Premierenfeier

Autokino in Hatten: Fast so schön wie früher

Eigentlich war die große Zeit der Autokinos lange vorbei. Doch während der Coronakrise erlebt das Autokino sein Comeback. In der Region haben mehrere eröffnet, wir waren bei der Premiere in Hatten zu Besuch.
25.04.2020, 08:00
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Autokino in Hatten: Fast so schön wie früher
Von Marc Hagedorn
Autokino in Hatten: Fast so schön wie früher

Dicht an dicht und trotzdem auf Abstand: 64 Autos dürfen ins improvisierte Autokino am Freibad in Hatten, 64 Autos waren zur Premiere am Freitag da.

INGO MOELLERS

Bärbel hat es sich bequem gemacht. Sie hat den Sitz zurück geschoben und die Lehne nach hinten gestellt. Neben ihr auf dem Beifahrersitz hat sich ihre Freundin Margitta gemütlich eingerichtet. Beide Frauen essen eine Stulle. In einer Dreiviertelstunde soll der Film losgehen. Margitta fischt einen Beutel aus dem Fußraum und klopft mit der flachen Hand von außen drauf. „Der Prosecco“, sagt sie, „wenn der Film anfängt, für den Fahrer natürlich alkoholfrei.“ Na klar, sie müssen ja nachher auch noch nach Hause. Nach Achim.

Jetzt aber stehen sie auf dem Parkplatz des Schwimmbades in Hatten im Landkreis Oldenburg. Hier feiert an diesem Freitagabend das neue Autokino seine Premiere. Für die beiden Frauen, sie sind um die 60, ist es ein Rendezvous mit ihrer Vergangenheit. Früher, als sie noch Teenager waren, gehörten Autokinos zum Standardvergnügen an einem Wochenende. „Oh ja“, sagt Bärbel, „ich war schon einmal in einem Autokino.“ Dann lacht sie. „Aber fragen Sie mich nicht, wann das war, wo das war und welcher Film lief. Ich habe die ganze Zeit geknutscht.“ Aber mit wem, das wird sie doch noch wissen, oder? Sie lacht wieder, „nee, auch das weiß ich nicht mehr.“

Gute Laune weit und breit

Die Stimmung an diesem Abend ist nicht nur bei Bärbel und Margitta gelöst. Alle Besucher, die hierher gekommen sind, haben gute Laune. Endlich gibt’s in diesen verflixten Corona-Wochen mal wieder was zu erleben. Schon eine Viertelstunde, bevor der Parkplatz geöffnet wird, stehen die ersten Autos in der Schlange. VER, OL, CUX, WHV, HB, FRI und CLP steht auf den Nummernschildern. In jedem Wagen sitzen zwei Leute, mehr sind nicht erlaubt. Pärchen, Kumpels, Freundinnen, die sich mal wieder einen Mädelsabend gönnen. Ganz nostalgisch. Im Autokino.

Der Mann, der dieses Erlebnis möglich macht, hat vor Filmbeginn noch gut zu tun. Gemeinsam mit sechs Mitstreitern weist Jan Meiners die Autos ein. 64 dürfen auf den Platz, 64 sind es am Ende auch. Alle überpünktlich. Als der letzte Wagen kommt, ist es immer noch eine Viertelstunde bis Filmstart. Den will keiner verpassen. Die Tickets haben die Leute online bestellt und bezahlt, das sorgt für einen zügigen Ablauf.

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Johanna Greiner und ihr Freund Dave Wystrup sind extra aus Wilhelmshaven gekommen. „Bei uns ist halt nichts los“, sagt Wystrup. Sie parken in der zweiten Reihe, das heißt, beste Sicht auf die 20 Quadratmeter große LED-Leinwand. Noch ist es hell draußen, der Film beginnt um 19 Uhr, aber die Bildqualität ist trotzdem sehr gut. Genau wie der Ton. Im Radio hat das Pärchen auf die Frequenz 88,7 gestellt, 1a Empfang.

Natürlich ist vieles improvisiert hier. Normalerweise parken an dieser Stelle die Autos von Gästen, die das Freibad, den angrenzenden Kletterwald, den Minigolfplatz oder die Boule-Anlage besuchen wollen. Aber die haben allesamt zu. Das ist die Chance für ein Alternativprogramm. „Und genau darum geht es uns“, sagt Cheforganisator Meiners, „die Eröffnung des Autokinos soll ein Zeichen in dieser schweren Zeit sein: Es geht weiter, Leute, es gibt neue Ideen, die Menschen müssen nicht 24/7 zu Hause hocken.“

Gemeinschaftserlebnis auf Abstand

Tatsächlich funktioniert das hier: ein Gemeinschaftserlebnis auf Abstand. Zwar müssen die Besucher vor und während der Vorstellung in ihren Autos sitzen bleiben, nur wer zur Toilette muss, darf das WC am Freibad benutzen. Essen und Trinken muss man selbst mitbringen. Hier und da prosten sich die Gäste von Auto zu Auto zu, und als Meiners seine Eröffnungsrede auf der Bühne vor der Leinwand beendet hat und allen einen „schönen Abend“ und „gute Gesundheit“ wünscht, hupt der Erste und die anderen fallen schnell mit ein. „Danke“ soll das Hupkonzert bedeuten.

