1. Etappe des Grenzgängers Hunger, Durst und Sonnenbrand am Storchennest

Chefreporter Jürgen Hinrichs hat sich viel vorgenommen: Er möchte einmal zu Fuß um Bremen herum, rund 150 Kilometer und möglichst nahe an der Stadtgrenze entlang laufen. Los geht es am "Storchennest".
13.07.2015, 00:00
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Hunger, Durst und Sonnenbrand am Storchennest
Von Jürgen Hinrichs

Die Krähen krähen, als würden sie sich unterhalten, und vielleicht tun sie das ja auch. Es sind ein paar Dutzend, die am Ende des Flugfeldes hocken, geschützt vom Zaun, weshalb sie ganz beruhigt sein können, da droht kein Mensch und auch kein Tier, das Beute machen will. Krähen-Konferenz, ein idealer Platz dafür. Zwischendurch startet ein Flugzeug, aber an den Lärm haben sich die Vögel offenbar gewöhnt. Sie rühren sich nicht vom Fleck, unbeeindruckt, stoisch fast, nur dass sie krähen, die Krähen.

Unterwegs auf der Kladdinger Straße, die am Flughafen vorbeiführt und wenig später auf die Ochtum trifft. Kein schöner Weg für den Wanderer, der aufpassen muss, dass ihn von hinten kein Auto erwischt. Die Sonne scheint, sie brennt, wie sich später zeigen wird, doch noch ist bei dem Wind, der weht, nichts davon zu merken.


Los geht es am „Storchennest“, da noch mit Begleitung. Das Haus am alten Arm der Ochtum stammt aus dem Jahr 1577, wie der Fries über dem Eingang verrät. Es ist nach dem Rathaus das älteste Amtsgebäude in Bremen und steht unter Denkmalschutz.


Das Zollhaus von damals ist heute das „Storchennest“, ein Gasthaus, das zurzeit leer steht, für das es aber bereits neue Pläne gibt. Von dort, der einen Grenze, einer ehemaligen Zollgrenze zwischen Bremen und dem Gebiet der Grafen von Delmenhorst, laufen wir an der alten Ochtum entlang Richtung Flughafen. „Schauen Sie“, sagt Elmshäuser und zeigt auf die Häuser am Deich in Grolland, „das ist die typische Siedlerarchitektur der 1930er-Jahre.“


Plötzlich ein Polizeieinsatz. Der Beamte auf seinem Elektrofahrrad stellt einen Hundehalter zur Rede, der eines seiner beiden Tiere auf dem Deich frei herumlaufen lässt. Der Mann muss seinen Ausweis zeigen und bekommt ein saftiges Bußgeld aufgebrummt, 60 Euro. Hat er es nicht gewusst oder war es ihm egal? Brut- und Setzzeit! Vom 15. März (nur in Bremen übrigens so besonders früh) bis zum 15. Juli müssen Hunde an der Leine geführt werden. So erklärt es der Polizist, denn wir selbst hatten das auch nicht gewusst. Elmshäuser grinst, als er sieht, wie der Reporter in seinem Block notiert, was dem Hundehalter gerade passiert ist: „Da haben Sie ja schon Ihre erste Geschichte.“

Kurze Verwirrung an einer Brücke in Höhe der B 75. Wie weiter, und wo ist sie denn nun – die Landesgrenze? Navigationsgerät und Karte helfen schließlich. Hier ist sie, genau hier, und nun geht das erst richtig los, allein, Elmshäuser verabschiedet sich, der Grenzgänger in der Spur.


Nie gesehen vorher und etwas Besonderes. Das 240 Hektar große Gebiet in Kirchhuchting wird in weiten Teilen von Landwirten genutzt. Es ist ein Park und auch wieder keiner. Natur jedenfalls, und wenn man auf dem Heulandsweg einmal quer durch läuft, ist das ein seltsamer Kontrast.

Die Stadt, so fühlt sich das an, ist ganz weit weg. Gleichzeitig sieht man sie und hört sie auch. Ein Grundrauschen mit Ausschlägen nach oben, wenn eine Sirene heult, Autos hupen oder ein Flugzeug startet.

Nähe und Distanz. Der weite Himmel, die Wiesen, Pferde darauf, die so stoisch sind, wie die Krähen am Flughafen und keine Anstalten machen, sich mal zu bewegen oder auch nur den Kopf zu heben, wenn man ruft und gestikuliert, um sie fürs Foto in Trab zu bringen. Die Gräben mit der Entengrütze. Schmale Wege, die abzweigen und neugierig machen. Wohin mögen sie führen?

Idylle. Und dann doch auch das andere. In der Ferne der Fernsehturm in Walle, auch der Weser-Tower ist zu sehen, die Silhouette der Stadt als Rahmen für ein Naturerlebnis. Nähe und Distanz.

Alles schön, aber langsam reicht es. Die Sonne, Durst und Hunger, verdammt, ein Idiot, wer das nicht bedenkt. Kein Laden auf dem Weg, als die erste Siedlung erreicht ist, kein Kiosk, nichts. Stattdessen ein Friedhof. Er liegt wie eingebettet, umschmiegt von der Landesgrenze.

Es ist der Friedhof Huchting, Teil Stuhr. Es ist also einerseits Bremen und andererseits Niedersachsen. Ein Zwitter, könnte man sagen, doch nur vom Namen her. Denn zuständig, punktum, sind die Bremer. Sie haben die drei Hektar große Fläche vor rund 30 Jahren den Nachbarn abgekauft, weil der eigentliche Friedhof zu klein geworden war. So ist auf Stuhrer Gebiet eine Bremer Exklave entstanden.

Der Friedhof führt auf die Stuhrer Landstraße, wo sich Stoßstange an Stoßstange die Autos reihen. Feierabendverkehr. „Wir kommen schneller voran“, ruft mir eine Radlerin zu, die mich auf dem Bürgersteig überholt. Stimmt, sie hat recht. Ein paar Hundert Meter noch, und das Ziel ist erreicht. Die sogenannte Haferflockenkreuzung, wo Stuhr aufhört und Varrel beginnt.

Warum die Kreuzung so heißt, und wie es dahinter weitergeht auf meiner Wanderung, hinein in ein Gebiet, das traumhaft verlassen liegt und mich zurück zur Ochtum bringt: Nächstes Mal.

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