Aschwardener Allgemeinmediziner Hannes Hunger zu dem Trend, immer früher Medikamente zu nehmen „Ich warne vor dem Lerneffekt“

Wie sinnvoll sind Medikamente bei einer Erkältung? Wann genau sollte man einen Arztbesuch in Betracht ziehen und was für Gefahren lauern eigentlich bei der Einnahme von frei verkäuflichen Medikamenten? Allgemeinmediziner Hannes Hunger gibt Iris Messerschmidt darüber Auskunft.Hannes Hunger, es werden immer mehr frei verkäufliche Medikamente auf den Markt gebracht, die bei einer Erkältung beziehungsweise einem grippalen Effekt helfen sollen. Halten Sie das für sinnvoll?
08.11.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie sinnvoll sind Medikamente bei einer Erkältung? Wann genau sollte man einen Arztbesuch in Betracht ziehen und was für Gefahren lauern eigentlich bei der Einnahme von frei verkäuflichen Medikamenten? Allgemeinmediziner Hannes Hunger gibt Iris Messerschmidt darüber Auskunft.

Hannes Hunger, es werden immer mehr frei verkäufliche Medikamente auf den Markt gebracht, die bei einer Erkältung beziehungsweise einem grippalen Effekt helfen sollen. Halten Sie das für sinnvoll?

Hannes Hunger:

Nein, das halte ich nicht für sinnvoll. Es gibt immer mehr Mischpräparate auf dem Markt, die zwei oder mehr Wirkstoffe enthalten. Wenn so ein Medikament nicht gut vertragen wird, weiß man nicht, welcher Wirkstoff dafür verantwortlich ist. Außerdem halte ich es für bedenklich, dass immer mehr Präparate mit früher verschreibungspflichtigen Wirkstoffen frei verkäuflich sind. Das birgt Gefahrenpotenzial.

Als Allgemeinmediziner mit 20 Jahren Erfahrung, was halten Sie allgemein von Medikamenten-Einnahme – nicht nur bei einer Erkältung?

Ich sehe mit Besorgnis die ständig zunehmende Medikamenten-Einnahme. Auch, dass immer früher, also schon bei Kindern, zu Medikamenten gegriffen wird, teilweise schon bei jeder Bagatelle. Die Frage muss doch in solchen Fällen auch lauten, was kommt, wenn man wirklich krank wird? Dann folgt der Ruf nach stärkeren Medikamenten. Ich halte auch nichts davon, schon Kindern beispielsweise bei einem kleinen Kratzer ein homöopathisches Mittel zu verabreichen. Ich warne vor dem Lerneffekt. Ich plädiere für einen natürlicheren Umgang mit Alltagsbeschwerden. Es gibt bewährte Hausmittel. Es muss nicht immer ein Medikament sein.

Welche Alternativen raten Sie den Patienten bei ersten Erkältungssymptomen?

Auf jeden Fall körperliche Schonung, um die Kraft zu haben, den Infekt abwehren zu können. Warm halten, auf dem Sofa oder im Bett ausruhen, viel schlafen. Darüber hinaus viel trinken, geeignete Tees oder vitaminreiche Säfte. Überhaupt gesunde Ernährung, also gutes und leichtes Essen. Omas Hühnerbrühe beispielsweise. In unserer Familie sind Wärmflasche und Thymiantee mit Honig die Mittel bei ersten Erkältungssymptomen.

Wie kann man sich Ihrer Erfahrung nach am besten vor einer Erkältung beziehungsweise einem grippalen Infekt schützen?

Durch ein gesundes Immunsystem. Also nicht rauchen. In der Wohnung Möbel, Teppichböden und Vorhangstoffe meiden, die durch ihre Ausgasungen die Atemwege belasten. Für eine ausgewogene Ernährung möglichst durch unbehandelte Lebensmittel sorgen. Bewegung an frischer Luft, Ausdauersport treiben und während der kühlen Jahreszeit regelmäßig, einmal in der Woche, in die Sauna gehen. Lachen, Musik, Kreativität, Geselligkeit, Spaß im und am Leben. Das alles stärkt ebenfalls das Immunsystem.

Wann ist der Arztbesuch mit einer Erkältung sinnvoll?

Bei hohem Fieber und wenn man den Verdacht hat, dass eventuell eine Lungenentzündung oder etwas anderes Ernstes vorliegt. Auch Menschen mit Vorschädigungen sollten den Arzt aufsuchen. Darüber hinaus ist ein Arztbesuch bei einer Erkältung selten medizinisch notwendig. Von den 100 Patienten am Tag während der Erkältungszeit müssen 50 eigentlich gar nicht zum Arzt. Diese Patienten werden in der Regel vorstellig, weil sie eine Krankmeldung für den Arbeitgeber, die Universität oder die Schule brauchen. Das ist Zeit, die dem Arzt für ernsthaft kranke Menschen verloren geht. Da bevorzuge ich doch das skandinavische Modell, wo ein Mensch mit einer Erkältung nicht gleich einen sogenannten Gelben Schein bringen muss, sondern sich krank meldet, zuhause bleibt und Hausmittel anwendet.

Was raten Sie einem Patienten, der mit einem grippalen Infekt zu Ihnen kommt und auf die Verschreibung eines Antibiotikums besteht?

Das passiert leider immer öfter. Das zeigt den Trend: bei Kleinigkeiten wird ein Medikament genommen, bei Fieber muss es etwas Stärkeres sein, beispielsweise ein Antibiotikum. Ich versuche zu vermitteln, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen, deshalb bei den meisten Erkältungen nutzlos sind und teils heftige Nebenwirkungen haben können. Seine Gesundheit liegt mir am Herzen, ich muss den Patienten Ernst nehmen, genau hinschauen und ihn beraten. Und nicht zuletzt trage ich als Arzt die Verantwortung für die Verschreibung.

Zur Person

Doktor Hannes Hunger betreibt die Praxis op de Deel in Aschwarden. Er ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Akupunktur, Manuelle Medizin, Chirotherapie, Ärztliche Osteopathie und Naturheilverfahren. Sein Motto: Jeder Mensch ist einzigartig. So einzigartig seine Art sei, mit Krankheit und Schmerz zu reagieren, so individuell sei sein Weg, die Krankheit zu überwinden und zu Gesundheit und Lebensfreude zurück zu finden.

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