Gezeigt wird an diesem Abend der französische Kassenschlager „Ziemlich beste Freunde“. Die meisten, die heute Abend hier sind, kennen den Film, „aber ganz ehrlich“, sagt Bärbel, „eigentlich spielt das keine Rolle. Es geht mehr um das Erlebnis als um den Film.“ Dann überlegt sie kurz, „okay“, sagt sie, „für Bud Spencer hätten wir den ganzen Weg hierher nicht gemacht.“

Jan Meiners ist ein Profi im Organisieren. In seinem richtigen Leben stellt er alle zwei Jahre das Tabularaaza-Festival in Hatten auf die Beine. Dazu kommen jedes Jahr weitere 30 bis 40 eigene Veranstaltungen und 100 Auftritte als DJ und Musiker. Meiners ist Eventmanager, und das hat ihm sehr geholfen, das Autokino in kürzester Zeit aufzuziehen. „Ich bin jetzt auch offizieller Kinobetreiber“, sagt er schelmisch. Tatsächlich musste er eine Lizenz beantragen, bevor er bei den Filmfirmen wegen der Vorführrechte anfragen konnte. Wenn er dort denn Ansprechpartner erreichte, „denn in der Branche herrscht Kurzarbeit.“

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Die Coronakrise trifft die deutschen Kinos hart. Experten rechnen mit 40 Millionen Besuchern weniger in diesem Jahr als sonst. Jeden Tag ohne Vorführung verlieren die Kinos in Deutschland 17 Millionen Euro. Da ist der Autokino-Boom, der in der Republik gerade herrscht, nur ein kleines Trostpflaster, zumal Meiners nicht davon ausgeht, dass die große Zeit der Autokinos von Dauer sein wird. „Das ist etwas, das genau jetzt in die Zeit passt“, sagt er, „das ist die passende Antwort auf Corona.“

Aber mehr dann wohl doch nicht. Er selbst geht mit einem kleinen Gewinn aus der Sache heraus. Mit dem Geld will er Schutzmasken kaufen und sie den Bewohnern einer Senioren-WG im Ort schenken.

Ein gutes Dutzend verschiedener Filme wird Meiners in den nächsten Tagen zeigen. Filme für Kinder, „Pippi Langstrumpf“, „Findet Nemo“, „König der Löwen“, sonst noch Klassiker wie „Ritter der Kokosnuss“ oder „Goldfinger“ und aus den 2000er-Jahren „Django unchained“ und „Das Wunder von Bern“. Karten gibt es so gut wie keine mehr. Wer sein Glück trotzdem versuchen will, kann dies unter tabularaaza-kino.de tun.

Erinnerungen vom Delmenhorster Autokino

Birgit und Stefan Schelenz hatten ihre Tickets früh gebucht. „Normalerweise würden wir mit dem Fahrrad hierhin fahren“, sagt sie. Das Ehepaar wohnt nur ein paar hundert Meter entfernt. Aber es heißt ja Autokino und nicht Fahrradkino. Sie haben Gummibärchen und Erfrischungsgetränke dabei. Stefan Schelenz kennt sich aus mit Autokinos. Er war früher mit 16, 17 oft im Delmenhorster Autokino, als es das noch gab. „Immer erst nach Oldenburg zum McDonald’s, den gab’s zu der Zeit nämlich nur dort, und dann ins Autokino, Western gucken.“ Oder „Eis am Stiel“, „bei uns zu Hause war der verboten“, Schelenz lacht.

Wie die übrigen Besucher fährt auch das Ehepaar Schelenz nach dem Ende des Films glücklich nach Hause, „oh, das war schön“. Keine 15 Minuten dauert es, dann ist der Parkplatz leer. Jan Meiners schmiedet derweil neue Pläne. Wenn er in Hatten in zwei Wochen mit seinem Programm durch ist, „ziehen wir weiter“. Er hat da schon wieder etwas eingefädelt. Ab Mitte Mai will er in Friesoythe das nächste Autokino einrichten. Dort soll dann Platz für 300 bis 400 Autos sein. Wie lange er als Kinobetreiber weitermacht, liegt an Corona, „und daran, wie lange die Leute Bock darauf haben“. Die Prognose nach der Premiere am Freitag: Im Moment haben sie sehr viel Bock.

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Autokinos in der Region

Wie so viele Unterhaltungsangebote ist auch das Autokino eine Erfindung der Amerikaner. 1933 trafen sich in Campden, New Jersey, die ersten Autofahrer zum Filme gucken. In Deutschland öffnet im hessischen Neu-Isenburg 1960 das erste Autokino, es hat bis heute mit gut einem Dutzend anderer überlebt. Seine Hochphase hatte das Autokino in den 70er-Jahren, zu der Zeit soll es in Deutschland 40 Autokinos gegeben haben. In diesen Tagen erlebt das Kino eine Renaissance. Die Bundesnetzagentur hat 43 neue Frequenzen an Betreiber herausgegeben für den Ton, der aus dem Autoradio kommt – und es gibt 80 weitere Anfragen.

In Stuhr-Brinkum hat am Wochenende hinter der BMÖ-Tankstelle an der B6 ein Autokino eröffnet. Auch auf dem Stoppelmarktgelände in Vechta, in Lohne sowie in Oldenburg sind Kinos an den Start gegangen oder starten bald.

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