Aktionsprogramm für Bremer Krankenhäuser Hygiene-Kontrollen alle zwei Jahre

Bremen. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will nach dem Keimausbruch im Klinikum Mitte die Hygienesituation in Bremens Krankenhäusern verbessern. Dazu hat sie ein Landesaktionsprogramm auf den Weg gebracht.
11.12.2011, 05:00
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Hygiene-Kontrollen alle zwei Jahre
Von Sabine Doll

Bremen. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will die Hygienesituation in Bremens Krankenhäusern verbessern. Dazu hat sie ein Landesaktionsprogramm auf den Weg gebracht. Auslöser ist der Keimausbruch im Klinikum Mitte, bei dem mindestens neun Frühchen erkrankten und drei gestorben sind.

Jetzt geraten auch die nicht-kommunalen Krankenhäuser im Land unter Zugzwang. Die Senatorin will die Hygiene in allen Kliniken künftig genauer unter die Lupe nehmen - zum Beispiel durch sogenannte verpflichtende Hygieneaudits. Danach müssen die Kliniken alle zwei Jahre verpflichtend Auskunft über die Hygienesituation in ihrem Haus geben: Wie häufig es zu Infektionen mit multiresistenten Keimen gekommen ist, wie darauf reagiert wurde, wie viel Hygienepersonal beschäftigt ist, welche Patienten bei der Aufnahme auf gefährliche Keime untersucht werden, ob alle geltenden Vorschriften eingehalten werden. Die Ergebnisse sollen veröffentlicht werden.

Ein guter Ansatz, findet Stefan Herget-Rosenthal, Ärztlicher Geschäftsführer und Chefarzt der Medizinischen Klinik am Rotes Kreuz Krankenhaus (RKK) in der Neustadt. "Wir unterstützen das Landesaktionsprogramm vorbehaltlos. Allerdings sind wir irritiert, dass mit diesem politischen Befreiungsschlag aus dem 'Hygiene-Skandal' verbundene Folgekosten, etwa diejenigen der zukünftigen Audits, offenbar allein den Krankenhäusern zugewiesen werden sollen", betont der Mediziner.

Die Klinik mit insgesamt 302 Betten sieht er bereits jetzt gut gewappnet im Kampf gegen multiresistente Keime. So beschäftige das Krankenhaus zwei hygienebeauftragte Ärzte und eine Hygienefachkraft, eine weitere soll hinzukommen. Risikopatienten für eine Infektion mit multiresistenten Erregern würden bei der Aufnahme untersucht, ob sie bereits solche Keime mitbringen. Zudem würden Ärzte und Pflegepersonal regelmäßig geschult.

Rotes Kreuz Krankenhaus und Diako sehen sich gewappnet

Daten zu Keimen und Infektionen schickt das Krankenhaus zur externen Prüfung laut Herget-Rosenthal an ein Überwachungssystem des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Daran nehmen derzeit etwa 400 der insgesamt 2000 Kliniken in Deutschland teil. Die Krankenhäuser können sich in acht Programme einschreiben, die auf spezielle Bereiche wie Operationsabteilungen, Intensivstationen oder Allgemeinpflegestationen abgestimmt sind.

Eines von ihnen ist auch das Diako in Gröpelingen. Laut Geschäftsführer Walter Eggers befindet sich das Krankenhaus im Bremer Westen "auf einem überdurchschnittlichen Umsetzungsstand hinsichtlich der flächendeckenden Qualitätssicherung in der Krankenhaushygiene", unter anderem weil es sechs dieser KISS-Programme nutze. Die Klinik mit 413 Betten verfüge zudem bereits seit vier Jahren über ein elektronisches Frühwarnsystem für Keimbefunde, wie es die Krankenhäuser des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) jetzt einführen wollen.

Das Diako beschäftigt zwei Hygienefachkräfte, 14 hygienebeauftragte Ärzte, zwei pro Fachabteilung; darüber hinaus sei ein externer Krankenhaushygieniker zehn bis zwölf Mal im Jahr vor Ort und untersuchte Oberflächen sowie medizinisches Gerät auf Keime. Neu aufgenommene Patienten, bei denen multiresistente Keime festgestellt wurden, würden sofort isoliert und behandelt, bis sie keimfrei seien.

"Wir stellen uns gerne den geplanten Hygieneaudits und haben keine Bedenken vor der Veröffentlichung der Ergebnisse", heißt es aus dem St.Joseph-Stift in Schwachhausen. Die Klinik mit 458 Betten verfügt nach eigenen Angaben ebenfalls seit Längerem über ein elektronisches System, mit dem multiresistente Keime bei Patienten erfasst werden, und nehme mit an fünf KISS-Programmen teil. Anlass, einen eigenen Aktionsplan in Sachen Hygiene zu entwickeln, wie es derzeit die Geno-Kliniken tun, sieht die Geschäftsführung nicht. "Die Hygienemaßnahmen in unserem Haus funktionieren bisher einwandfrei."

Verantwortlich sei der ärztliche Direktor, der von vier hygienebeauftragten Medizinern, einer Hygienefachkraft und einem beratenden Krankenhaushygieniker aus Hamburg unterstützt werde. Demnächst soll laut Klinikleitung eine weitere Hygienefachkraft eingestellt werden. Alle Maßnahmen seien zudem in einem Hygieneplan formuliert, der für alle Mitarbeiter im Intranet der Klinik zur Verfügung stehe. In Schulungen werde das Personal regelmäßig unter anderem in der Händedesinfektion geschult. Patienten werden bei der Aufnahme auf Keime untersucht und bei positivem Befund isoliert und behandelt.

Roland-Klinik nimmt Patienten mit positivem Keimbefund nicht auf

Auch in der Roland-Klinik ist das Patienten-Screening eine zentrale Maßnahme bei der Keimbekämpfung. Die Strategie der orthopädischen Fachklinik mit insgesamt 180 Betten ist es, dass Patienten mit positivem Keimbefund zunächst nicht aufgenommen werden. Konkret heißt das: Der Patient muss keimfrei sein. Bei dieser Behandlung unterstützt die Klinik den niedergelassenen Arzt.

Alle auffälligen Befunde werden laut Klinikangaben von der zuständigen Hygienefachkraft gesichtet; das Krankenhaus verfügt außerdem über einen hygienebeauftragten Arzt, ein zweiter soll hinzukommen. Die Klinik am Werdersee sieht sich für die regelmäßigen Hygienekontrollen, die das Landesaktionsprogramm der Gesundheitssenatorin vorsieht, gut gerüstet.

Dies ist auch der Tenor aus der Paracelsus-Kurfürstenklinik, die wie alle anderen Krankenhäuser an dem Bremer MRSA-Netzwerk teilnimmt. Es will die Verbreitung der sogenannten methicillinresistenter Staphylococcus aureus, kurz: MRSA, eindämmen. Diese Keime sind jedes Jahr für etwa eine halbe Million Infektionen in deutschen Krankenhäusern verantwortlich. Mit dem Netzwerk, das es bereits seit mehreren Jahren gibt, ist Bremen anderen Bundesländern voraus.

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