Julia Engelmann beim WESER-Strand-Talk

„Ich fühle mich nicht erwachsen“

Vor fünf Jahren wurde Julia Engelmann mit einem Poetry-Slam-Auftritt berühmt. Heute nennt sich die Bremerin selbst Dichterin. Beim WESER-Strand-Talk spricht sie über Glück, Erfolg und das Erwachsenwerden.
04.05.2019, 17:16
Lesedauer: 4 Min
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„Ich fühle mich nicht erwachsen“
Von Kim Torster
„Ich fühle mich nicht erwachsen“

Zuschauer haben Julia Engelmann Fragen in ein Poesiealbum geschrieben.

Fotos: Christina Kuhaupt

Was ist Glück? Eine gewagte Frage. Zu groß ist das Risiko, dass man als Interviewer keine Antwort erhalten könnte. Denn die Glücksfrage ist zwar einfach gestellt, aber schwierig zu beantworten. Glücklicherweise hatte Moderatorin Bärbel Schäfer am Freitagabend beim WESER-Strand-Talk jemanden vor sich sitzen, der Fragen dieser Art aus dem Stegreif beantworten kann. Glück, Liebe, Erwachsenwerden – das sind Themen, die zu Julia Engelmanns Tagesgeschäft gehören. „Ich denke viel über Glück nach“, sagt Engelmann an diesem Abend.

Denn Engelmann ist Dichterin. Ihre Texte verpackt sie in Bücher und Lieder. Regelmäßig geht sie damit sogar auf Tour, trägt Gedichte und Songs vor großem Publikum vor. Ihr Vater war es, der ihr vorschlug, auf Tour zu gehen, wie sie im WESER-Strand-Talk verrät. „Wer soll denn da kommen?“, habe sie gefragt, probierte es aber trotzdem – und war erfolgreich. Julia Engelmann füllt große Hallen, einfach so.

Angefangen hatte alles im Jahr 2013, mit einem Poetry Slam in Bielefeld. Engelmann, damals 20 Jahre alt und Psychologiestudentin, trug dort einen Text vor, der sich mit dem alltäglichen Aufschieben von Dingen beschäftigt. Angelehnt an den Song „One Day Baby We‘ll be Old“ heißt es dort: „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Engelmann kritisiert darin, was ihrer Generation häufig vorgeworfen wird: Lethargie. Am Ende ruft sie dazu auf, endlich etwas zu ändern: „Also lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen.“

Berühmt über Nacht

Fast ein Jahr später teilt jemand das Video ihres Auftritts in den sozialen Netzwerken – Engelmann wird praktisch über Nacht berühmt. Es gibt kaum jemanden, der das Video nicht kennt. Fast auf den Tag genau sechs Jahre später sitzt Engelmann auf der Couch im WESER-Strand-Talk im Café Sand und trägt eine Jacke, auf die ein Zitat von eben jenem Auftritt gestickt ist. „Lass mal an uns glauben“, steht dort in silberner Schreibschrift.

Ihr erster bekannter Text ist längst zu ihrem Markenzeichen geworden. Als Bärbel Schäfer sie darauf anspricht, dass Fans sich einzelne Zitate daraus sogar tätowieren lassen haben, ist das nicht neu für Engelmann, aber immer noch schwer zu glauben. Das sieht man ihr an. Sie vergesse diese „andere Welt“ im Alltag gerne, erzählt sie. Sowieso fühle sie sich nicht unbedingt berühmt. „Und die Autogrammjäger“, fragt Schäfer? „Die gibt‘s nicht“, behauptet Engelmann, obwohl sie kurz vor dem Auf-tritt noch ein paar Bücher signiert hat, die Gäste aus dem Publikum extra mitgebracht hatten.

