Ein Naurschutzwächter berichtet

Hüter der wertvollen Marschlandschaft

Dennis Horstmann ist als ehrenamtlicher Naturschutzwächter für das Gebiet Niedervieland mit Ochtumniederung und Stromer Feldmark zuständig. Dort sind viele Tiere und Pflanzen beheimatet.
20.04.2019, 17:45
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Hüter der wertvollen Marschlandschaft
Von Ulrike Troue
Hüter der wertvollen Marschlandschaft

Dennis Horstmann ist als ehrenamtlicher Natuschutzwächter in Niedervieland im Einsatz.

Christina Kuhaupt

Dennis Horstmann lässt seinen Blick über das weite, flache Marschenland schweifen, das von Gräben durchzogen ist, und verliert sich in der Weite des Himmels. Der Stromer genießt das jeden Tag aufs Neue. „Ich arbeite da, wo andere Urlaub machen“, sagt er – und empfindet das als großes Glück. Das Landschaftsschutzgebiet Niedervieland mit Ochtumniederung, Wiedbrok und Stromer Feldmark sind Heimat vieler Tiere und Pflanzen, wertvolle Naherholungsgebiete für Jung und Alt und zugleich der Arbeitsplatz des 40-jährigen Landwirts.

Der Erhalt dieser wertvollen Lebensräume sichert Dennis Horstmann seine Existenzgrundlage und ist ihm nicht nur von daher ein persönliches Anliegen. Bereits seit 17 Jahren betreut er diese drei Gebiete im Bremer Süden ehrenamtlich als Naturschutzwächter im Auftrag des Umweltressorts.

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„Ich bin hier aufgewachsen, kenne viele Tiere und Pflanzen, weil ich sie jeden Tag gesehen habe, und habe viel von meinen Eltern mitbekommen“, erzählt der leidenschaftliche Landwirt, der für seinen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen zu 90 Prozent Grünland bewirtschaftet. „Und es gibt spezielle Pflanzen, die kenne ich, weil ich Landwirt bin und sie zum Teil auf meinen Flächen vorkommen, um die Artenvielfalt zu sichern.“

Als ehrenamtlicher Naturschutzwächter ist Dennis Horstmann zu regelmäßigen Kontrollgängen und -fahrten durch sein Revier angehalten. Dabei soll er ein Auge auf die natürlichen und landschaftlichen Gegebenheiten werfen. „Ich mache das meist mit dem Trecker, weil ich damit sowieso fast jeden Tag unterwegs bin“, erzählt der agile Stromer und merkt nebenbei an, dass allein das Gebiet Niedervieland 904 Hektar Fläche misst. Beruf und Ehrenamt will er gar nicht trennen.

Dennis Horstmeier - Strom - Naturschutzwacht - Serie zum Thema Naturschutzgebiete

Dieses Nest mit Kiebitzeiern liegt versteckt im langen Gras. Dennis Horstmann hat es entdeckt und mit Stangen markiert, denn der Kiebitz gehört seit Jahren zu den stark gefährdeten Brutvögeln.

Foto: Christina Kuhaupt

Bremen verfolgt eine richtige Naturschutzpolitik

„Ich beobachte vor allem die Zugvögel und das ganze Brutgeschehen“, berichtet Dennis Horstmann. Er führt auf Empfehlung der Naturschutzbehörde eine Art Tagebuch, in dem er seine Beobachtungen aufzeichnet. Bei der Durchsicht der Notizen, die er sich seit 2002 macht, gewinnt der 40-jährige Familienvater den Eindruck, dass Bremen die richtige Naturschutzpolitik verfolgt und sieht sich in seinem freiwilligen Engagement bestätigt. „Die Brutvögel werden tendenziell mehr, weil wir eine besonders artenreiche Vielfalt in Niedervieland haben, unter anderem Wiesenbrüter wie den Großen Brachvogel, Kiebitz oder Rotschenkel“, stellt der Naturschutzaktivist fest, weil er bei den gezählten Brutpaaren und -erfolgen einen Anstieg registriert.

In den Arbeitsanweisungen des Umweltsenators, die den Naturschutzwächtern ausgehändigt werden, steht unter anderem auch, dass diese die Einhaltung der geltenden Schutzbestimmungen überwachen und Besucher und Erholungssuchende über die Schutzgebiete informieren sollen. Außerdem gehören kleinere Reparatur- und Pflegearbeiten zu den Aufgaben der freiwilligen Behördenmitarbeiter.

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In den vergangenen Jahren hat Dennis Horstmann verstärkt Leute ertappt, die sich fernab von Wegen und ausgewiesenen Bereichen ein „schönes Plätzchen gesucht haben“, um zum Beispiel ein Picknick zu machen. „Auch die wilden Müllablagen sind deutlich mehr geworden, manche Menschen werden immer dreister“, stellt der 40-Jährige fest. „Früher war es vielleicht ein Abfallbeutel, den ich einsammeln musste, heute sind es teilweise richtige Berge von Müll oder auch Rasenschnitt“, berichtet er von Umweltsündern, die auf einem Weg im Naturschutzgebiet ihr Auto anhalten und sich des Unrats entledigen.

