Drama am Achterdieksee

Wie ein 15-Jähriger ein Mädchen vor dem Ertrinken rettete

Der 15-jährige Miguel Diestelmann hat auf dem Weg nach Hause ein Mädchen aus dem Achterdieksee gezogen – weil sein Fahrrad defekt war.
07.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Wie ein 15-Jähriger ein Mädchen vor dem Ertrinken rettete

Miguel Diestelmann blickt über den Achterdieksee. Dort rettete er eine Zwölfjährige vor dem Ertrinken.

Frank Thomas Koch

Mit 15 Jahren ein Leben retten – das passiert nicht jedem. Deshalb ist die Geschichte, die Miguel Diestelmann erzählen kann, eine ganz besondere. Fast drei Wochen ist es her, da zog er eine Zwölfjährige aus dem Achterdieksee in Oberneuland. Er war auf dem Rückweg vom Bultensee in Tenever, wo er bei der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) zum Wasserretter ausgebildet wird.

Eigentlich war es ein ganz normaler Tag, wird Miguel Diestelmann später sagen. Den Nachmittag verbrachte er am Bultensee auf der Stationswache des DLRG, renovierte dort einen der Räume. „Es war so ein Tag, wo wir eher weniger zu tun hatten“, sagt Marie Clausen, Stationsleiterin an der Bultenseewache. „Als der Wachdienst zu Ende war, haben wir uns umgezogen und uns auf den Heimweg gemacht“, erzählt Diestelmann. Ebenso habe sich die Wache am Achterdieksee kurz vor 19 Uhr in in den Feierabend verabschiedet, erinnert sich Clausen.

Berufskrankheit Seeblick

Miguel Diestelmann sagt, sein Fahrrad habe einen platten Reifen gehabt, als er kurz nach 19 Uhr am Achterdieksee vorbei schob. „Der Weg zurück, das ist mein Standardweg.“ Der Jugendliche lebt in der Vahr. Ein kleiner Waldweg mündet an den Achterdieksee, Miguel schaute auf den See, als er sein Fahrrad schob. „Immer, wenn ich dort vorbei gehe, gucke ich ein- oder zweimal auf den See.“ Der Blick über den See, das sei eine Berufskrankheit, sagt auch Clausen. Philipp Postulka, Landesvorstandsmitglied bei der DLRG, berichtet von einem früheren Einsatz am Café Sand, als ein Ehrenamtlicher einen Mann aus der Weser zog, während er dort privat unterwegs war. Der Blick aufs Wasser, er begleitet die Ehrenamtlichen.

Zufällig beobachtete Miguel, wie ein Mädchen rund 50 Meter vom Ufer entfernt außerhalb des bewachten Badebereiches im Wasser geschwommen sei. Ihr Kopf sei abwechselnd über und unter Wasser getaucht, erzählt Diestelmann und bewegt dabei die Hände auf und ab. Das sei ein typisches Zeichen für einen Menschen, der mit dem Atmen im Wasser kämpfe. „Ertrinken ist ein stiller Tod – man bekommt das nicht mit. Viele, die ertrinken, haben keine Möglichkeit mehr zu schreien, sie gehen einfach unter“, weiß auch Philipp Postulka. „Das Menschen um sich schlagen, passiert praktisch nie.“

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Miguel Diestelmann beschreibt, wie es weiterging: Er legte seine Wertsachen ab, zog sich aus und lief ins Wasser. Er griff dem Mädchen unter die Arme und zog sie im Schleppgriff aus dem Wasser, alles innerhalb weniger Minuten. Dort erbrach sich das Mädchen laut Diestelmann und klagte über Schwindel. „Die Eltern haben sich sehr herzlich bei mir bedankt, als ihr Kind wieder am Ufer war.“ Über seine Gefühle sagt er: „Als sie an Land war, war ich schon erleichtert.“ Das Kind sei dann im Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht worden. Der Schüler hatte kein Handtuch dabei, trocknete sich mit dem geliehenen Tuch der dankbaren Eltern ab und schob nach Hause. In der Messenger-Gruppe der Ehrenamtlichen berichtete er über seinen zufälligen Einsatz.

