Hygienekonzept für die Sommerferien

So sollen Reisende im Bremer Hauptbahnhof vor Corona geschützt werden

Mit einem speziellen Hygienekonzept bereitet sich die Bahn auf die Sommerferien vor. Der Bremer Hauptbahnhof ist einer von sieben bundesweit, an denen das Konzept getestet wird, um Erfahrungen zu sammeln.
29.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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So sollen Reisende im Bremer Hauptbahnhof vor Corona geschützt werden
Von Florian Schwiegershausen
So sollen Reisende im Bremer Hauptbahnhof vor Corona geschützt werden

Der Bremer Bahnhofsmanager Heiko Siemers steht auf Gleis 1. Mit ihrem Corona-Konzept will die Bahn Fahrgäste zurück gewinnen.

Frank Thomas Koch

In der Eingangshalle des Hauptbahnhofs klebt ein Mitarbeiter vor einem Ticketautomaten Abstandsschilder auf den Boden. Interessiert schaut aus der ersten Etage der Sicherheitsmitarbeiter der Drogerie von seinem Panoramaplatz zu: „Der ist schon seit Stunden dabei.“ Denn mit den Klebeschildern macht der Mitarbeiter den Bahnhof für die Sommerferien corona-tauglich.

Der Hauptbahnhof ist bundesweit einer von sieben Bahnhöfen, an denen die Deutsche Bahn Erfahrungen mit ihrem Corona-­Konzept für den Beginn der Sommerferien sammelt. Bahnhofsmanager Heiko Siemers sagt: „Als es darum ging, welche Bahnhöfe bereit wären, als erste das Konzept umzusetzen, habe ich mich für Bremens Hauptbahnhof gemeldet.“ Nun schauen Siemers und die Mitarbeiter am Hauptbahnhof, wie es damit läuft. Siemers steht wiederum in Kontakt mit den Managern der anderen Hauptbahnhöfe, um sich auszutauschen und sich gegenseitig Tipps zu geben.

Maskenpflicht nicht an allen Bahnhöfen

Wer die Eingangshalle betritt, wird das Corona-Konzept nicht übersehen. Zuerst trifft er auf eine drei Meter hohe Säule. Dort kann er sich seine Hände automatisch mit Desinfektionsmittel einsprühen lassen. „Ein Tank reicht für 9000 Sprühstöße“, erläutert Siemers. Hier gehe es eben auch darum, Erfahrungen zu sammeln – sprich: Nach wie vielen Tagen muss der Tank mit Desinfektionsmittel aufgefüllt werden. Einen kleinen Spender gibt es vor dem Eingang zu den Schließfächern. Siemers sagt: „Gerade hier, wo die Menschen viel anfassen, haben wir gedacht, dass Bedarf dafür ist.“ Während er das erzählt, hat Siemers sein Gesicht mit einem Nasen-Mundschutz bedeckt. Denn der ist Pflicht am Bremer Hauptbahnhof. Das wiederum ist nicht an allen Bahnhöfen in Deutschland so, weil auch das Sache der Bundesländer ist.

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„In Schleswig-Holstein zum Beispiel besteht auf den Bahnhöfen keine Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung.“ Das muss die Bahn bei ihren Hinweisen auf den Infotafeln berücksichtigen. Dort ist zu lesen: „Gemeinsam geht das.“ Die anfängliche Bitte um einen Nasen-Mundschutz wie hier in Bremen ist bundesweit an großen Bahnhöfen inzwischen einer Aufforderung gewichen. Das mache der Bundespolizei ihre Arbeit an den Hauptbahnhöfen einfacher, wenn sie Passanten und Fahrgäste auf die Tragepflicht der Schutzmasken hinweisen.

Weitere Klebeschilder auf dem Boden vor dem Infopoint sollen helfen, dass die Schlange für die Wartenden die richtige Richtung nimmt und sich nach Möglichkeit nicht mit denjenigen in die Quere kommt, die sich in der Wartezone direkt davor hinsetzen möchten. Als Nächstes geht es in die Gänge zu den Gleisen. Auf den Stufen zu den Gleisen weisen ebenfalls Schilder darauf hin, möglichst Abstand zu halten. Die Pendlerzüge am Morgen sind inzwischen allerdings schon wieder so voll, dass es nicht gerade einfach ist, den Abstand einzuhalten, wenn die Menge aus dem Zug die Treppe hinunter strömt.