Die größte Veränderung stellt der Stromer bei den Flugobjekten fest. Er beobachtet eine deutliche Zunahme von Drachen, Drohnen und Modellflugzeugen im Luftraum von Flächen, die ausschließlich der Natur vorbehalten sind. „Ich spreche die Leute dann darauf an“, erzählt Horstmann, der sich auf Nachfrage auch als offizieller Naturschutzwächter Bremens ausweisen kann und bei seinen Patrouillen an dem grün-weißen Emblem der Naturschutzwacht auf seinem Käppi oder am Auto zu erkennen ist. „Meistens reicht es, wenn man ihnen höflich erklärt: Bitte unterlasst das, weil es die Tierwelt stört!“

Komplette Anleinpflicht im Vogelbrutgebiet

Dennoch gibt es dreiste Wiederholungstäter, die den Naturschutzwächter ärgern. Die größte Gruppe bilden nach seiner Erfahrung Hundebesitzer, die ihre Lieblinge frei herumlaufen lassen. Sie ließen ihre Vierbeiner übers Marschland tollen, obwohl in dem Vogelbrutgebiet komplette Anleinpflicht bestehe, stellt Dennis Horstmann mit Nachdruck klar. „Hartnäckigkeit zahlt sich aber aus“, sagt er voller Überzeugung. Den ganz ignoranten Haltern klopfe er immer wieder auf die Finger, irgendwann hätten sie es begriffen.

Im schlimmsten Fall könnte er die Polizei verständigen, berichtet der verlängerte Arm des Umweltressorts. Verbieten könne er selbst niemandem etwas, nur auf bestehende Verbote hinweisen. Auch die Feststellung der Identität der Person ist nach Horstmanns Auskunft Sache der Polizei. „Andere Kollegen haben in ihren Gebieten mit wilden Anglern Probleme, da ist das schon vorgekommen“, weiß er durch den regelmäßigen Austausch mit den neun anderen Naturschutzwächtern im Pool, die das Umweltressort mindestens zweimal im Jahr organisiert. Dabei erfährt er, wer welche Probleme hat. „Bei Exkursionen in andere Naturschutzgebiete bekommen wir auch viele Informationen darüber“, erzählt Dennis Horstmann. „Ich lerne immer noch dazu.“

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Besondere Vorkenntnisse seien sicher hilfreich, räumt Dennis Horstmann ein, würden für dieses Ehrenamt aber nicht verlangt. „Kiebitz und Storch wird wohl jeder unterscheiden können“, bemerkt der drahtige Landwirt fast beiläufig. Solches Grundwissen setzt der im dörflich geprägten Stadtteil Seehausen aufgewachsene Bremer voraus. Dass die blau blühenden Schwanblumen in den Gräben nicht gepflückt werden dürfen, mag weniger bekannt sein. „Die Blüte dient zur Vermehrung und als Insektenschutz“, musste der Landwirt Spaziergänger im Niedervieland aufklären. Daraufhin haben sie die Finger von der Pflanze gelassen. „Sobald ich im Gelände bin, gehe ich auf Personen zu, die sich hier falsch verhalten“, erzählt der Stromer.

Viele Erholungsuchende wüssten gar nicht, was sie falsch machen, stellt Dennis Horstmann immer wieder fest. „Wenn man sie darauf anspricht und darüber informiert, dass es ein besonders schützenswertes Gut ist, das wir für die nächsten Generationen erhalten müssen, dann sind die meisten einsichtig“, sagt der jüngste der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Naturschutzwacht Bremen. Und das ist seine Motivation.

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Info

Zur Sache

Niedervieland

Das Landschaftsschutzgebiet Niedervieland mit dem Ochtumsperrwerk liegt zwischen Hasenbüren/Seehausen und Strom und umfasst rund 904 Hektar Fläche. Am Hasenbürener Deich wurden zwei Wasserlandschaften als Ausgleichsmaßnahmen angelegt: Der Rastpolder „Duntzenwerder“, ein 30 Hektar großer Grünpolder, der in den Wintermonaten geflutet wird und zahlreichen Wasser- und Watvögeln als Rastplatz dient, sowie das Tidebiotop Vorder-/Hinterwerder, wo sich durch die periodischen Überschwemmungen der Wesertiden wieder auentypische Lebensräume entwickeln.

Das vergleichsweise extensiv genutzte Grünland, das Feucht- und Nassgrünland, Gräben, Röhrichte, Hochstaudenfluren und Magerrasen bieten Lebensräume für eine große Pflanzenvielfalt mit einem hohen Kräuteranteil und stark bedrohte Wiesenbrüter. Charakteristisch für diese Marschenlandschaft mit einem dichten Grabennetz ist das Nebeneinander von landwirtschaftlich genutztem Grünland und Industriestrukturen an den Rändern, wie Stahlwerk und Güterverkehrszentrum.

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