Verein MTV feiert Geburtstag Hüter des maritimen Erbes

Vor 30 Jahren haben sich Menschen in Bremen-Nord zum Verein „Maritime Tradition Vegesack Nautilus“ zusammengetan. Was sie in diesen 30 Jahren erlebt und bewegt haben.
23.06.2017, 15:37
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Volker Kölling

Vegesack. Dem Verein Maritime Tradition Vegesack Nautilus hat Vegesack eine Rückbesinnung auf seinen Kern als kleine maritime Stadt zu verdanken. Eine Flotte geretteter Traditionsschiffe trägt den Wimpel des Vereins: An Land der Schlepper „Regina“, im Wasser die BV II „Vegesack“, die Barkasse „Vegebüdel“. Der Jugendwanderkutter „Vegefeuer“ wurde sogar neu gebaut. Die Geschichte des „MTV“ ist genau 30 Jahre alt.

Kneipier und Kaufmann, Fregattenbauer und Journalist. Als am 3. Mai 1987 beim Gründungstreffen des MTV Nautilus auch noch Frauen in einem Verein zur Bewahrung der maritimen Traditionen in Vegesack mitmachen wollen, ist das manchem zu viel des Guten. „Ich fand das nicht gut. Und ich halber Hahn habe das dann auch noch laut gesagt,“ lacht Helmut Behling kopfschüttelnd in die Runde: „Das war natürlich ein Fehler.“

„Allenfalls an unseren Gesichtern in der Runde ahnt man, dass wirklich schon dreißig Jahre seit der Gründungsversammlung vergangen sind,“ schmunzelt Moderator Gerald Sammet. Jeder in der Runde hat so seine Geschichten mit dem MTV erlebt und will sie an diesem Abend erzählen. Eine Klönrunde hat sich im Nautilushaus getroffen, um Geschichten zur Vereinsgeschichte zu erzählen.

Norbert Lange-Kroning erinnert sich noch an einen ersten Gründungsversuch, zu dem nicht genügend Mitglieder gekommen waren. Dann wird die Pressearbeit verbessert und dann kamen auch tatsächlich 57 Menschen in die Gaststätte Paulaner. Gerald Sammet gibt den Stab weiter: „Dieter, an Dir haftet doch so der Hauch unseres Gründungsmythos. Du hast jetzt das uneingeschränkte Rederecht.“

Und Dieter Meyer-Richartz geht auf Zeitreise: Er erinnert sich an ein Vegesack, in dem es bei seiner Rückkehr nach Jahren der Seefahrt plötzlich keine Fassmacher, keine Blockfabrik, keine Fischerei und keine Tauwerksfabrik in Grohn mehr gab – und das alles auch noch in Vergessenheit zu geraten drohte. Er sah die tolle Promenade, die Signalstation und hatte die Idee zur Schaffung der „Maritimen Meile“. Er sprach darüber mit dem damaligen Ortsamtsleiter Heinz Behrens.

Von der Rettung des Dampfers „Wal“ war bald die bald Rede, aber Dieter Meier-Richartz wollte keinen Dampfer. Als er in Vegesack seine Kneipe „Nautilus“ in der Breiten Straße aufmachte, hatte er Unmengen an maritimem Nippes gesammelt – aber es gab eben noch kein Schiff und keine Signalstation. Dafür holte er noch vor der Vereinsgründung das Ruderhaus eines Binnenschiffes von Dieter Töllers Firma ab: „Dafür musste ich ihn und seine Jungs nur auf einmal Labskaus und Bier zu mir in die Kneipe einladen. Das Ruderhaus hat uns seitdem überallhin begleitet, wo wir etwas gemacht haben: Auf das Schleusenfest in Lemmer, wo wir mit drei gecharterten Schiffen waren. Auf unseren Stand auf der Messe Boatfit bis jetzt zu den Matjestagen in Emden.“

Während es Dieter Meier-Richartz nach eigenen Worten anfangs in erster Linie um die Bewahrung maritimer Tradition ging, gab es im MTV eine starke Fraktion Schiffe erwerben und nach Vegesack holen wollte. Unternehmer Norbert Lange-Kroning war dann schon ganz früh immer der kühle Kopf, der bei jedem wilden Plan auch die kaufmännische Machbarkeit im Auge behielt – und dafür auch so manchen Strauß auszufechten hatte, ohne dafür jemals erster Vorsitzender zu sein. Dieter Meier-Richartz blickte im Vereinslokal „Nautilus“ besorgt auf die Kontostände: „Wir hatten selten mehr als 500 Mark in der Vereinskasse und nun wollten wir ein Schiff kaufen, ohne zu wissen wovon.“

Norbert Lange-Kroning hatte einen Plan und hat noch heute jeden einzelnen Schritt auf dem Weg zur Inbesitznahme der „Nostra“ aus Hamburg in Erinnerung: „Wir haben einen Arbeitskreis Schiffskauf gegründet. Ich habe damals die Eignerin in Hamburg überzeugt, uns die Nostra für 5000 Mark zwei Wochen her zu bringen.“ Wenn die örtliche Wirtschaft, die Bevölkerung und die Politik begreifen, dass hinter der „Nostra“ das erste überhaupt auf dem Bremer Vulkan gebaute Schiff steckt, werden die Spendengelder nur so fließen, lautete sein Kalkül. Norbert Lange-Kroning: „Wir haben sie alle auf das Schiff geholt – alle die Geld oder etwas zu sagen hatten. Es gab eine Unzahl Einzelgespräche und alle waren total begeistert von dem Schiff.“

