Workcamp-Teilnehmer entwickeln Vorschläge für den Umgang mit früheren NS-Lagern in Neuenkirchen Ideen für die Gedenkstätten-Arbeit

34 Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Polen und der Ukraine haben in einem Workcamp das frühere NS-Lagergelände in der Neuenkirchener und Farger Heide erforscht und Ideen für die Erinnerungsarbeit entwickelt. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ vorgestellt.
30.08.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

34 Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Polen und der Ukraine haben in einem Workcamp das frühere NS-Lagergelände in der Neuenkirchener und Farger Heide erforscht und Ideen für die Erinnerungsarbeit entwickelt. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ vorgestellt.

Wie kann man jungen Menschen fast 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Gräuel des NS-Terrors vermitteln? Das ist eine zentrale Frage in der Gedenkstätten-Arbeit. Historiker und Politikwissenschaftler machen sich Gedanken, wie sich Geschichte für Generationen von heute und morgen anschaulich und begreifbar darstellen lässt. Das Team der Neuenkirchener Gedenkstätte „Baracke Wilhelmine“ ist mal einen anderen Weg gegangen: In einem Workcamp gingen 34 Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Polen und der Ukraine in Neuenkirchen im Gelände der ehemaligen NS-Lager für den Bau des Farger U-Boot-Bunkers „Valentin“ auf Spurensuche. Sie entwickelten Ideen für eine zeitgemäße Erinnerungsarbeit . Die Ergebnisse wurden jetzt vorgestellt.

Die Heimatfreunde Neuenkirchen als Betreiber der „Wilhelmine“ richteten das Workcamp zusammen mit dem Tagungshaus Bredbeck in Osterholz-Scharmbeck und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk aus. Eine Woche, vom 13. bis 20. Juli, erkundeten die Teilnehmer die frühere NS-Lagerlandschaft in der Farger und Neuenkirchener Heide. Sie besichtigten die Dauerausstellungen in der Baracke Wilhelmine und der benachbarten „Baracke 27“ des Bremer Vereins „Geschichtslehrpfad Lagerstraße“.

Im Mittelpunkt der Felderkundung standen die ehemaligen Arbeitserziehungslager. Zwei davon gab es. Ab 1940 nutzen die Nazis vier Baracken des Marine-Gemeinschaftslagers in der Neuenkirchener Heide für die Unterbringung von Häftlingen. Für den Bau des U-Boot-Bunkers entstand 1943 in der Farger Heide das größere Arbeitserziehungslager II. Bei der Spurensuche im Gelände entdeckten die Workcamp-Teilnehmer alte Fundamente, Rohre und Beton-Überreste. Baracken-Grundrisse wurden vermessen. So erarbeiteten sich die jungen Leute ganz praktisch einen Eindruck vom Lagergelände.

Die Teilnehmer entwickelten im Rahmen der Zukunftswerkstatt auch Ideen für die Gedenkstätten-Arbeit. Wie lässt sich im früheren Lagergelände anschaulich machen, unter welchen Bedingungen die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen vor 70 Jahren dort lebten und was sie an Grausamkeiten erlitten? „Die Arbeitsgruppen entwickelten sehr unterschiedliche Zugänge“, erzählt Björn Herrmann. Der Wilhelmine-Mitarbeiter hatte die Zukunftswerkstatt mitbetreut. Eine Gruppe schlug eine Rekonstruktion von Baracken vor, um die Zustände im Lager anschaulich zu machen. Ein anderer Vorschlag setzt auf digitale Medien. Überreste im Gelände sollen durch eine virtuelle Darstellung der Baracken-Landschaft zur NS-Zeit ergänzt werden. Eine weitere Idee sieht für das Lagergelände eine Art „Memorial Park“ vor, in dem Relikte zur Schau gestellt werden. Besucher sollen über ein Wegenetz geführt werden. Ein anderer Vorschlag lautet: Alles soll bleiben wie es ist, jeder soll das Gelände für sich entdecken.

Spannende Impulse

„Wir haben spannende und frische Impulse bekommen“, fasst Björn Herrmann das Ergebnis zusammen. Die Ideen der Teilnehmer sollen nicht in der Schublade verschwinden. Gemeinsam mit dem Denkort Bunker Valentin und der Gedenkstätte Baracke 27 will das Wilhelmine-Team ein Konzept für das Lagergelände entwickeln. Dabei sollen laut Herrmann Ideen aus dem Workcamp eingespeist werden. Einen Wiederaufbau einzelner Baracken schließt er allerdings aus. Nicht nur aus finanziellen Gründen. Einen authentischen Ort mit rekonstruierten Objekten zu bestücken sei in der Gedenkstätten-Arbeit überholt.

„Sehr spannend“ findet Herrmann dagegen die Idee, mit virtuellen Rekonstruktionen zu arbeiten. Ein Ansatz, der auch Marcus Meyer fasziniert. In der Gedenkstätte Bergen-Belsen werde damit schon experimentiert, weiß der wissenschaftliche Leiter des Denkortes Bunker Valentin. „Dort wird eine virtuelle Rekonstruktion des Lagers begleitet von Original-Berichten ehemaliger britische Soldaten über ihre Eindrücke bei der Befreiung des Lagers.“ In dem zu erarbeitenden Konzept für die Lagerlandschaft in Neuenkirchen soll auch festgelegt werden, ob und welche im Gelände noch verborgenen Überreste freigelegt werden sollen. Das ist vor allem eine Frage der Konservierung.

Das Workcamp wurde überschattet vom Abschuss eines malaysischen Passagierflugzeugs in der Ostukraine und den daraufhin eskalierenden Kämpfen zwischen Regierungstruppen und russlandtreuen Separatisten in der Region Donezk. Zehn Teilnehmer, Studenten aus Donezk, konnten zunächst nicht zurück in ihre Heimat. Drei haben laut Herrmann inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Sie sind für ein Jahr als Au-Pair-Studenten bei Familien in Osterholz-Scharmbeck untergekommen. Jetzt gibt es auch eine Lösung für die sieben Studenten, die zunächst nach Kiew zurückkehrten. Dort sind sie wegen der Unruhen in Donezk vorübergehend in Notunterkünften untergebracht. „Auch für sie haben wir jetzt Au-Pair-Plätze bei Familien in Osterholz-Scharmbeck gefunden. Sobald sie ihre Visa haben, können die Studenten zurückkommen“, so Herrmann.

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