Menschenpulks vermeiden

An den Gleiskanten nahe der Treppen fordern Pfeile auf, das Gleis bitte auf der ganzen Länge zu nutzen, um Menschenpulks zu vermeiden. „Wir beobachten es immer wieder, dass viele doch am Bahnsteig genau neben der Treppe warten und sich nicht über die gesamte Bahnsteiglänge verteilen.“

Während der Fahrt soll es weitergehen. Morgens, wenn die Fernzüge starten, sind alle Türdrücker, Haltestangen und Griffe sowie die Toiletten gereinigt. In allen Fernzügen sollen während der Fahrt die Toiletten und Kontaktflächen alle zwei Stunden gereinigt werden, in den Regionalzügen im Durchschnitt drei Male pro Tag. Dafür verdoppelt die Bahn bis Juli die Zahl ihrer Reinigungskräfte im Fernverkehr auf 500 Mitarbeiter, ab August sollen 600 Mitarbeiter unterwegs im Einsatz sein. In jedem Fernzug soll genug Wasser, Seife und Papierhandtücher vorhanden sein. Desinfektionsmittel gibt es mit der Einschränkung „fast überall“.

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Essen gibt es in den Zügen nur verpackt, es wird auch vorerst nicht an den Platz serviert. Zeitungen können die Passagiere während der Fahrt nur noch digital statt auf Papier kaufen. Die Fahrgäste sollen außerdem nach Möglichkeit nur am Fenster sitzen und den Gangplatz freihalten. Dafür will die Bahn so viele Züge wie möglich auf die Bahn bringen, damit dennoch genug Platz ist.

Wer im Internet bucht, kann bei den Zügen nun viel schneller sehen, inwiefern die schon gut ausgebucht sind. Sie sollen viel schneller als voll angezeigt werden, als das noch vor einem Jahr der Fall gewesen ist. Ein halb voller ICE soll nun bereits als voll gelten. Mit diesen Schritten will die Bahn das Vertrauen der Kunden gewinnen, damit diese wieder in die Züge zurückkommen. Bundesweit waren die Züge über das Pfingstwochenende schon wieder zu 55 Prozent ausgebucht. „Himmelfahrt und Pfingsten dienten für uns als so etwas wie eine Generalprobe für die Sommerferien“, sagt Bahn-Sprecherin Franziska Hentschke.

Reiseanfragen für Polen und Italien

Dass so mancher Fahrgast zurückkommt, kann Torsten Achtert feststellen. Er arbeitet seit mehr als 40 Jahren im Reisezentrum und an der DB-Reiseinformation, um den Kunden die nötigen Zuginfos zu geben. Er bemerkt: „Inzwischen erkundigen sich die Gäste auch wieder gezielt nach Verbindungen beispielsweise nach Polen oder Italien.“ Das freut den Bahnmitarbeiter. Nun dürfen die Passagiere nicht bereits auf der Fahrt an den Urlaubsort in den Ferienmodus verfallen und selbst die Schutzvorkehrungen einhalten. Bremens Bahnhofsmanager Heiko Siemers wird ebenso weiterhin seinen Mundschutz mit dem Wort #twistern tragen. So trägt er seinen Heimatort Twistringen nicht nur im Herzen, sondern auch über Mund und Nase.

Der Mitarbeiter, der sorgsam die Corona-Warnschilder über den ganzen Bremer Hauptbahnhof verteilt hat, hat am Ende sieben Stunden dafür gebraucht. Sollte doch mal eines der Klebeschilder auf dem Boden zu sehr verschleißen, hat Siemers davon vorsichtshalber ausreichend Ersatz gelagert – es soll ja schließlich bis Anfang September halten, wenn auch im letzten Bundesland in Deutschland die Sommerferien vorbei sind.​

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