Der 15-jährige Diestelmann ist schon seit zehn Jahren bei der DLRG. „Ich habe die DLRG mit Boot und Auto auf einem Fest gesehen und habe meine Eltern überredet, mich anzumelden. Da war ich ungefähr fünf.“ Bei der Lebens-Rettungs-Gesellschaft können schon Vorschüler mitmachen, weil die Schwimmausbildung in diesem Alter beginne, erklärt Stationsleitung Clausen. Und dass Kinder früh schwimmen lernen, das wollen sie bei der DLRG.

„Man unterschätzt das Freigewässer“

Stationsleiterin Clausen erklärt, warum auch Schwimmer in Not-Situationen geraten können. „Man unterschätzt das Freigewässer, das ist einfach so“, sagt sie. Es gehe um die Entfernung und den fehlenden Beckenrand bei Erschöpfung. Krämpfe oder Kreislaufprobleme kämen hinzu, sagt Postulka. Die Profis von der DLRG empfehlen, sich an die Baderegeln zu halten und als Nichtschwimmer im abgetrennten Bereich zu bleiben. An vielen Bremer Badeseen gebe es Abbruchkanten mit bis zu sechs Meter Tiefe. „Plötzlich hat man keinen Grund mehr unter den Füßen. Das sieht man von außen nicht“, sagt Sprecher Diestelmann.

Postulka meint, in Bremen könnten vor dem verpflichtenden Schwimmunterricht in der dritten Klasse rund die Hälfte der Kinder nicht schwimmen. „Das ist alarmierend“, findet er. Der Schwimmunterricht in der Schule solle lediglich Fähigkeiten vertiefen und erweitern und nicht das allererste Schwimmenlernen ersetzen. Rund 30 Prozent der Kinder blieben auch anschließend Nichtschwimmer, bei den Übrigen sei unklar, ob sie sichere Schwimmer seien oder lediglich das Seepferdchenabzeichen gemacht hätten.

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Um mit 16 Jahren selbstständig Rettungsdienste am See übernehmen zu können, brauchen die Freiwilligen das silberne Rettungsabzeichen, erklärt Stationsleiterin Clausen. Miguel Diestelmann, der nach den Sommerferien die 10. Klasse besuchen wird, hat den Rettungsschwimmschein Bronze gemacht. Das silberne Abzeichen sei „dank Corona“ noch nicht abgenommen, sagt Clausen. „Wir waren mitten in der Ausbildung dafür.“

Weil der 15-jährige Miguel Diestelmann seit Jahren dabei sei, habe sie ihn im Juni gefragt, ob er mit am See lernen wolle. „Wir nehmen gerne junge Leute, die schon sehr gut sind, mit an den See. Die lernen Training-on-the-job und werden vorbereitet auf das, was auf sie zukommt“, sagt Sprecher Philipp Postulka. Für Diestelmann wurde es dann bereits nach wenigen Wochen ernst. „Ich mache das aus reinem Interesse, Leuten zu helfen. Es macht mir auch Spaß“, sagt er über sein Ehrenamt. Beruflich möchte er sich Richtung Garten- und Landschaftsbau orientieren und nach der Schule eine Ausbildung beginnen. Bei der DLRG beginnt seine Laufbahn erst.

Info

Zur Sache

24 Badetote in Niedersachsen

Während es in Bremen in diesem Jahr noch keinen Badetoten gab, gehört Niedersachsen zu den Bundesländern mit den bislang meisten Todesfällen durch Ertrinken in diesem Jahr. In den ersten sieben Monaten verunglückten von den mindestens 192 Ertrunkenen in ganz Deutschland 24 in niedersächsischen Gewässern, wie die DLRG mitteilte. Nur in Bayern (35) und Nordrhein-Westfalen (26) kamen mehr Badende ums Leben. Die Zahlen sind aber rückläufig. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ertranken in deutschen Gewässern 63 Menschen weniger, in Niedersachsen waren es vier weniger. In Nord- und Ostsee starben dieses Jahr bisher mindestens zehn Menschen (drei in der Nord-, sieben in der Ostsee).

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