Rückblick auf Badeunfall am Achterdieksee Idyll mit Abgründen

Der ertrunkene Flüchtling aus dem Achterdieksee wäre am Sonnabend 24 Jahre alt geworden. Jetzt kann seine Familie im Iran nur noch den Leichnam entgegennehmen - und in Bremen läuft die Aufarbeitung.
02.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von CHRISTIANE MESTER

Der ertrunkene Flüchtling aus dem Achterdieksee wäre am Sonnabend 24 Jahre alt geworden. Jetzt kann seine Familie im Iran nur noch den Leichnam entgegennehmen - und in Bremen läuft die Aufarbeitung.

Am kommenden Sonnabend wäre der junge Mann, der am vergangenen Sonnabend im Achterdieksee ums Leben gekommen ist, 24 Jahre alt geworden, sagt Silke Ulrich, die Sprecherin der Awo. In deren Zeltunterkunft in Oberneuland habe der Iraner seit November gelebt. Sein Asylerfahren lief, und er wartete auf die offizielle Erlaubnis, demnächst Verwandte in München besuchen zu dürfen. Jetzt ist er tot, und seine Familie, die im Iran lebt, wird in den nächsten Tagen seinen Leichnam in Empfang nehmen müssen.

Am Achterdieksee seien sie zu viert gewesen, als das Unglück passiert ist, sagt Silke Ulrich: „Er war mit Freunden dort, zwei Brüdern, etwa im gleichen Alter, die ebenfalls Iraner sind, und mit dabei war auch ein 13-jähriger Eritreer, wie sich später herausgestellt hat.“ In Erfahrung gebracht habe das eine Sprachmittlerin, die kurz nach dem Unglück in der Unterkunft eingetroffen sei. Ihr hätten die drei auch gesagt, dass der Verstorbene kein guter Schwimmer gewesen sei und Rückenprobleme gehabt habe. Deshalb hätten sie ihn noch davon abhalten wollen, zur etwa 70 Meter entfernt liegenden Badeinsel zu schwimmen, aber er habe sich dennoch mit einem der beiden Brüder auf den Weg gemacht.

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Was ist passiert? Vor dieser Frage standen auch die Helfer der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), als sie an diesem Nachmittag eine Gruppe junger Männer vor sich hatten, die zuvor mit aufgeregtem Rufen und Winken auf sich aufmerksam gemacht hatte. Beobachtet hatten die Rettungsschwimmer selbst nichts, und aufgrund von Verständigkeitsschwierigkeiten habe es einen Moment gedauert, sagt DLRG-Sprecher Philipp Postulka, bis sich herausgestellt habe, dass eine Person im Wasser untergegangen sei. „Wenn am Achterdieksee Unfälle passieren, dann meist auf dem Weg zur Badeinsel“, hätten die Helfer spekuliert und sich daraufhin mit dem Motorboot auf den Weg gemacht und ihre Suche auf diese Strecke konzentriert.

„Drei Rettungsschwimmer waren im Wasser und sind immer wieder auf den Grund getaucht“, berichtet Postulka, der selbst Einsatztaucher beim DLRG ist. Das sei nicht nur körperlich sehr anstrengend. „Sie können da unten auch nichts sehen.“ Den leblosen Körper in etwa fünf Metern Tiefe mit den Händen ertastet und an die Oberfläche geholt habe dann ein 18-Jähriger, der die Retter-Ausbildung erst vor wenigen Monaten abgeschlossen habe. „Das ganz ohne Taucher vorzunehmen, ist beachtlich“, kommentiert Postulka.

Nach etwa zehn Minuten sei die Suche im Wasser abgeschlossen gewesen. Daher seien die eigens dafür angeforderten Kräfte gar nicht mehr zum Einsatz gekommen. Unter ihnen war auch DLRG-Taucher Björn Haje, der die Leistung seines jungen Kollegen ebenfalls hervorhebt: „Das hätte nicht jeder Rettungsschwimmer geschafft“, meint Haje.

Am Ort des Geschehens hätten die Wiederbelebungsversuche noch im Boot begonnen. Der junge Helfer schwamm derweil zum Ufer zurück, berichtet Postulka weiter. Am Strand übernahmen Rettungskräfte der Feuerwehr die Reanimation. Dabei seien sie von einer großen Zahl an Schaulustigen umringt gewesen, die von der Polizei später zurückgedrängt worden seien, als die Beamten am Einsatzort eintrafen, so Postulka. „Völlig pietätlos“ sei das Verhalten dieser Menschen gewesen, kritisiert er.

Am Strand vergingen die Minuten. Als dann der 18-jährige Rettungsschwimmer schließlich aus dem Wasser gekommen sei, sei mittlerweile klar gewesen, dass der Ertrunkenen nicht mehr gerettet werden könne, berichtet Postulka. Der mit dem Hubschrauber eingetroffene Notarzt habe nur noch den Tod feststellen können.

Unter dem Eindruck seines leblos am Boden liegenden Freundes sei dann einer der drei Begleiter schnellen Schrittes auf den jungen Rettungsschwimmer zugegangen und habe ihn offenbar beleidigt, so Postulka. Der Rettungsschwimmer habe sich daraufhin genötigt gesehen, wegzurennen und sei dann noch einige Meter weit verfolgt worden. Ob der Begleiter des Ertrunkenen aus eigenen Stücken von ihm abgelassen hat oder weil sich in diesem Moment der Streifenwagen der Polizei genähert habe, ist unklar. „Unschön“ sei diese Szene in jedem Fall gewesen, meint Björn Haje, sagt aber auch: „Da war viel Trauer im Spiel.“ Genauso sehe das auch der junge Rettungsschwimmer, betont er. Er trage dem Mann sein Verhalten nicht nach, das habe sich im Zuge der Einsatz-Nachbereitung gezeigt. Das DLRG-Team habe sich noch am selben Tag zusammengesetzt, um sich über das Erlebte auszutauschen.

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Was am See vorgefallen ist, darüber habe man zwei Tage später, am Montag, bei einer Versammlung sprechen wollen, berichtet Ulrich. Doch dazu sei es nicht gekommen. Denn wegen einer Unwetterwarnung wurde das Zelt evakuiert. Die Zeltbewohner zogen in eine Unterkunft am Weserpark um. Dort werden sie auch vorerst bleiben, da die Zeltunterkunft im Büropark Oberneuland, wie berichtet, ohnehin bald aufgelöst werden sollte. Wird es für die Flüchtlinge nun überhaupt noch zu einer Nachbereitung der Geschehnisse am Achterdieksee kommen? Awo-Sprecherin Silke Ulrich hat darauf keine Antwort. Die neue Unterkunft für die ehemaligen Zeltbewohner ist in der Hand eines anderen Trägers.

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