Dass „die Art“ wie sie „Dinge betrachte“ so viel Zuspruch finden könnte, sei ihr lange nicht bewusst gewesen. Heute höre sie an dem Feedback, das sie erhalte, oft, dass die Menschen sich durch ihre Texte weniger allein fühlten. Das freue sie sehr. Engelmann beschreibt sich in ihren Texten selbst häufig als eine Art Außenseiterin. In „Stille Wasser sind attraktiv“ singt sie: „Und manchmal hab ich das Gefühl, ich bin anders und allein / keiner scheint mir ähnlich und keiner scheint mir nah zu sein / und manchmal hab ich das Gefühl, niemand ist wie ich / Ein Platz, an den ich passe – den gibt es für mich nicht.“

Als Kind sei sie so still gewesen, dass Erwachsene sich bei ihren Eltern häufig erkundigten, ob mit ihr alles in Ordnung sei. „Ich glaube, ich habe immer ein bisschen ernst geguckt“, sagt Engelmann. Sie sei eben schon immer eine Grüblerin gewesen. In der Schule habe sie zwei Klassen übersprungen.

Bremen müsse nichts besser machen

Aufgeblüht sei sie schließlich beim Theaterspielen. Bei den Jungen Akteuren am Bremer Theater traf sie auf Gleichgesinnte, wie sie sagt. Bis heute verbinde sie dieses Gefühl mit der Hansestadt. „Ich fühle mich hier freundschaftlich beheimatet, aufgehoben“, sagt sie. Was Bremen besser machen sollte? „Gar nichts,“ findet sie. Ja, Bremen sei unterschätzt. Aber eben nur von denen, die noch nie hier gewesen seien.

Später habe sie – ebenfalls in Bremen – ihren ersten Poetry Slam besucht. Die Gedichte und die Vortragsweise hätten sie sofort „verzaubert“. Da habe sie gleich gewusst: „Das will ich auch machen!“

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Am 13. Mai wird Engelmann 27 Jahre alt. Das Erwachsenwerden ist eines ihrer großen Themen. „Kann ich das noch lernen?“, fragt sie und lacht. Schäfer fragt, ob sie sich mit fast 27 Jahren denn noch nicht erwachsen fühle. „Nein, du?“, fragt Engelmann. „Also, ich mit meinen 28 Jahren finde mich erwachsen“, sagt die 55-jährige Schäfer. Lachen, Applaus. Das Gespräch wirkt leichtgängig, Julia Engelmann antwortet stets prompt, fragt selbstbewusst nach, wenn sie nicht weiß, wie Fragen gemeint sind, anstatt etwas zu erzählen, nach dem Schäfer vielleicht gar nicht gefragt hatte.

Wortkarg beim Thema Politik

Nur beim Thema Politik wird Engelmann wortkarg. „Politik beschäftigt mich, aber es gibt Menschen, die da besser drüber sprechen können als ich“, sagt sie. Selbst als Schäfer versucht aus ihr herauszukitzeln, wem sie bei der anstehenden Wahl ihre Stimme geben wird, bleibt Engelmann eisern. Natürlich werde sie wählen gehen, sagt sie. Mehr bekommt Schäfer an diesem Abend nicht aus ihr heraus.

Auch, als es darum geht die Fragen der beiden Bürgermeister-Kandidaten zu beantworten, ist Engelmann auf einmal ungewohnt diplomatisch. Als Carsten Sieling (SPD) sie fragt, was sie ihm für seine anstehenden Legislatur als Bürgermeister rate, sagt sie iro­nisch: „Endlich fragt mich mal einer!“ Und dass er auf sein Bauchgefühl hören solle. Und als Carsten Meyer-Heder (CDU) sie fragt, auf was sie sich besonders freue, wenn sie nach Bremen kommt, sagt sie: „Ich gucke immer zuerst, ob die Weser noch da ist.“ Julia Engelmann lässt sich keine Themen aufzwängen.

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Also zurück zur Glücksfrage, Engelmanns Metier: Sie habe eine Menge Glück, sagt sie. „Aber ich bin auch dankbar dafür.“ Das wiederum mache sie glücklich. Ihr großes Glück sei, dass sie mit ihrer Lyrik Geld verdienen könne. Dass sie darin die Dinge verarbeiten könne, die für sie selbst relevant sind. Das sei am Ende eben auch ihre Definition von Erfolg: „Jeder ist erfolgreich, der etwas tut, was ihm wichtig ist.“

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