Stadtteilserie: Folge 6 Huchtinger kehren immer wieder zurück

Bremen. Wer in Huchting aufgewachsen ist, bleibt auch dort oder kehrt wieder zurück. Das meint zumindest Ortsamtleiterin Annette Yilditim. Nicht-Huchtingern ist der Stadtteil vor allem wegen des Roland Centers bekannt. Doch Huchting hat mehr zu bieten.
29.09.2010, 07:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Huchtinger kehren immer wieder zurück
Von Ulrike Troue

Bremen. Die Straßenbahn passiert die weite Wiesenlandschaft des Parks Links der Weser und endet am größten Einkaufszentrum Huchtings, dem Roland-Center. „Das kennen die meisten“, bestätigt Annette Yildirim, stellvertretende Ortsamtsleiterin beim Streifzug durch die vier Ortsteile der ehemaligen Landgemeinde Huchting: Kirchhuchting, Mittelshuchting, Sodenmatt und Grolland.

Rund 100 Fachgeschäfte unter einem Dach und die Bike&Ride-Anlage am alten Dorfweg markieren unverkennbar städtische Strukturen. Die als Hochstraße durch Huchting geführte B 75 und bis zu achtgeschossigen Hochhäuser, zum Beispiel im Belgischen Viertel in Mittelshuchting, dem Ortsteil mit den meisten Einwohnern, untermauern dies.

Tatsächlich prägt Wohnen das Gesicht des Stadtteils. Einzelhandelsgeschäfte ziehen sich verstreut an der Kirchhuchtinger Landstraße entlang, mittelständische und größere Produktionsbetriebe, unter anderem der Lenksystementwickler Nacam und der Stahl- und Werkstoffhändler ThyssenKrupp Schulte als zwei der größten Arbeitgeber, sind in mehreren kleineren Gewerbegebieten angesiedelt.

Im Stadtteil leben, nicht unbedingt vor Ort arbeiten – mit diesem veränderten Grundgepräge können die Huchtinger offenbar gut leben. „Die meisten Bewohner fühlen sich als Huchtinger, sie bleiben im Stadtteil wohnen oder ziehen nach einem kurzen Abstecher in andere Stadtteile irgendwann wieder hierher zurück“, stellt Annette Yildirim heraus. Den Eindruck dörflicher Prägung manifestiert die historische Mitte in Kirchhuchting: das Ensemble St.-Georgs-Kirche, Dorfkrug und Grundschule.

Fast überall auf den Straßen sind an diesem Wochentag Menschen unterwegs – unterschiedlichster Herkunft. Mit rund 34,5 Prozent ist der Anteil an Migranten an der Gesamtbevölkerung Huchtings mit rund 30000 Einwohnern hoch. „In Huchting gibt es fast alles für den täglichen Bedarf, sodass die Huchtinger gar nicht raus müssen“, betont die beflissene Tourleiterin und hebt auf die kurzen Wege ab – zum Einkaufen, zur Schule oder zu Sport- und Freizeitstätten wie dem „einmaligen Netzwerk“, dem Bürger- und Sozialzentrum. „Huchtinger fahren Fahrrad, daran sind sie zu erkennen.“

Hohe Identifikation

Die Verkehrsinfrastruktur bietet sich zum Radeln an. Fahrradwege säumen die Hauptstraßen, Randstreifen mit viel Begleitgrün die reinen Wohngebietsstraßen. Einfamilien- und Reihenhäuser mit zum Teil penibelst gepflegten Vorgärten spiegeln die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier wider, zum Beispiel in den Straßenzügen Brakkämpe, Tom Dyk, Luxemburger Straße oder in der Grollander Straße mit dem Kulturhof der Familie Borchelt. Zum Teil grenzen Einfamilienhäuser mit riesigen Gärten direkt an kleine Siedlungshäuschen oder Reihen- oder dreigeschossigen Wohnhäuser.

Diese Identifikation und das soziale Gemisch von Normalverdienenden und Hartz V-Empfängern in einigen Vierteln, die Vielfalt der Bevölkerung lässt sich an mehreren, der durch sozialen Wohnungsbau Anfang der 1960er Jahre aus dem Boden geschossenen Mehrgeschosshäusern ablesen: üppig berankte Blumenkästen neben Teppich verhangenen Balkonen, liebevoll gestaltete Beete neben verwildert wirkendem Rasen in den Vorgärten.

In den vergleichsweise günstigen genossenschaftlich verwalteten Wohnungen haben sich viele Migranten ein neues Zuhause eingerichtet. „Auch sie fühlen sich hier wohl“, leitet Yildirim im Vorbeifahren an kleinen Grüppchen ab, die sich bei so schönem Wetter wie heute zum Beispiel im sogenannten Holländerviertel in Vorgärten, auf Spielplätzen und anderen öffentlichen Grünflächen treffen. Sie hocken auf Zäunen oder mitgebrachten Stühlen und plauschen offenbar angeregt miteinander. Die Mieterinitiative Den Haager Straße organisiert sogar Umzugshilfen, weiß Annette Yildirim.

Dieses tolerante Miteinander, das zugegebenermaßen nicht allerorts im Stadtteil vorherrscht, legt die stellvertretende Ortsamtsleiterin als Form von Verbundenheit aus. „Dörfliche Strukturen sind da, diese Menschen leben sie nur anders“, findet sie. „Ohne die Gewboa in Huchting, das wäre schlimm“, stellt sie fest und zeigt damit bewusst wie überzeugt eine offene Flanke.

