Interview über Unterrichtsqualität

„Ich halte nicht viel von Kontrolle“

Wer beschäftigt sich mit der Qualität von Unterricht? Wie werden Leistungen von Lehrern kontrolliert? Darüber spricht Bremens Bildungsssenatorin Claudia Bogedan (SPD) im Interview.
23.01.2019, 21:29
Lesedauer: 6 Min
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„Ich halte nicht viel von Kontrolle“
Von Silke Hellwig
„Ich halte nicht viel von Kontrolle“

Moderner Unterricht in modernen Schulen sorgt laut Claudia Bogedan besser für hohe Unterrichtsqualität als Kontrolle.

Maximilian von Lachner

Frau Bogedan, was tut sich am Qualitätsinstitut, das Bremen nach Hamburger Vorbild einrichtet?

Claudia Bogedan: Wir haben die Arbeit aufgenommen. Dazu gehört die zusätzliche Diag­nostik in den fünften Klassen an zehn ausgewählten Schulen. Wir wollen möglichst viele Messpunkte haben, um genauer sehen zu können, wie sich einzelne Schüler entwickeln und ob sie in ausreichend großen Schritten ­vorwärtskommen. Außerdem haben wir begonnen, für 15 ausgewählte Schulen Schulporträts zu erstellen: Wir erheben soziodemografische und Leistungsdaten, um Rückschlüsse zu ziehen, Handlungsbedarf zu erkennen und individuelle Strategien für die jeweiligen Schulen zu entwickeln. Wir wollen eine Kultur des Hinschauens entwickeln, ohne mit dem Zeigefinger auf Schulen oder Lehrer zu zeigen.

Haben Sie zur Verdeutlichung ein Beispiel?

Es kann sein, dass eine Klasse durchweg schlechter abschneidet als andere. Wenn wir so etwas erkennen, werden wir uns ansehen, ob ihre Zusammensetzung dabei eine Rolle spielt. In der Regel bemüht man sich, die Schüler aus dem nahen Wohnumfeld einer Klasse zuzuordnen, weil sie sich vielleicht schon aus dem Kindergarten oder der Nachbarschaft kennen. Das muss für die Lernkultur nicht immer förderlich sein.

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Das genauere Hinschauen wird sich aber nicht auf diese 15 Schulen begrenzen?

Nein, wir werden diese Untersuchungen ausdehnen. Wir wollen nichts überstürzen und die Prozesse erlebbar machen. Den Schulen etwas überzustülpen, bringt gar nichts. Wir stellen jetzt schon fest, dass die Akzeptanz durch die ersten teilnehmenden Klassen steigt. Die Schulen sehen, dass ihnen das Qualitätsinstitut nützt und sie nicht blockiert. Wenn das transportiert wird, hilft uns das mehr als jeder Erfahrungsbericht aus Hamburg, um auch die zu überzeugen, die noch skeptisch sind.

Was man sich angesichts des Aufbaus des Qualitätsinstituts zwangsläufig fragt, ob die Qualität von Schulen oder Lehrern bislang überhaupt überprüft wird.

Jede Schule hat ein Schulprogramm, das die Grundsätze des Handelns festlegt. Es ist Aufgabe der Schulleitungen darauf zu achten, dass diese Grundsätze eingehalten werden. Die Schulleiterinnen und Schulleiter wissen, wenn es Auffälligkeiten in einzelnen Klassen gibt und gehen dem nach. Von uns aus lässt sich das nicht zentral steuern.

Das Qualitätsinstitut ist nicht dazu da, die Qualität von Unterricht zu garantieren?

Das Institut ist dazu da, die Techniken zu überprüfen, mit denen wir in Bremen arbeiten, um Kinder zu unterstützen, einerlei, ob sie an der Leistungsspitze sind oder -defizite haben. Es ist nicht dazu gedacht, Lehrern Noten auszustellen.

Man könnte dort ebenfalls eine Kultur des Hinschauens etablieren. Vor einigen Jahren stellte das Institut für Schulentwicklungsforschung fest, dass nur 25 Prozent der deutschen Schulleitungen Unterrichtsstunden besuchen und der Großteil davon in Bayern und Baden-Württemberg stattfindet.

Ich halte nichts von Unterrichtsbesuchen, jedenfalls nicht, wenn sie der Kontrolle dienen. Damit ist höchstens zu bewerten, ob ein Unterrichtskonzept eingehalten worden ist. Über die Qualität der Wissensvermittlung können solche Momentaufnahmen keine ­seriöse Auskunft geben. Die Lehrenden sind selbst daran interessiert, guten Unterricht zu erteilen. An uns werden Fortbildungswünsche herangetragen, die sich vor allem um die ­Diagnostik drehen, also darum, einzelne Schüler besser einschätzen, verstehen und unterstützen zu können. Das ist die eigentliche große Herausforderung für unser Bildungssystem: Die Lernbegleitung muss viel individueller sein als früher.

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In Bayern gibt es unangekündigte Unterrichtsbesuche, und man kann nicht sagen, dass das Land im Vergleich schlecht da steht, was Bildungsdaten betrifft.

Die Leistungsergebnisse stimmen zwar, aber welchen Stellenwert die Schüler-Entwicklung, wie sie bei uns eine große Rolle spielt, dort hat, wissen wir nicht, weil es nicht untersucht wird. In der Fachöffentlichkeit ist der bremische Weg in der Umsetzung aktueller bildungswissenschaftlicher Erkenntnisse eher angesagt als das bayerische Modell.

Was helfen die modernsten Methoden, wenn Schüler keine Textaufgaben verstehen?

