Studenten der Hochschule haben Schiffe für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer entworfen Ideen gegen das Ertrinken

Bremen. „Ray of Hope“ und „Nausikaa“ könnten Menschenleben retten. Hinter beiden Namen verbergen sich Schiffe, die speziell dafür konzipiert sind, Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren.
27.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Ideen gegen das Ertrinken
Von Nikolai Fritzsche

„Ray of Hope“ und „Nausikaa“ könnten Menschenleben retten. Hinter beiden Namen verbergen sich Schiffe, die speziell dafür konzipiert sind, Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren. Mehr als 20 000 Menschen sind nach Schätzungen von Hilfsorganisationen seit der Jahrtausendwende auf der Suche nach einem besseren Leben bei der Fahrt über das Mittelmeer gestorben. Unter anderem, weil die eingesetzten Boote nicht für die Rettung vieler Menschen geeignet sind.

Nausikaa ist eine Figur der griechischen Mythologie, die den schiffbrüchigen Odysseus mit Essen und Kleidung versorgt. Dasselbe könnten Helfer auf dem gleichnamigen Schiff tun, das fünf Studenten der Hochschule entworfen haben. In einem Projekt des Master-Studiengangs Schiffbau und Meerestechnik konzipierten sie einen 94 Meter langen Kreuzer, mit dessen Hilfe 300 Menschen aus einem überfüllten Boot oder aus dem Wasser gerettet werden könnten. Nicht nur das: Auch die Ernährung und medizinische Erstversorgung der Flüchtlinge wären gewährleistet. Sogar eine Quarantäne-Station ist an Bord. Die „Nausikaa“ ist also perfekt dafür geeignet, im Mittelmeer Menschenleben zu retten.

Ganz anders die Schiffe, die vor den Küsten Italiens und Maltas patrouillieren. „Das sind umfunktionierte Boote der Küstenwache“, erzählt Malte Schmidt, der die „Nausikaa“ mit konzipiert hat. „Die Leute schlafen auf dem Boden, es gibt kaum sanitäre Einrichtungen und zu wenig Trinkwasser.“

Die größte Gefahr sehen die Studenten jedoch beim Überstieg der Flüchtlinge auf das rettende Schiff. „Der Knackpunkt ist: Wie holt man viele Menschen in kurzer Zeit sicher aus einem kleinen, möglicherweise beschädigten Boot oder gar aus dem Wasser an Bord?“, beschreibt Colin Barth die Schwierigkeiten bei der Rettung.

Die Studenten haben ihren Entwurf dafür mit drei Rettungsbooten ausgestattet. Zwei kleine für jeweils 20 Personen, für die auf beiden Seiten des Schiffs Garagen bereitstehen. Und ein großes, das 80 Personen Platz bietet und über einen sogenannten Slipway am Heck ins Schiffsinnere gelangt. Niemand muss über die Reling an Bord gezogen werden, stattdessen gelangen die Flüchtlinge sicher ins Innere des Schiffs. Dank eines Hubschrauber-Landeplatzes an Deck kann die Rettung zusätzlich aus der Luft unterstützt werden.

Keine Zeit zu verlieren

Ein kleineres Schiff, mit dem 80 Flüchtlinge gerettet werden können, sollten die fünf Studenten einer zweiten Gruppe entwerfen. Sie gingen anders an die Aufgabe heran als ihre Kommilitonen, die mit der „Nausikaa“ ein neues Schiff entwarfen: „Bei der Rettung von Flüchtlingen ist keine Zeit zu verlieren“, erklärt Tina Jahnke. „Deshalb haben wir uns dafür entschieden, ein vorhandenes Schiff umzubauen.“

Ein Bremer Reeder stellte Zeichnungen und Daten eines Schiffs zur Verfügung. Auf dieser Grundlage planten die Studenten die Umbauten. Arbeit sparten sie durch dieses Vorgehen nicht, wie ihr Dozent Andreas Kraus erklärt: „Ein vorhandenes Schiff umzugestalten ist nicht unbedingt einfacher, als ein neues zu konstruieren.“

Um aus dem 55 Meter langen Forschungsschiff die „Ray of Hope“ zu machen, einen „Hoffnungsschimmer“ für Flüchtlinge also, installierten sie auf Deck zwei Schlauchboote, die an Kränen zu Wasser gelassen werden. Auch beim Antrieb spielte der Faktor Zeit eine Rolle: Den Motor des Schiffs fanden die Studenten zu langsam. Deshalb entwarfen sie eine neue Antriebsanlage. 16,4 Knoten würde es nun schaffen, rund 30 Kilometer pro Stunde.

Doch auch ein schnelles Schiff kann ein großes Seegebiet nur unzureichend kontrollieren. Deshalb haben die Studenten einen Landeplatz für Überwachungsdrohnen eingeplant. Diese könnten einen größeren Bereich nach überfüllten Booten absuchen und das Schiff alarmieren. Da Flüchtlinge oft in einem schlechten körperlichen Zustand auf die riskante Reise gehen, haben die Studenten auf der „Ray of Hope“ einen Erste-Hilfe-Raum vorgesehen.

Zum zweiten Semester des Masterstudiengangs gehört immer ein umfangreiches Projekt. Das besondere für die zehn Studenten des aktuellen Jahrgangs war, dass sie sich auch mit Fragen befassten, die nicht im Geringsten mit Technik zu tun haben. Manche davon waren scheinbar banal: Welche Nahrung sollte ein Rettungsschiff im Mittelmeer an Bord haben? Hauptsache etwas zu essen, könnte man meinen. Doch was, wenn ein völlig unterzuckert aus dem Meer geretteter Flüchtling sich weigert, etwas bestimmtes zu essen, weil er eine Allergie hat oder seine Religion es ihm verbietet? Die Wahl fiel schließlich auf hochkalorische Kekse, die für das Militär entwickelt wurden. „Die sind rein pflanzlich und allergieunverdächtig“, erklärt Raphael Terhorst.

Die Aufgabenstellung konfrontierte die Studenten aber auch mit rechtlichen und politischen Problemen. Darf man Flüchtlinge überhaupt an Bord nehmen? Und wohin soll man sie bringen? „Man darf zwar in jeden Hafen fahren. Die Behörden können es aber ablehnen, Flüchtlinge an Land zu lassen, wenn sie die Schiffsbesatzung als Schleuser betrachten“, sagt Colin Barth.

Auch für den schwer vorstellbaren Fall, dass eines Tages keine Flüchtlinge mehr aus dem Mittelmeer gezogen werden müssen, haben die Studenten vorgesorgt: Die „Ray of Hope“ ist zusätzlich mit Instrumenten für die geotechnische Forschung ausgestattet. Die „Nausikaa“ lässt sich gar in ein schwimmendes Krankenhaus verwandeln, das in schwer zugänglichen Regionen oder Krisengebieten eine medizinische Versorgung ermöglichen könnte.

Den Studenten hat das Projekt viel Spaß bereitet. Am Ende steht trotzdem eine bittere Erkenntnis: Von technischer Seite wäre es möglich, deutlich mehr Flüchtlingen auf See das Leben zu retten. Dass es dazu kommt, hält Malte Schmidt aber für unwahrscheinlich: „Politisch müsste noch einiges passieren, damit so ein Schiff im Mittelmeer eingesetzt werden kann. Im Moment versucht Europa ja eher, die Grenzen zu schützen als die Flüchtlinge.“

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