Canan Uzerli und Band überzeugen das Pulikum im Kito mit türkischen Chansons

Ihr Gesang kommt aus der Seele

Vegesack. Ihre Musik ist türkischer Chanson. Ihre Lebendigkeit auf der Bühne ist atemberaubend anmutig.
14.02.2017, 00:00
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Von Volker Kölling
Ihr Gesang kommt aus der Seele

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Volker Kölling coast communication

Vegesack. Ihre Musik ist türkischer Chanson. Ihre Lebendigkeit auf der Bühne ist atemberaubend anmutig. Und ihre Stimme schlicht schön. Canan Uzerli und ihre Band haben im Kito bei rund fünfzig Zuhörern den Eindruck hinterlassen, dass da in Sachen Weltmusik und Ethnopop etwas Neues da ist. Jedes Bandmitglied stellte dabei seine Virtuosität auch noch wohltuend in den Dienst der Sache: Canan Uzerli strahlen zu lassen.

Besucher vom türkischen Kulturforum gehören nicht unbedingt zu den regelmäßigen Gästen im Kito. Malte Prieser vom Kulturbüro Nord wollte mit Canan Uzerlis Engagement auch neue Gästekreise für das Kito erschließen. Das gibt er offen zu. Aber der Hauptgrund für ihr Engagement war ein anderer: Ihre Musik. „Wir bekommen praktisch täglich Anfragen von Bands. Das Besondere an dieser war, dass wir kurz reingehört haben und nach zwei bis drei Stücken komplett umgehauen waren von der Musik.“ Die Qualität der Aufnahmen sei dabei ein weiteres Kriterium gewesen, sich für die junge Sängerin zu entscheiden. Malte Prieser: „Und man muss sagen: So etwas kommt in Wirklichkeit nicht oft vor: Das wir so überzeugt werden.“

Nach so viel Vorschusslorbeeren muss man sich den Lebenslauf der Künstlerin genauer angucken: Canan Uzerli ist 1981 in Kassel zur Welt gekommen und Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters. Musikalisch ist sie immer und 2003 besucht sie neben dem Studium der Türkeiwissenschaften auch noch Musikworkshops im Jazzbereich und nimmt Gesangunterricht. 2005 steht ihr Beschluss, Profisängerin zu werden und sie startet ihre Gesangsausbildung an der „Hamburg School of Music“. 2009 lernt sie in Berlin türkischen Kunstgesang. Ihrem Lehrer Nuri Karademirli stellt sie ihre eigenen Texte und Kompositionen vor. Der ist entzückt. Als weitere wichtige Begegnung stellt sich der Kontakt zu Ulrich Kodjo Wendt heraus, als der gerade für das Fatih-Akin-Roadmovie „Im Juli“ die Filmmusik abgeliefert hat.

Besagter Ulrich Kodjo Wendt sitzt beim Kito-Konzert auf dem Dachboden bestens gelaunt direkt neben Canan Uzerli und schmachtet um die Wette mit ihr auf seinem diatonischen Akkordeon. „Icten Gelen Ses – Die Stimme aus dem Inneren“ ist ihr erstes großes eigenes Musikprojekt überschrieben. Die Liebe und all ihre Seelenwirkungen sind das tragende Thema aller Vorträge dieser leidenschaftlichen jungen Frau. Auf Deutsch erzählt sie vor jedem Stück kurz von dessen Inhalt. So lässt sie auch jene die Inhalte der Stücke begreifen, die sich das Türkische nicht selbst übersetzen können.

„Meine Sonne möge Dir ein Licht sein. Warmer Sand möge Deinen Weg säumen.“ Uzerlis erstes Stück stammt von Ulrich Kodjo Wendt. Viele weitere Kompositionen und Texte hat sie auch mit ihrem Gitarristen Henrik Kolenda ausgearbeitet, dem zweiten tragenden musikalischen Kopf ihrer Band. Haydar Kutluer gibt am Saz der Musik den Hauch musikalischer Mystik von jenseits des Bosporus. Oliver Karstens hält am großen Kontrabass die Dinge zusammen. Yogi Yokusch bekommt als Derwisch der Percussion die Zuhörer sofort zum Klatschen, sobald er zur Darbuka, der arabischen Trommel, greift.

„Sen Olmadan“ – ihr Herz hat ihr den Weg gewiesen und ihre Stimme verzerrt sich vor Sehnsucht. Im dritten Stück geht es um ein Motiv, das sich wiederholt: Da ist die große Liebe gefunden, aber sie lässt sich aus den verschiedensten Gründen nicht leben. „Ah Bu Sevda – Ach die Liebe“, ein Stück wie ein riesiger Seufzer.

Ihre Themen sind die gleichen der türkischen Soap-Operas und unterscheiden sich eigentlich nicht von der üblichen Folklore. Aber Canan Uzerlis Vortrag ist kein bisschen schwülstig und aufgesetzt, wahrscheinlich weil all die Texte und Melodien aus ihrem Inneren kommen. Sie ist authentisch, wenn sie über die verfliegenden Tage singt und davon, wie gerne sie die Zeit stoppen, sie einholen würde. Bei aller Melancholie stimmt sie immer wieder auch lebensbejahende Stücke an: Ihrer großen Liebe würde sie auch auf den Mond hinterherreisen, lacht sie heraus. Die Sängerin kann Menschen auch zum Schmunzeln und Mitmachen bringen: Das Kito klatscht im Takt.

Nach der Pause brilliert Ulrich Kodjo Wendt einmal mehr auf dem Akkordeon in einem Instrumental. „Das arme alternde Herz“ muss Canan Uzerli mit ihren nicht einmal 40 Sommern trösten, nachdem sie schon der Stadt Istanbul ein warmes Liebeslied gewidmet hat. Schöne melancholische Chansons wechseln sich bis zur zweiten Zugabe ab mit kraftvollen Folkpopsongs. Nach dem Konzert wirkt Canan Uzerli dann mit einem Mal doch auch nach außen ein bisschen aufgeregt: Als sie die Zuschauer an der Treppe stehend fast einzeln verabschiedet und sich bei ihnen für ihr Kommen bedankt – auch das eben von ganzem Herzen.

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