Altbürgermeister Jens Böhrnsen im Interview

"Ich funke nicht dazwischen"

Jens Böhrnsen hat nach der Wahlschlappe den Rückzug angetreten. Jetzt spricht er über seine Auszeit, seinen Nachfolger und die Entwicklung des Bremer Nordens.
15.01.2016, 18:00
Lesedauer: 6 Min
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Jens Böhrnsen hat nach der Wahlschlappe den Rückzug angetreten. Jetzt spricht er über seine Auszeit, seinen Nachfolger und die Entwicklung des Bremer Nordens.

Herr Altbürgermeister, Herr Ex-Bürgermeister oder nur Herr Böhrnsen – wie werden Sie am häufigsten angesprochen?

Jens Böhrnsen: Die Anreden fallen unterschiedlich aus. Als ich vor ein paar Tagen durch die Stadt ging, kam alles vor, sogar Herr Senior-Bürgermeister.

Und welche Anrede ist Ihnen am liebsten?

Einfach Herr Böhrnsen.

Was stört sie an Altbürgermeister?

Eigentlich nichts, aber wie alle, die etwas älter sind, will ich nicht ständig darauf hingewiesen werden.

Ist Altbürgermeister nur ein Titel oder auch eine Rolle, an die andere Erwartungen knüpfen sollen?

Ich glaube nicht, dass das eine Rolle ist, die man öffentlich spielen muss. Darum werde ich nicht am Rand des politischen Spielfeldes stehen und den Akteuren zurufen, was sie alles anders machen müssen.

Sondern?

Es gibt eine Tradition in Bremen: Ehemalige Bürgermeister geben zwar Antworten, wenn sie gefragt werden, funken aber nicht besserwisserisch dazwischen.

Wie oft sind Sie schon um Rat gefragt worden, seitdem Sie nicht mehr im Amt sind?

Das kommt durchaus häufig vor. Und meine Antwort ist dann...

...Wie? Sie haben eine für alles?

Nein, nicht eine für alles. Aber ich antworte dann häufig: Ein Jegliches hat seine Zeit.

Und damit begnügen sich Ratsuchende?

Die Antwort passt auf vieles.

Jetzt hören Sie sich nicht wie ein Ex-Bürgermeister, sondern wie ein Prediger an.

Das empfinde ich nicht als Vorwurf. Ich habe schon häufiger auf einer Kanzel gestanden. Und ich war Bürgermeister, und ich war es gerne. Es waren für mich zehn interessante und wichtige Jahre. Aber jetzt bin ich, was viele sind: ein politisch interessierter Mensch und mehr nicht.

Haben Sie sich an den Wechsel vom Bürgermeister zum Ex-Bürgermeister gewöhnt?

Der Wechsel war ja so nicht vorgesehen gewesen. Wir haben ein besseres Ergebnis für die SPD zur Wahl im Mai erhofft und durften wenige Tage zuvor nach Umfragen auch mit diesem Ergebnis rechnen. Dass das anders gekommen ist, hat mich veranlasst, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das war keine leichte Entscheidung, aber ich bin mit mir im Reinen.

Man hat lange von Ihnen nichts gehört und gesehen. War die Entscheidung so schwer, dass Sie sich von ihr erholen mussten?

Nein, ich bin in Bremen-Nord ständig zu sehen. Aber ich habe mir im Sommer eine Auszeit genommen und mit meiner Frau so lange Urlaub gemacht wie noch nie.

Wie lange waren Sie denn weg?

Wir waren fünf Wochen auf Usedom.

Und dort haben Sie gleich abschalten können und die Beine hochgelegt?

Nur die Beine hochzulegen, liegt mir nicht.

Der Urlaub ist vorbei. Womit beschäftigt sich Ex-Bürgermeister Böhrnsen jetzt?

Ich bin vielfältig ehrenamtlich engagiert. Und seit Anfang Januar bin ich als Partner in einer großen Bremer Rechtsanwaltskanzlei wieder beruflich tätig.

In welcher denn?

Es ist eine Kanzlei, in der auch einer meiner Söhne als Partner arbeitet.

Damit wechseln Sie die Seiten: Sie waren Richter, jetzt sind sie Rechtsanwalt. Welche Fälle übernehmen Sie?

Ich werde mich um Angelegenheiten kümmern, die das Verwaltungsrecht, Baurecht und Gewerberecht betreffen.

Viel Post von Klienten ist Ihnen also gewiss, schreiben Ihnen auch Wähler noch?

Ich bekomme viele freundliche Ansprachen, auch per Post. Die Leute wissen zwar, dass ich nicht mehr ins Rathaus gehe, um ihre Anliegen zu bearbeiten, aber Anfragen kommen trotzdem. Und wenn ich helfen kann, versuche ich es.

Was sagen Sie Leuten, die sich von Ihnen betrogen fühlen: die Ihnen ihre Stimme gegeben haben, aber Sie das Amt, für das Sie gewählt wurden, ablehnten?

Ich kann Enttäuschungen verstehen, aber ich muss auch um Verständnis bitten. Das ist ein Wesensmerkmal von Demokratie: Man möchte mit seiner Stimme etwas erreichen, schafft es aber nicht. Wenn das Wahlergebnis nicht den Erwartungen entspricht, muss jemand die Verantwortung tragen. Auch das gehört zur Demokratie.

Und was sagen Sie Ihrem Nachfolger Carsten Sieling, der erklärte, dass es mit ihm eine Politik des ,Weiter so’ nicht gibt? Eine klare Kritik an Ihrer Arbeit, oder?

