Draht & Esel „Ich gehöre zur Oberliga der Fahrradfahrer“

Benjamin Rochowsky alias Toni Tausend benutzt sein Lastenrad für alle möglichen Erledigungen: zum Einkaufen genauso wie zum Fahren seines Sohnes. Und er geht mit dem Rad vorsichtiger um, als mit den Vorgängern.
30.06.2019, 05:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Christiane Mester
Die erste Erinnerung ans Fahrradfahren?

Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich war vier Jahre alt und hatte ein Feuerwehrrad geschenkt bekommen. Rot-weiß war‘s, mit einem Korb vorne dran und hinten einem Wimpel. Wir haben es dann direkt ohne Stützräder versucht. Mein Vater hat hinten am Rad festgehalten. Beim ersten und zweiten Mal ging das ganz gut, aber dann hat er losgelassen; ich fuhr auf eine Straßenecke zu, an der eine große Mülltonne stand und im Moment des Abbiegens kam mir dort ein riesengroßer Bobtail entgegen – das war mein erster Unfall.

Das aktuelle Fahrrad?

Ich fahre ein Lastenrad, das ist mein Hauptrad. Ansonsten habe ich noch ein BMX-Rad und ein Fixi, mit dem ich meine schnellen Touren mache.

Warum genau dieses Fahrrad?

Das Lastenrad habe ich, weil ich damit viel transportieren kann. Ich kann viel einkaufen ohne für solche Touren ein Auto einsetzen zu müssen. Blumenerde, Dachlatten für meinen Kleingarten – so was. Damit der Transport gut klappt, habe ich mir Seitenwände gebaut, die man von oben einstecken kann, um die Fläche ausnutzen zu können und die Ladung zu sichern. Mit dem Lastenrad bringe ich auch meinen Sohnemann zum Kindergarten. Dafür habe ich einen Autokindersitz, den ich mit einer selbst konstruierten Vorrichtung auf der Ladefläche befestigen kann.

Was sagt dieses Fahrrad über seinen Fahrer aus?

Schwer zusagen. Mann kann einen Menschen ja nicht auf sein Rad reduzieren. Aber wenn man jemanden auf einem Lastenrad sieht, liegt die Vermutung nahe, dass die Person ambitioniert ist, mit dem Rad mehr zu machen als es andere wahrscheinlich tun.

Die schönste Tour?

Ich war 16 Jahre alt und habe mit drei Kumpels eine Tour von meiner Heimatstadt Minden über Dänemark nach Norwegen gemacht. Das war im Rahmen einer Jugendfreizeit vom CVJM, dem Christlichen Verein junger Menschen. Eigentlich war es eine Busreise, aber wir Vier wollten lieber mit dem Rad fahren und sind eine Woche früher losgefahren als der Rest. Mit notdürftigstem Gepäck – Schlafsack, zwei Zelte und ganz minimal was zum Anziehen. Sieben Tage Vorsprung hatten wir uns gegeben, aber wir waren schon zwei Tage eher am Ziel. Dann sind wir mit der Fähre nach Norwegen gefahren. Anstatt uns dort in das Programm der Jugendfreizeit einzureihen, haben wir auf eigene Faust eine zweiwöchige Radtour durch das Land gemacht. Und es hat sich gelohnt: Tag und Nacht draußen sein, das war super. Wir hatten eine gute Zeit.

Die Vorgängermodelle?

Vor dem Lastenrad bin ich ich hauptsächlich ein Crossrad von Derby Cycle gefahren, mit Nabenschaltung und acht Gängen. Ohne Schnickschnack also – immer so minimal wie möglich, damit das Rad leicht bleibt. Davor war das BMX-Rad mein tagtäglicher Begleiter.

Der letzte Diebstahl?

Das war vor etwa zwei Jahren, da haben sie mir den Keller aufgebrochen und zwei Räder geklaut. Das Derby Cycle war dabei und ein Tourenrad mit Rohloff-Schaltung und dem ganzen Pipapo – super Lichtanlage von Busch und Müller und so. Das war ein Verlust von mehr als 4000 Euro. Mein Lastenrad hat seinen Platz von Anfang an in der Wohnung.

Die Lieblingsstrecke?

Am Werdersee biege ich liebend gerne auf den Weser-Radweg ab und fahre dann bis Achim oder auch mal bis nach Minden, wo meine Mutter lebt.

Der beste oder ausgefallenste Fahrradschmuck?

Das ist dann wohl die Moin-Moin-Fahne, aber ich habe noch weitere Extras am Rad: die 120-Dezibel-Lufthupe zum Beispiel oder die Handyhalterung, damit ich während der Fahrt das Navi nutzen kann.

Die am häufigsten gefahrene Strecke?

Ich fahre fast überall mit dem Rad hin, aber wohl am häufigsten von meiner Wohnung in der Neustadt zu meiner Freundin ins Viertel. Und dann ist da noch der Arbeitsweg nach Findorff zum Port Piet, wo ich als Barkeeper arbeite.

Der schlimmste Unfall?

Ich hatte nicht nur einen, sondern gleich zwei schlimme Unfälle – beide Male habe ich mir die Zähne ausgeschlagen. Beim ersten Crash waren es noch die echten Frontzähne, beim zweiten Mal dann die nachgemachten. Der Grund für die beiden Unfällen war jeweils derselbe: Ich hatte schwitzige Hände vom vielen BMX-Fahren, bin von den Lenkergriffen abgerutscht, vornüber und mit den Zähnen aufgeschlagen. Beim zweiten Mal habe ich mir zusätzlich den Lenker in die Leiste gerammt. Das Ergebnis war ein Bluterguss von der Größe eines Tennisballs.

Lastenradfahrer sind ...

...Teil der Oberliga der Fahrradfahrer, würde ich sagen. Denn man musst fit sein, wenn man Lastenrad fährt. Was Kraft und Ausdauer betrifft, kann man das durchaus gleichstellen mit den Anforderungen an einen Profi-Rennradfahrer. Auch ist das vorausschauende Fahren besonders wichtig, weil man ganz andere Bremswege hat, als wenn man mit einem normalen Rad fahren würde.

Ich fahre gerne Fahrrad, weil...

...ich mich dabei wirklich frei fühle. Ich bin nicht abhängig von irgendwelchen Anschlussverbindungen. Und ich bin liebend gerne draußen.

Fahrradfahren in Bremen ist…

...anstrengend, weil viele unserer Radwege kaputt und schlecht befahrbar sind. Ein großes Problem sind hochkommende Baumwurzeln oder Steine, die raus stehen. Häufig sind die Wege auch zu schmal angelegt, aber das ist in der Stadt wohl nur schwer zu korrigieren.

Was geht gar nicht als Fahrradfahrer?

Ein absolutes No-Go ist, tagsüber mit voller Geschwindigkeit durch eine belebte Fußgängerzone zu brettern. Das geht gar nicht. Man muss auf seine Mitmenschen achten, das ist für mich das A und O im Verkehr. Schließlich bin ich nicht der einzige, der in der Stadt unterwegs ist.

Das Gespräch führte Christiane Mester.

Info

Zur Person

Benjamin Rochowsky aka Toni Tausend

ist 38 Jahre alt und lebt in der Neustadt. Er hat Maler und Lackierer gelernt und ist ausgebildeter Einzelhandelskaufmann. Seit 2015 arbeitet Rochowsky als Barkeeper, aktuell im Findorffer Port Piet.

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