das nicht. Aber in unserem ganzen Fußballkreis war ich das einzige Mädchen. Ich kann mich an kein Spiel erinnern, in dem ein anderes Mädchen mitspielte.

Mädchen- und Frauenfußball waren Anfang der 2000er-Jahre auch noch nicht so verbreitet.

In Gütersloh war mein Verein der, der den Frauenfußball aufgezogen hat. Vielleicht gab es in der Stadt noch ein oder zwei andere Mannschaften – das war’s aber auch.

Was hat Sie derart am Fußball gereizt?

Ich habe früh festgestellt, dass er mir viel Selbstvertrauen gibt, wenn ich mich gegen Jungs durchsetzen muss. Und ich habe gemerkt, dass ich das auch gar nicht so schlecht mache. Dann kommst du in die Kreisauswahl, dann erstmals in die Westfalen-Auswahl. Das war für mich natürlich super interessant. Mit Fußball konnte ich mich schon früh identifizieren. Da war für mich klar: So lange das relativ gut läuft, ändere ich daran gar nichts. Und Papa fand das ja auch total cool.

Haben Sie mal anderen Sport ausprobiert?

Das Schlimmste war, dass unsere Mutter meine Schwester und mich mal zum Ballett geschickt hat. Das war grauenvoll für mich. Später habe ich Tennis ausprobiert. Aber aus Zeitgründen musste ich mich zwischen Tennis und Fußball entscheiden.

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War’s schwer?

Überhaupt nicht.

Weil Ihr Talent im Fußball größer war?

Das auch. Aber der Wettkampfcharakter schon im Training war für mich viel entscheidender. Ich wollte ja immer spielen und gewinnen. Beim Tennis habe ich mich oft gefragt, warum ich das mache. Das wurde mir zu langweilig.

Was hat Ihnen der Fußball gegeben?

Freundschaften fürs Leben hat mir der Sport geschenkt. Er hat mir aber auch Struktur und Sicherheit und Halt gegeben. Mein Leben ist seit 16 Jahren durchstrukturiert. Ich habe meinen Sommerurlaub immer so geplant, dass es mit der Vorbereitung im Verein passt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in den Osterferien wegzufahren, weil da die Saison läuft. Ich ertappe mich aber schon mal bei dem Gedanken, was ich mache, wenn der Fußball mal nicht mehr da sein wird.

Und die Antwort darauf?

Das würde ganz viel Freiheit bedeuten. Aber darüber muss ich nicht nachdenken, so lange ich mich in der Struktur so wohl fühle. Ich glaube, dass meine Persönlichkeit durch Anerkennung im Fußball und auch durch Niederlagen gereift ist. Von vielen Erfahrungen profitiere ich heute als Sportlehrerin.

Inwiefern?

Teamgeist lässt sich auf eine Klasse übertragen. Der Zusammenhalt, die Freundschaften können einen Menschen sehr prägen. Das ist in der Schule ganz ähnlich. Auch dort bist du über viele Jahre eng miteinander verbunden.

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Sie mussten in Ihrer Fußballkarriere immer viel Disziplin an den Tag legen. Ist das auch ein Thema in Ihrem Unterricht?

Gewisse Regeln müssen immer eingehalten werden. In meiner Werder-Mannschaft gelte ich so ein bisschen als Typ der alten Schule. Aber nur so funktioniert letztlich ein Team. Und im Sportunterricht ist das ganz ähnlich. Disziplin ist ganz wichtig.

Fußball hat Ihnen offensichtlich viel gegeben. Aber hat er Ihnen manchmal vielleicht auch zu viele Entbehrungen zugemutet?

Das hat sich im Verlauf der letzten Jahre tatsächlich verändert. Im Urlaub seinen Laufplan zu machen, ist an manchen Tagen mühsam. Aber letztlich ist es so: Wenn du als Kind die Entscheidung getroffen und dann so viele positive Sachen für dich herausgezogen hast, stellen Entbehrungen überhaupt kein Problem dar. Ich hatte kein Interesse daran, am Wochenende lange zu feiern. Lieber wollte ich am Wochenende wieder ein geiles Tor schießen. Das war eher mein Gedanke.

Woran erinnern Sie sich in Ihrer Karriere besonders?

Auf jeden Fall an das U 16-Finale um die deutsche Meisterschaft, in dem ich für Gütersloh als jüngste Spielerin das entscheidende Tor geschossen habe. Und an mein erstes Länderspiel mit der U 15 und an die U 20-WM in Chile.

2011 waren Sie für einige Monate bei den Virginia Beach Piranhas in den USA. Was verschlug Sie dorthin?

Während meiner Zeit in Essen hatte ich eine Herz-OP und war ein Jahr komplett raus aus dem Fußball. Ich stellte mir die Frage, ob es danach einfach weitergehen sollte wie vorher oder ob ich etwas ganz anderes mache.

Es wurde etwas ganz anderes.

Ich musste nach der OP mal ausbrechen, musste klarkriegen, was ich im Leben möchte. Deshalb habe ich in den USA in der Sommerliga mitgespielt. Das war aber kein Teil meiner Karriereplanung, sondern nur ein Mittelding zwischen Urlaub und Fußball.

