„Ich möchte etwas bewegen“

Bremen ist demnächst um eine Gala für den guten Zweck reicher. Aber geht es dabei nur um das Sammeln von Geld für Hilfsprojekte? Einige Beispiele, die Schule machen.
20.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Ich möchte etwas bewegen“
Von Frauke Fischer

Bremen ist demnächst um eine Gala für den guten Zweck reicher. Aber geht es dabei nur um das Sammeln von Geld für Hilfsprojekte? Einige Beispiele, die Schule machen

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Erst ein paar Wochen ist es her, dass Mansur Faqiryar in Kabul war und beim Anblick Fußball spielender Jungs auf einem Schotterplatz abrupt anhielt. „Lass uns mitspielen“, sagte er zu seinem Begleiter. Und schon waren die Männer mitten drin. Der Ball flog hin und her, die Gespräche auch. Was wollten die kleinen Fußballer in der Hauptstadt Afghanistans einmal werden? Arzt, hieß es von einem, der von kleinauf nie etwas anderes im Sinn hatte und deshalb von den anderen „Doktor“ genannt wurde. „Staatsanwalt“ wünschte sich ein anderer. „Die Kinder haben alle ihre Träume“, sagt Faqiryar. Und der 30-Jährige, der bereits auf eine Karriere als Torwart beim VfB Oldenburg und als Keeper der Nationalelf Afghanistans 2013 blickt, möchte dazu beitragen, dass viele davon wahr werden.

Vor zwei Jahren hat der Exil-Afghane eine Stiftung, die Mansur Foundation, ins Leben gerufen, die an das Stiftungshaus Bremen angedockt ist. Stiftungszweck: „die nachhaltige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen speziell in Afghanistan durch die verbindende Kraft des Sports unabhängig von Geschlecht, Ethnie und Religion.“ Die Stiftung schreibt den Sportarten wie Fußball oder Cricket „in Afghanistan bereits ein enormes Potential zur Einigung“ zu. Indem sie Sportprojekte an Schulen beispielsweise fördert, will sie dazu beitragen, diesen Einheitsgedanken in der jungen Generation zu verankern. Nun lädt die Stiftung in Kooperation mit der ebenfalls für Afghanistan engagierten Gulzad Foundation am kommenden Sonnabend erstmals zu einer „Gala of Hope“ in die Bremenhalle am Flughafen ein.

Es geht, so Faqiryar, nicht in erster Linie um das Sammeln von Spenden. „Wir wollen zeigen, dass Afghanistan immer noch Hilfe nötig hat.“ So wolle man das Forum von rund 200 Gästen – auch der Botschafter von Afghanistan aus Berlin habe nun sein Kommen zugesagt – nutzen, um das von Kriegen gebeutelte Land in den Fokus zu rücken. Gebürtige Afghanen wie Faqiryar und seine Schwester, Kommilitonen, Jazz- und Soul-Musiker wollen für ein buntes Unterhaltungs- und Informationsprogramm sorgen. Besonders freut sich Faqiryar, dass Henning Scherf die Schirmherrschaft übernommen hat. „Er war Bürgermeister, als ich hier zur Schule ging. Er hat mich quasi meine ganze Kindheit und Jugend begleitet“, sagt der Master-Student, der gerade an den letzten Seiten seiner Abschlussarbeit im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwissenschaften feilt.

Dass sich der junge Ingenieur dafür engagiert, hängt mit seiner eigenen Lebensgeschichte zusammen. Faqiryar war ein Jahr alt, als seine Eltern mit ihm und den Geschwistern aus der afghanischen Hauptstadt, ihrer Heimat, flüchteten. In Bremen wuchs er auf, „ein Kattenturmer Jung“, wie er sagt. Doch einer, der in beiden Kulturen zu Hause ist, der seine Wurzeln nie vergessen hat. „Ich wollte immer wissen, woher ich komme.“ Als er vor drei Jahren mit der afghanischen Nationalmannschaft als Torwart die Südostasienmeisterschaft gewann, wurde er in der Heimat seiner Familie als Held gefeiert. Der damalige Präsident Harmid Karsai ehrte ihn. Faqiryar erinnert sich gern an diese Momente der Aufmerksamkeit und Zuneigung, doch er betont: „Ich muss nicht mehr im Mittelpunkt stehen.“

Die Stiftung trägt trotzdem seinen Namen. Sie ist, das betont der Initiator, nach deutschen Recht gegründet, „damit alles größtmögliche Transparenz hat“. Im Kuratorium sitzt der Ex-Fußballprofi Alexander Nouri, der die U23-Mannschaft von Werder Bremen trainiert. Treuhänder ist Klaus Berster, Unternehmer aus Westerstede und Ehrenpräsident des VfB Oldenburg.

All das und noch viel mehr über Projekte und Visionen der Stiftung, ihre Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Unternehmen und Stiftungen, wollen die Initiatoren der Gala nun in der Bremenhalle vermitteln, um großzügige Mitstreiter zu führen. Angesichts der schwierigen Lage in Afghanistan und der vielen Menschen, die weiterhin von dort fliehen, ist für Faqiryar eine Frage besonders wichtig: „Wie kann man verhindern, dass Menschen von dort weg wollen?“ Sicherheit, gute Lebens-, Bildungs- und Arbeitsbedingungen gehören aus seiner Sicht dazu, um Menschen in ihrer Heimat zu halten.

Mit Sport- und Bildungsprojekten in Schulen und Waisenhäusern will die Bremer Stiftung ihren Teil dazu beitragen. Es geht um Integration, Wertevermittlung wie Wertschätzung, Toleranz und Respekt, auch um Gleichstellung. „Teamplay für Afghanistan“ ist ein Motto, mit dem die Mansur Foundation in Kooperation mit dem Partner Streetfootballworld auftritt und Sport-AG an Schulen fördert. Gerade die jungen Menschen hat sie im Blick. Und davon gibt es viele: Zwei Drittel der Bevölkerung in Afghanistan ist unter 25 Jahre. Ein Großteil strebt in die Städte.

Die Idee hinter allem Engagement der Stiftung: Wenn Sport in Schulen stärker verankert wird, fördert das die Voraussetzungen für sozialen Zusammenhalt und Zukunftsperspektiven. Das große Ziel Faqiryars ist eine Sportschule in Kabul, in der Jungen und Mädchen unterrichtet werden. Ein Modell dieser Schule soll am Sonnabend bei der Gala vorgestellt werden. In seiner Master-Arbeit nähert sich der Student dem Thema auch. Er nimmt darin „eine energetische Bewertung eines Nicht-Wohngebäudes in Kabul“ vor. „Ich möchte nachhaltig etwas bewegen“, betont er.

Spenden sind dafür unerlässlich, das Bemühen um sie geht für Faqiryar und seine Mitstreiter weiter: „Doch bei der Gala wollen wir in erster Linie kommunizieren, dass es uns gibt.“

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