Bremens Innensenator Bernd Meier sicherte dem Verein praktisch beim Ausscheiden aus dem Amt noch einen Zuschuss von 140 000 Mark durch die Stiftung „Wohnliche Stadt“. Die Bremer erhielten eine Kaufoption und konnten weiter Geld sammeln. Lange-Kroning einigt sich mit der Brauerei Beck über das Sponsoring tönerner Bierkrüge. Er freut sich noch heute diebisch über die Überraschung bei Beck's, als die fleißigen Vereinsmitglieder binnen anderthalb Jahren 25 600 Bierkrüge verkauft hatten: „Das waren noch einmal 256 000 DM. Da konnten wir dann das Schiff kaufen, weil wir wussten, wir kriegen den Kaufpreis von 600 000 Mark zusammen.“

Dicke blaue Ordner machen auf dem großen Tisch im Nautilushaus die Runde. Rolf Kronshage hat die Fahrten der BV II „Vegesack“ dokumentiert: Die schmucke Gaffelketsch aus genietetem Stahl neben der Gorch Fock auf der Sail Bremerhaven 1995. Immer wieder tauchen Berichte und Fotos von der Kieler Woche auf. Karin Kronshage erinnert sich mit Schaudern an die erste Kieler Woche 1990: „Wir waren da immer voll gebucht und ich war die einzige Frau an Bord für das Catering.“ Sie bekam in den folgenden Jahren Verstärkung.

Von Musikanten an Bord gelockt gingen manchmal Hunderte Menschen an einem Tag über das Schiff, das gerade wieder einmal ausgebucht die Kieler Woche besucht. Karin Kronshage: „So ist es bis heute geblieben: Wir brauchen die Wochen dort, auf der Hansesail in Rostock und weitere Charterfahrten auch durch unsere Mitglieder für den Unterhalt des Schiffes.“

So fährt der Segellogger nach Frankreich, bis nach Helsinki in die Ostsee, die Hansestädte ab und durch die schottischen Kanäle bis in die Irische See. Immer gibt es neue Ziele. Fest ist der Zweimaster nur im Winterlager im Vegesacker Museumshafen zu bestaunen.

Dass der Hafen heute so schmuck aussieht und Schwimmstege hat, ist nach der Lesart der MTV-Mitglieder auch ihrem Engagement und Anstoß zu einem neuen Hafenkonzept zu verdanken. Zu den schönen Schiffen kam man vorher nicht ohne Dreck an den Händen – von den verrosteten Hafenleitern in der Kaje. Dieter Meier-Richartz: „Wobei man natürlich der Fairness halber sagen muss, dass es immer auch die anderen Schiffe des Kuttervereins im Hafen gab, die mit ihren Besatzungen und Gästen die gleichen Probleme gehabt haben und sich auch beschwert haben.“

Ende 1993 kam mit der Barkasse „Vegebüttel“ das nächste schwimmende Denkmal zum MTV Nautilus. Mit der Firma Jacob Jürgensen erfand Norbert Lange-Kroning dann nach dem Bierkrug-Coup mit Beck's auch noch den „Vegesacker Matjesschluck“. Begründung: „Ein prima Bier hatten wir ja schon, aber wir wollten ein Gedeck mit einem guten Schnaps.“

1995 übernahm der MTV endgültig die Signalstation und feierte den einhundertsten Geburtstag der BV II „Vegesack“ mit einem Fest in Kostümen aus alter Zeit. Karin Kronshage erinnert sich, wie streng hochgeschossen und schwarzweiß gekleidet sie plötzlich daherkam: „Aber das war original: Das trug man vor hundert Jahren so.“

Ein Jahr später - 1996 - schaffte der Verein das Helgoländer Börteboot „Lesum“ an. Ein Jahr danach feierte der MTV seinen zehnten Geburtstag im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus. 2001 kam das Projekt „Wietze“ ins Rollen. Es ging um einen kompletten Neuaufbau eines weiteren Heringsloggers auf der Beschäftigungswerft Bremer Bootsbau Vegesack, die damals noch zur gläsernen Werft werden sollte. Am Ende verschwand das Schiff in der Insolvenzmasse des BBV-Niedergangs und liegt noch heute als halbes Wrack auf dem alten Betriebsgelände an der Weser.

Pleiten und Fehlschläge sind beim Klönschnack aber nicht das große Thema. Da hat in der Runde wohl jeder mal daneben gelegen oder Mist gebaut. Nach zwei Stunden Klönschnack im 2008 eingeweihten Nautilushaus sind jedenfalls noch lange nicht alle Geschichten zu den 30 Jahren im MTV erzählt. Und irgendwie fehlt den Vereinsmitgliedern auch etwas, bis Norbert Lange-Kroning auffällt, was es ist: „Wir sollten diese Runde mal an einer anderen Stelle fortsetzen: In Dieters altem Lokal 'Nautilus', das ja so lange praktisch unser Vereinsheim gewesen ist. Da treffen wir uns im Herbst dann auf ein Bier.“

„Wir hatten selten mehr als 500 Mark in der Vereinskasse.“ Dieter Meier-Richartz
„Alle waren total begeistert von dem Schiff.“ Norbert Lange-Kroning über die BV2
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+