Und danach sind Sie zu Werder gewechselt.

So war es – obwohl ich mit dem HSV zu der Zeit noch eine Alternative hatte.

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Ausgerechnet der HSV. Das ist ja interessant.

Die Hamburgerinnen spielten damals noch in der ersten Liga, aber nach meiner OP war ich mir nicht sicher, ob ich beim HSV vielleicht nur auf der Bank sitzen würde. Es war klar, dass Werder in der zweiten Liga auf mich setzen würde. Das gab den Ausschlag.

Noch heute sind Sie in Bremen – bei Werder und inzwischen fest angestellt als Lehrerin.

Das war aber nie mein Plan, hierher zu kommen und zu bleiben.

Sondern?

Ich wollte ein bisschen zweite Liga spielen und irgendwann wieder in die erste Liga wechseln. Doch dann haben sich die Umstände so ergeben, dass ich mich hier sehr wohl gefühlt und in Oldenburg mein Masterstudium angefangen habe. Ich habe Freundschaften geschlossen, soziale Kontakte aufgebaut, in Findorff an der Grundschule gearbeitet – es passte alles zusammen, sodass ich mich gefragt habe: Lohnt es sich, das alles aufzugeben und woanders noch mal aufzubauen?

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Na ja, Bremen ist auch eine schöne Stadt.

Im Sommer schon, wenn die Sonne scheint und ich am Wasser sein kann. Im Winter lässt sich darüber streiten.

Sie sind demnach ein Sommermensch.

Es zieht mich dann nach draußen, an den Werdersee oder ins Blockland. Ich mag es einfach, aufs Rad zu steigen…

Und Tore zu schießen. War das immer so?

Am Anfang habe ich tatsächlich im Tor gestanden. Da habe ich so lange gemeckert, bis die Jungs gesagt haben: Okay, dann gehe ins Feld. Dort durfte ich bleiben, weil ich ordentlich Tore geschossen habe. Und dann gab es für mich nur noch die Offensive, ich wollte immer Tore schießen. Ich bin kein Läufertyp, keine, die über außen kommen kann. Und für die Abwehr bin ich einfach zu naiv.

Haben Sie mal die Hoffnung gehabt, als Profi vom Fußball leben zu können?

Nein, nicht mal in meinen Hochphasen. Selbst frühere Topspielerinnen wie Birgit Prinz haben noch studiert oder eine Ausbildung gemacht. Du musst ja so viel Geld bekommen, dass du eine ganze Menge weglegen kannst.

Klingt nicht gerade nach rosigen Aussichten.

Ich habe nach dem Abitur ein Jahr nur Fußball gespielt. Ich fand es unfassbar langweilig, den ganzen Tag nur aufs Training zu warten. Es ist sehr naiv zu glauben, selbst mit Werbeverträgen als 30-Jährige ausgesorgt zu haben. Und fange dann mit 30 erst mal eine Ausbildung an.

Das klingt danach, dass sich eine Fußballerin immer dual orientieren sollte.

Ja. Meine Eltern waren immer darauf bedacht, dass aus mir außer einer Fußballerin noch etwas anderes wird. Und das würde ich auch heute jeder Spielerin empfehlen.

Entsprechend früh haben Sie sich für die Ausbildung zur Lehrerin für Sport und Sonderpädagogik entschieden.

Noch in meiner Zeit in Gütersloh habe ich ein Praktikum an einer Sonderschule gemacht. Das fand ich cool. Und mit Kindern konnte ich irgendwie schon immer.

Mit welchem Fazit werden Sie eines Tages Ihre Karriere beenden?

Es hat sich gelohnt, immer dranzubleiben. Ich hatte eine Herz-OP, einen Kreuzbandriss, einen Meniskusriss und zuletzt Probleme mit der Bandscheibe. Ich habe aber nie daran gezweifelt, dass ich trotz der Verletzungen weiter Fußball spielen kann. Wenn sich eine Fußballkarriere wegen des Geldes vielleicht auch nicht lohnt: Es gibt tausend andere gute Gründe.

Die Fragen stellte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Stephanie Goddard spielt seit 2011 für den SV Werder, zunächst in der 2. Fußball-Bundesliga, zwischendurch drei Jahre und in der kommenden Saison erneut in der Bundesliga. Die 32-jährige Lehrerin an der Sportbetonten Schule Ronzelenstraße – Fächer: Sport und Sonderpädagogik – bestritt insgesamt 80 Erstliga-Einsätze für Werder, die SGS Essen und den MSV Duisburg.

Info

Zur Sache

DFB verbot Frauenfußball lange

Mädchen- und Frauenfußball hat in Deutschland keine lange Tradition. Anfang des vergangenen Jahrhunderts galt er als moralisch verwerflich. 1955 verbot der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seinen Vereinen, Frauenfußball anzubieten. Die Frauen spielten trotzdem, nur nicht unter dem Dach des DFB. Ende 1970 hob der DFB das Verbot auf. Am 10. November 1982 fand gegen die Schweiz das erste offizielle Länderspiel des Frauen-Nationalteams statt.

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