85-jährige Geigerin kommt als Stargast zur Filmvorführung in die Schauburg Ida Haendel reißt alle vom Hocker

Steintor. Sie hat als Geigerin keinen Weltruhm erlangt. Doch Musikliebhaber wissen: Die kleine, zierliche Frau mit der Haarmähne ist eine ganz Große. Ohne sie, sagt David Garrett, wäre er nie das geworden, was er heute ist. Als Fünfzehnjähriger bekam er von ihr kostenlosen Privatunterricht. Die 85-Jährige gibt auch heute noch Geigenstunden, und vielleicht sind künftige Stars darunter. "Die Leute müssen vom Hocker fallen", ermuntert sie junge, noch etwas zurückhaltende Schülerinnen und Schüler.
04.07.2013, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christiane Tietjen

Steintor. Sie hat als Geigerin keinen Weltruhm erlangt. Doch Musikliebhaber wissen: Die kleine, zierliche Frau mit der Haarmähne ist eine ganz Große. Ohne sie, sagt David Garrett, wäre er nie das geworden, was er heute ist. Als Fünfzehnjähriger bekam er von ihr kostenlosen Privatunterricht. Die 85-Jährige gibt auch heute noch Geigenstunden, und vielleicht sind künftige Stars darunter. "Die Leute müssen vom Hocker fallen", ermuntert sie junge, noch etwas zurückhaltende Schülerinnen und Schüler.

Die Regisseurin Christine Jezior aus Habenhausen ist wie Ida Haendel gebürtige Polin und hat mit "This is my heritage" ein einfühlsames Porträt geschaffen, das in der Schauburg gezeigt wurde. Die Zuschauer genießen die vertrauensvolle Atmosphäre in Haendels kalifornischem Zuhause, sie sitzen gewissermaßen neben ihr, wenn sie ihre Fotogalerie anschaut. Eine große Faszination geht von ihrem Gesicht aus.

Ernst ist es, nachdenklich, geradezu transparent, dann von einem plötzlichen Lachen erhellt, wenn sie wieder einen ihrer oft selbstironischen Scherze gemacht hat. Besonders beim Geige spielen scheint sie in einer fernen, tiefgründigen und schönen Welt zu sein.

Als "sehr zentriert" bezeichnet die Pianistin Martha Argerich die Geigerin, Geiger und Dirigent Daniel Barenboim findet sie "phänomenal". Die Musik sei ihre Bestimmung gewesen, sagt Ida Haendel über sich selbst.

Schon als Siebenjährige spielte sie erfolgreich, ohne Noten zu kennen, in polnischen Violinwettbewerben neben David Oistrach. Die Musik war es, die sie und ihre jüdische Familie rettete. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs konnten sie nach London emigrieren, während die Juden aus dem ostpolnischen Chelm, aus dem sie stammte, der Shoa zum Opfer fielen.

Unterstützung für ihre Karriere als Violinistin bekam Ida Haendel von ihrem Vater, der als Maler einen Sinn für die Kunst hatte. Konzertreisen in die ganze Welt folgten, darunter einige mit dem rumänischen Dirigenten Sergiu Celibidache, den sie sehr verehrte. "Es war eine Freundschaft, leider auch eine unerfüllte Liebe", sagt Ida Haendel und schließt damit das Kapitel "Männer".

Im Übrigen ist sie aber immer zu einem Flirt bereit. Freunde in der ganzen Welt sind eine Kraftquelle, neugierig ist sie auf täglich neue Begegnungen. Ganz selbstbewusst verkündet sie: "Mit mir ist es nie langweilig!" Schönheit interessiere sie, Kleider, ihr sonniges Heim am Meer. Geld spiele für sie keine Rolle, mit einer Ausnahme: Ihre geliebte Geige muss sie sich leisten können.

Das seelenvolle Geigenspiel ist dann auch der Unterton des ganzen Films und macht die Zuschauer mit dem bewegenden Schicksal Ida Haendels vertraut. Es lässt erahnen, welche Energie die Musik einem Menschen trotz leidvoller Erfahrungen geben kann. Am Ende von "This is my heritage" zeigt sich Ida Haendel, genauso wie das Publikum, berührt von Christine Jeziors Film, zu dem viele auswärtige Gäste gekommen sind, darunter das polnische Filmteam. Mit herzlichen Ovationen wird die mädchenhafte Diva gefeiert.

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