Es ist unbestritten, dass wir noch nicht da stehen, wo wir stehen wollen. Abgesehen davon, dass solche Prozesse naturgemäß sehr viel Zeit brauchen und finanziert werden müssen: Wir haben offensichtlich Maßnahmen etabliert, die aber noch nicht den Zusammenhang ergeben, den wir uns wünschen – ein Gesamtwerk mit einer Vielzahl von Instrumenten, die der heterogenen Schülerschaft von heute gerecht wird.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete jüngst über eine Studie, nach der „Pisa-Ergebnisse direkt von den Lese- und Rechtschreibkompetenzen der Pädagogen abhängen“. In einem anderen Text der Zeitung heißt es, das deutsche Personalrecht der Lehrer sei , ich zitiere wieder, blind für Versager, selbst wenn grobe pädagogische Fehlleistungen im Spiel sind. Es wäre ein Wunder, wenn es unter den mehr als 6000 Lehrern in Bremen nicht einen gäbe, der den Erwartungen nicht gerecht wird.

Das gilt auch für Elektriker.

Elektriker müssen allerdings mit einer Entlassung rechnen. Verbeamtete Lehrer unterrichten vom Referendariat bis zur Pension, schlimmstenfalls mit einer Versetzung. Ihr Hamburger Kollege Ties Rabe sagte der „Zeit“: „Immer wieder erleben die Schulinspektoren in ein und derselben Schule von Klassentür zu Klassentür mal hervorragenden, mal schlechten Unterricht.“

Es gibt sicher gewisse Qualitätsunterschiede, wie in jedem anderen Beruf. Aber der Unterricht von heute ist so transparent, dass keine Lehrkraft mehr nach Gusto unterrichten kann. Dafür sorgen nicht nur moderne Schulbauten, wo jeder vom Flur aus in Unterrichtsräume sehen kann, sondern vor allem die Arbeit in Jahrgangsteams. Mehrere Lehrkräfte verfolgen, was wer wann und wie tut, beraten und unterstützen sich gegenseitig. Gerade jüngeren Lehrerinnen und Lehrer ist diese Teamarbeit wichtig.

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Eltern und Schüler können eine Kontrollfunktion ausfüllen. In einigen Klassen werden sie es sein, die massiv Qualität einfordern.

Das ist richtig. Wir begrüßen es ausdrücklich, dass sich Schüler und Eltern einbringen, auch kritisch, sofern die Erwartungen nicht maßlos sind. Die Eltern- und Schülervertretungen sind eng in unsere Qualitätssicherungsprozesse eingebunden.

Ist die Schulaufsicht keine Kontrollinstanz?

Diese Abteilung führt die Fach- und Rechtsaufsicht für den Betrieb der Schulen. Das heißt, sie überprüft Lehrpläne und Schulkonzepte, kümmert sich um personelle und finanzielle Fragen, ist aber auch Ansprechpartner für innerschulische Konflikte. Im Unterschied zum Qualitätsinstitut werden von der Schulaufsicht jedoch keine neuen Methoden entwickelt.

Auch über die Lehrer-Ausbildung wird seit Jahren geklagt. Sie sei didaktisch oft ungenügend und hinke hinter den schwerwiegenden gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Für viele Schulabgänger sei ein Lehramtsstudium eine Verlegenheitslösung, und selbst wenn sich früh zeige, dass der Beruf und die Person nicht füreinander geschaffen seien, würden diese Menschen auf Schüler losgelassen.

In Bremen gehen Lehramtsstudenten schon sehr früh in die Praxis, um zu vermeiden, dass sich zu spät zeigt, dass sie mit der Schulwirklichkeit Schwierigkeiten haben. Sowohl an der Uni als auch an Bremens Schulen wird manchen Referendarinnen und Referendaren auch nahegelegt, ihre Berufswahl noch einmal zu überdenken.

Ist Ihre Behörde durch den Lehrermangel nicht geradezu gezwungen, quasi jeden zu nehmen, der sich anbietet, was eine Qualitätskontrolle umso dringlicher macht?

Es stimmt, wir haben momentan nicht das Problem, zusätzliche Stellen zu finanzieren, sondern sie zu besetzen. Aber uns ist bewusst, dass wir vor neuen Schwierigkeiten stehen, wenn wir Lehrkräfte einstellen, die den hohen Anforderungen, die Unterricht heute oft bedeutet, nicht gewachsen oder geeignet sind. Dass sich Referendare für den Lehrerberuf nicht eignen, ist auch nicht die Regel, sondern die Ausnahme.

Unter manchen Lehrern wird die Frage nach einer Überprüfung der Unterrichtsqualität offenbar als Generalangriff verstanden. Woher kommt das?

Ich vermute, dass viele Lehrkräfte den Eindruck haben, dass sie allein für die Situation an unseren Schulen verantwortlich gemacht werden, ohne dass ihre Arbeitsumstände berücksichtigt werden.

Andere halten Sie für verantwortlich und die SPD.

Jedes Bildungssystem ist eine Gemeinschaftsaufgabe, für die alle Akteure Verantwortung übernehmen müssen: die Politik, das Bildungsressort, die Schulen und Schulleitungen, die Lehrkräfte, die Schüler und die Eltern. Die Politik bestimmt dabei den Rahmen, der von allen Beteiligten ausgestaltet werden kann.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Claudia Bogedan ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung. Die Sozialdemokratin ist Sozialwissenschaft­lerin. Von 2003 bis 2007 arbeitete sie an der Uni Bremen, anschließend für die Hans-Böckler-Stiftung in Bonn. Sie war von 2005 bis 2007 stellvertretende Juso-Vorsitzende.

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