Bernerin hat Anzeige gegen Schützen erstattet / Hegering sieht Wiesenvögelbestand gefährdet

Illegale Krähenjagd beschäftigt die Polizei

Elsfleth·Berne. Es ist nicht das erste Mal, dass Schüsse in den Abendstunden Nicole Thielbar aufschrecken. So nah dran wie am 18.
04.05.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Es ist nicht das erste Mal, dass Schüsse in den Abendstunden Nicole Thielbar aufschrecken. So nah dran wie am 18. April ist sie aber noch nie. Nur ein paar Schritte von ihrer Pferdewiese entfernt parkt gegenüber vom Elsflether Wasserspeicher des OOWV ein Auto. Zwei Männer klettern über den Zaun aufs Gelände. Zwei Schüsse fallen, dann fahren sie wieder davon. Zurück bleibt ein zerschossenes Krähennest hoch oben in einem Baum am Rande des Geländes. Sein Bewohner treibt tot auf dem Wassergraben darunter, der Kopf des Vogels von einer Kugel zerfetzt.

„Sie haben auf den blauen Dunst zweimal ins Nest geschossen“, sagt Nicole Thielbar und interpretiert ihre Beobachtungen als Abbild eines immer härteren Vorgehens der Hegeringe gegen die Rabenvögel. Die Bernerin weiß, dass sie als eine Naturfreundin gilt, die es manchmal ein wenig übertreibt. Doch diese Form der Jagd auf Krähen gehe tatsächlich zu weit. „Das hat mit ordentlicher Jagd nichts zu tun.“ Sie glaubt, in einem der Männer einen Elsflether Jäger zu erkennen, notiert sich das Autokennzeichen und informiert die Polizei. Zwei Beamte sehen sich den „Tatort“ noch am gleichen Abend an. Am nächsten Vormittag stellen zwei Kollegen zwei Patronenhülsen sicher.

Die tote Krähe hätten die Beamten zunächst nicht mitnehmen wollen, empört sich Nicole Thielbar. Schließlich sei der Vogel ein Beweisstück. „Dass mir einer der Polizisten eindringlich klar machen wollte, dass ich nichts weiter unternehmen und mich nicht an den Landkreis wenden soll“, bleibt ihr als „sehr merkwürdig“ in Erinnerung. Also stellt sie den toten Vogel sicher und wendet sich am Montag noch einmal an die Elsflether Polizei. „Sie haben sich geweigert, die Anzeige aufzunehmen.“

Am Dienstag in der Polizeistation Berne versucht sie es wieder und wird erneut abgewiesen. Sie befürchtet, die Polizei könnte den Tod der Krähe nicht ernsthaft verfolgen, weil einer der Beamten selbst Jäger sein soll, und wittert einen Skandal. Knut Matthiesen, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes im Polizeikommissariat Brake, weist solche Spekulationen zurück. „Es ist nichts verlorengegangen. Hintergrund war, dass die Kollegen eine Sache nicht zweimal aufnehmen wollten“, erklärt er. Der Angelegenheit werde aber durchaus nachgegangen. Am Mittwoch holt eine Braker Ermittlerin das tote Tier ab, die Staatsanwaltschaft ist eingeschaltet. Der Jäger, den Nicole Thielbar erkannt haben will, wird schon vorher befragt.

Er habe eine Vorladung zum Polizeiverhör erhalten und sei ihr nachgekommen, sagt der angebliche Täter gegenüber der NORDDEUTSCHEN. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Er sei nicht der Schütze und zu der Zeit, als das Krähennest in Elsfleth zerstört wurde, nicht dort gewesen. „Ich schieße keine Nester aus.“ Über andere Jäger, die die früher gängige, aber seit Jahren verbotene Methode der Krähenjagd weiterhin anwenden, mag er nicht urteilen. Krähen im Winter auf weiter Flur zu jagen, mache auf alle Fälle keinen Sinn, lautet seine Erfahrung.

Dass er wegen einer erschossenen Krähe einmal würde Zeugen benennen müssen, die sein „Alibi“ bestätigen, hat er sich nicht vorstellen können. Und für den Ermittlungsaufwand, der deswegen betrieben wird, fehlt ihm jedes Verständnis. Von den Beamten hat er erfahren, dass das tote Tier zur Untersuchung an das Lebensmittel- und Veterinärinstituts (LAVES) in Oldenburg geschickt wurde.

„Es soll sich um eine Rabenkrähe handeln“, erklärt Kripo-Mann Matthiesen die Untersuchung. In diesem Fall hätte der Schütze am Elsflether Wasserspeicher die Schonzeit nicht eingehalten und eine Ordnungswidrigkeit begangen. Würde sich der tote Vogel als Saatkrähe erweisen, hätte der Schütze eine Straftat begangen. Matthiesen: „Die kleinere Saatkrähe ist der geschützte Vogel.“ Dabei gilt gerade sie vielen Landwirten und Jägern als Schädling. Dass die Saatkrähe unter Schutz steht, mag auch der von der Zeugin verdächtigte Jäger aus Elsfleth nicht einsehen. „Saatkrähen gibt es hier wie Sand am Meer.“

Mit seinem Unverständnis steht er nicht allein da. Der Vorsitzende des Hegerings Stedingen, Karl-Bernd Böse, hält die Schutzregeln zugunsten der Rabenvögel zum Teil für mitverantwortlich, dass die Wiesenvögelbestände stark abgenommen haben. Er berichtet von Saatkrähen, die Eier in den Gelegen und Nestern anderer Vögel aussaugen, und von Rabenkrähen, die Küken von Enten, Löffelenten, Bekassinen und darüber hinaus junge Hasen jagen. „Sie sind sehr schlau. Die eine lenkt die Mutter ab, die andere fängt die Junge.“ Die Überlebenschancen junger Wiesenvögel waren seiner Einschätzung nach deutlich besser, als das Ausschießen der Krähennester noch bis Ende April erlaubt war. Stattdessen vermehrten sich nun die Krähen stark.

Das ist laut Böse auch der Grund, warum die Zahl der vom Hegering Stedingen zur Strecke gebrachten Rabenkrähen von 702 im Jahr 2012 auf 1081 in 2013 stieg. „Es gab sehr viele Rabenkrähen. Sie haben keine natürlichen Feinde. Der einzige Feind ist der Jäger.“ 2014 ging die Zahl der gejagten Rabenkrähen dann wieder auf 895 zurück.

Nicole Thielbar kennt diese und ähnliche Argumente. Sie glaubt, die Jäger haben den Krähen den Kampf angesagt, weil sie sonst kaum noch was zu jagen haben. Doch das eigentliche Problem sind ihrer Meinung nach die „Monokulturen“ aus besonders ertragreichem Weidegras, das mehrmals im Jahr gemäht wird, im Wechsel mit Maisfeldern, aber ohne Rückzugsräume für Wildtiere. „Das Land verändert sich. Die Marsch ist inzwischen trocken statt feucht. Die Wasserqualität ist gleich null.“ Für Nicole Thielbar ist daher klar: „Die Bauern sind schuld, dass die Jäger nichts zu jagen haben, nicht die Krähen.“ Wie es anders geht, ist auf ihrer Wiese zu sehen. Einen Teil hat sie mit Bäumen und Büschen bepflanzt. Das Gras wächst lang und wild. Darin fänden Hasen, Fasane und andere Vögel ihre Rückzugsräume, um sich vor Feinden zu verstecken und den Nachwuchs aufzuziehen, freut sich Nicole Thielbar.

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