So bringe sich der Bremer Immobiliendienstleister und Sanierungsträger unter anderem durch ein aktives Stadtteilengagement, Teilnahme an Stadtteilnetzwerken und Mieteraktionen wie der „School-is-out-Party“ kontinuierlich im Quartier ein, beschäftige Hausmeister und „Müllscouts“, gestalte Grün- und Spielflächen und arbeite ein Sanierungskonzept ab.

Im krassen Kontrast dazu stehen die tristen und ungepflegten Wohnblöcke im hinteren Bereich der Robinsbalje, die Privatvermieter verwahrlosen lassen: ausgebrannte Müllcontainer, demolierte Briefschlitze, ins Grau verblassende Fronten oder die mit „259 Ghetto“-Graffiti beschmierte Fassade, kaputte Fenster und fehlende Türfüllungen, durch die Schimmel Einzug hält. „Hier befindet sich das Quartier, das uns in Huchting die meisten Sorgen bereitet“, bekennt Annette Yildirim ganz offen. „Wer irgendwie kann, zieht weg. Viele sind jedoch froh, überhaupt eine Wohnung zu bekommen.“

Die Förderung aus dem Programm „Wohnen in Nachbarschaften“ ist in dieser von Stagnation gebrandmarkten Gebäudeballung und von Tristesse geschwängerten Atmosphäre enorm wichtig. „Auch hier wird’s bald besser, daran wird das in diesem Herbst fertig werdende Quartiersbildungszentrum Robinsbalje einen großen Anteil haben“, versichert die Verwaltungsvertreterin. Und sie spricht außerdem Bemühungen des Beirats zur Aufwertung des Quartiers Robinsbalje an, zum Beispiel bei der Unterstützung eines Kunstprojekts der Wilhelm Wagenfeld Schule.

Erste Verschönerungsmaßnahmen sind schon zu sehen. Annette Yildirims Finger zeigt auf die bunten Mosaike vorm Eingang der Kita Robinsbalje, die Sitzschlange und den Hahn. „In der Kita sind Eltern sehr aktiv, auch die, welche sonst schwer zu erreichen sind, “ sagt Yildirim in der Überzeugung, dass sich ein angenehmes Umfeld positiv auf die Einstellung und damit auf das friedliche Miteinander verschiedener Kulturen auswirkt.

Die Szene auf dem Schulhof nebenan bekräftigt diesen Eindruck: Auf dem Mini-Fußballfeld jagen sechs Kids unterschiedlicher Herkunft dem Ball nach. „Das wird so gut angenommen“, beobachtet Annette Yildirim, „die Bewohner sehnen sich nach schönen Aufenthaltsorten.“

Huchtings grüne Lungen

Ebenso wie nach wärmenden Sonnenstrahlen. Dicht an dicht liegen Alt und Jung am Sodenmattsee-Strand. Vier Jungen schubsen sich quietschvergnügt gegenseitig von der Badeinsel ins Wasser. Einer spritzt fast die Beachvolleyballer nass.

In dieser grünen Lunge im Ortsteil Sodenmatt atmen die Huchtinger durch. Die als Beschäftigungsträger fungierende Stadtteilfarm mit Kleingetier und offenen Angeboten für Kinder und Jugendliche sowie die schmale Schotter-Zufahrtstraße mit Imker und Wirtshäuschen suggerieren ländliche Idylle und versprühen entsprechenden Charme.

Ursprüngliche Natur lässt sich im Naturschutzgebiet entlang der Brokhuchtinger Landstraße erleben. Leicht von der Teerstraße zurückversetzt liegen linkerhand traditionelle Bauernhöfe, rechts erstreckt sich weite Marschlandschaft. „Übers Freiland ist der Dom zu sehen“, bemerkt die stellvertretende Ortsamtsleiterin und fragt sich, wie lange diese ursprüngliche Landschaft noch unberührt bleibt.

Im vorderen Abschnitt wurde als Lückenschluss zur „Papageiensiedlung“ am Roggenkampsweg, wo die moderne Lesart des Bremer Hauses in Blassblau oder Orange leuchtet, eine hellgelbe Reihenhaus-Neubausiedlung erschlossen. Am anderen Ende der Brokhuchtinger Landstraße ist ein weiteres Neubaugebiet mit 400 Wohneinheiten geplant. Eine Bebauung sieht die Neustädterin mit Herz für Huchting aber in naher Zukunft nicht.

Wie ein fehlendes Puzzleteil fügt sich indes das Neubaugebiet Achterkampsweg an der Hermannsburg in die vorhandene Siedlungsstruktur ein. Schmuck sehen die neuen Einfamilienhäuser in Friedhofsnähe aus, deren Bauherrennamen nicht unbedingt deutsch klingen. „Wenn Menschen mit ausländischen Wurzeln in Eigentum investieren, spricht das dafür, dass sie sich wohlfühlen und bleiben“ , leitet Annette Yildirim daraus ab.

„Huchting ist ein Stadtteil, der noch wächst“, bemüht sie die Statistik. Umso mehr Bedeutung misst sie den Kontaktpolizisten (Kops) bei, „die im Alltag präsent sind und Dorfpolizistencharakter haben, weil sie ihre Pappenheimer von kleinauf kennen.“ Außer dem Sicherheitsgefühl ist die Bildungslandschaft für Yildirm ein wichtiger Standortfaktor. „Wir sind glücklich, dass wir sehr aktive Schulen haben, so können alle Schüler im Stadtteil bleiben.“

Vorbildlich findet sie den Kindergartenneubau der St.-Pius-Gemeinde: helle Räume und Platz zum Toben. Größtes Sorgenkind ist aktuell die geplante Verlängerung der Straßenbahnlinien 1 und 8. Dagegen wächst der Widerstand.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+