Jeder neue Amtsinhaber muss Akzente setzen. Und ein Ergebnis, das enttäuscht, zwingt ihn geradezu dazu. Genauso wie die schlechte Wahlbeteiligung. Sie ist noch dramatischer als das SPD-Ergebnis.

Hat denn Sieling schon Akzente gesetzt und etwas gemacht, was Böhrnsen nie gemacht hätte?

Carsten Sieling hat mit einer immer größer werdenden Herausforderung zu tun: dem dramatischen Zustrom von Flüchtlingen. Und ich finde, da hat der Senat mit dem Integrationskonzept gute Arbeit geleistet.

Würden Sie sagen, dass es mit Sieling und ohne Böhrnsen jetzt besser läuft?

Solche Vergleiche stelle ich nicht an.

Wie macht sich Sieling als SPD-Führungskraft und Bürgermeister?

Er macht sich gut. Er bringt viel Erfahrung aus der Landes- und Bundespolitik mit.

Und wie macht er sich als neuer Chef des Arbeitskreises Bremen-Nord?

Auch im Arbeitskreis macht er eine gute Figur. Er setzt fort, was ich begonnen habe. Auch der neue Bürgermeister hat erkannt, dass ein besonderes Augenmerk auf den Bremer Norden gelegt werden muss, der viele Stärken hat...

...Aber noch mehr Schwächen, sonst bräuchte es den Arbeitskreis ja nicht.

Ja, es gibt auch Schwächen. Wir müssen aufpassen, dass Bremen-Nord nicht abgehängt wird von den Entwicklungen. Ich kann nur hoffen, dass das auch gelingt.

Damals haben Sie 6000 neue Arbeitsplätze für Bremen-Nord angekündigt. Was ist daraus geworden?

Ich habe von einem Potenzial für 6000 Arbeitskräfte gesprochen. Der frühere Präses der Handelskammer hat mich sogar um 1000 Arbeitskräfte überboten. Und weder er noch ich sind davon ausgegangen, dass diese Potenziale von jetzt auf gleich gehoben werden können.

Damals haben Sie auch gesagt, dass ein besonderes Gebiet wie Bremen-Nord besondere Antworten braucht. Haben Sie mittlerweile welche gefunden?

Ein Resultat ist, dass die Aufmerksamkeit von Landes- und Stadtpolitik für Bremen-Nord größer geworden ist. Zugleich gibt es konkrete Ergebnisse: die gute Entwicklung des Lesum- und des Bremer Industrieparks, die beachtlichen Investitionen auf dem früheren BWK-Gelände, die Ausweisung neuer Baugebiete.

Man kann aber auch den Eindruck haben, dass es schlecht läuft. Statt mehr Arbeitsplätze gibt es Sorgen, dass welche abgezogen werden, etwa beim Finanzamt.

Ich kann nur hoffen, dass es nicht so kommt, wie Amtsmitarbeiter befürchten.

Hoffen Sie auch, dass Bremen jetzt schafft, was die Stadt zu Ihrer Amtszeit nicht geschafft hat: die Grohner Düne zu kaufen?

Wenn sich Eigentümer um Immobilien nicht kümmern, hat der Staat eine Verantwortung. Die hat Bremen auch zu meiner Zeit als Bürgermeister übernommen.

Bremen hat aber nicht den Zuschlag bekommen. Manche sagen, dass die Stadt zu zögerlich und zu wenig geboten und damit gepatzt hat. Wie nennen Sie das?

Wir haben ernsthaft versucht, die Grohner Düne zu erwerben. Allerdings reicht es nicht, dass jemand kaufen will, sondern die andere Seite muss auch verkaufen wollen. Das war nicht der Fall. Und die rechtlichen Möglichkeiten, gegen den Willen eines Eigentümers einzugreifen, sind begrenzt.

Soll Bremen jetzt mehr Geld bieten und einen erneuen Anlauf wagen, den Gebäudekomplex zu kaufen?

Das war immer meine Meinung. Das ist die einzige Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Sorgen bereitet manchen auch der maritime Charakter Vegesacks. Sie haben versucht, das Spicarium zu retten und sind gescheitert. Was nun?

Das ehemalige Spicarium muss neu mit Leben gefüllt werden. Genauso wie das Haven Höövt.

Wie finden Sie den Vorschlag, das Gebäude als reines Einkaufscenter aufzugeben und dort Wohnen zu ermöglichen?

Ich bin nicht an den Gedankenspielen beteiligt. Letztlich muss eine Möglichkeit gefunden werden, die Investoren interessiert, Kapital ins Haven Höövt zu stecken.

Wann waren Sie dort zuletzt einkaufen?

Meine Frau und ich kaufen dort jede Woche ein. So gesehen liegt es nicht an uns, dass das Center Schwierigkeiten hat.

Probleme könnte es auch mit dem Aufbau einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge in Fähr-Lobbendorf geben – in einem Ortsteil, in dem viele leben, die weniger Geld haben. Was halten Sie von dem Plan?

Die Ortsteilpolitiker haben ihn nicht abgelehnt. Das ist gut. Wir brauchen solche Einrichtungen. Es muss den Anwohnern aber auch klar gemacht werden, um was für ein Haus es sich handelt. Und es muss deutlich werden, dass sie mit ihren berechtigten Anliegen nicht vergessen werden.

Anwohner beklagen, dass mit Ihnen nicht gesprochen wurde. Jetzt gibt es eine Kundgebung. Hat die Behörde versagt?

Ich verstehe die Kundgebung so, dass mehr gesprochen werden muss. Und ich denke, dass das jetzt geschehen wird.

Das Gespräch führte Christian Weth.

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