Natalia Gvozdkova ist die erste hauptamtliche Kirchenmusikerin Bernes und hat sich der Orgel verschrieben Im Dienst der Instrumente

Berne. Seit November 2014 ist Natalia ­Gvozdkova als erste hauptamtliche Kirchenmusikerin in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Berne tätig. Sie begleitet den Choralgesang bei Gottesdiensten und geistlichen Amtshandlungen in der St.
18.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hannelore Johannesdotter

Berne. Seit November 2014 ist Natalia ­Gvozdkova als erste hauptamtliche Kirchenmusikerin in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Berne tätig. Sie begleitet den Choralgesang bei Gottesdiensten und geistlichen Amtshandlungen in der St.-Ägidius-Kirche, und setzt auch die lange Tradition der monatlichen Kirchenkonzerte fort. Außerdem ist sie inzwischen eine gefragte Sachverständige für Orgeln.

Durch die intensive Beschäftigung mit der Berner Orgel hat die in St. Petersburg geborene Kantorin das große Instrument schätzen gelernt. Für sie ist jede Orgel lebendig. „Sie hat auch ihre Launen“, sagt sie. „Jede beschallt den Raum auf eigene Art.“ Der Organist spiele mit dem Wind und müsse sich dem Instrument anpassen. „Die Pfeifen klingen zu jeder Zeit anders, je nachdem, ob die Kirche warm oder kalt ist, ob viele Menschen oder wenige im Raum sind.“

Die Kantorin ist stolz auf den wertvollen Bestand alter Pfeifen der Orgel in St. Ägidius, deren älteste noch 400 Jahre alt ist. Erbaut wurde die Orgel 1596 von Meister Lampeler-van-Mill aus Brabant, 1643 wurde sie von Hermann Kröger erheblich erweitert. „Die Pfeifen haben schon Generationen von Kirchenbesuchern beschallt“, sagt sie.

Dass die 45-Jährige Kirchenmusikerin werden würde, sei nicht zu erwarten gewesen. Als einzige in ihrer Familie erhielt sie auf Wunsch der Großmutter Klavierunterricht an einer Musikschule. Ein eigenes Klavier besaß die Familie zunächst nicht. So ging die Sechsjährige im Haus einer Klavier­lehrerin üben. „Das war ­keine professionelle Ausbildung“, urteilt Natalia Gvozdkova heute. Dennoch sei die Ausbildung eine gute Grundlage für ihr späteres Studium gewesen.

Am Konservatorium in Saratow studierte sie Klavier. Dort sah sie im Konzertsaal erstmals eine Orgel. Nach ihrer künstlerischen Ausbildung zur Korrepetitorin und Klavierlehrerin durfte sie bei Konzerten als Aushilfe die Orgel-Register bedienen. Ein Studiengang für Orgel wurde in Saratow nicht angeboten. So brachte sich die ehrgeizige Pianistin das Orgelspiel autodidaktisch und per Fernstudium am Konservatorium in Kazan bei. In Russland würden die europäischen Barockkomponisten, allen voran Johann Sebastian Bach, verehrt, erläutert Natalia Gvozdkova. Sie lernte die Instrumental- und Vokalwerke Bachs kennen. Eine Kommilitonin, die zum Studium nach Hamburg gegangen war, informierte sie über das Orgelforum der Stader Orgelakademie. Ein Einzel-Stipendium ermöglichte es der damals 32-Jährigen im November 2003 als einziger Studentin aus Osteuropa, drei Wochen lang Orgeln in der Region ­Stade kennenzulernen und einige der berühmten Orgeln im Alten Land selbst zu spielen. Die neue, ganz ­andere Klangwelt habe sie in ihren Bann gezogen.

„Ich habe mich sofort entschieden, in Deutschland zu studieren“, berichtet Natalia Gvozd­kova. Ihre Wahl fiel auf die Hochschule für Künste in Bremen. Dort belegte sie zwei Jahre lang den Studiengang „Künstlerisches ­Orgelspiel“ und legte danach das B-Examen für Kirchenmusik ab. Während ihres Studiums lebte sie in Stade. Dort wirkte sie als Organistin und lernte, die ­Gemeinde bei den Gottesdiensten zu begleiten. „Kirchenmusik ist kein konzertantes Musizieren“, erklärt sie. „Die Orgel ist fest in der Liturgie verankert.“ Wie die Glocken ­schaffe die Musik eine Verbindung zum Himmel. „Kirchenmusik gehört zum Verkündigungsdienst. Sie spricht Menschen anders und oft unmittelbarer an als das Wort“, meint sie.

Wenn sie am Orgelspieltisch sitzt und den Gesang begleitet, empfinde sie sich als Dienerin im Hintergrund. Dazu gehört, dass sie den Besuchern weitgehend verborgen bleibt. „Ich stehe nicht im Vordergrund. Die Leute sagen ja auch: Die Orgel spielt.“ Das hätten die Orgelbauer so gewollt, denkt sie. Deshalb sei das äußere Erscheinungsbild einer Orgel oft aufwendig mit Bibelversen und dem himmlischen Orchester musizierender Engel gestaltet.

Die Beschäftigung mit der nach dem Kirchenjahr geordneten Musik ergänzt sich sinnvoll mit der technischen Sachkenntnis, die sich Natalia Gvozdkova als Sachverständige erworben hat. Sie begeistert sich für die wertvollen Instrumente im Bereich der Oldenburgischen Landeskirche. Sie haben bei ihr den Wunsch wachsen lassen, diese Schätze zu erhalten. „Für mich ist jedes Instrument wertvoll.“ Sie berät Gemeinden, die über eine Reparatur, eine Wartung oder die Neuanschaffung einer Orgel nachdenken. „Ich stehe im Dienst der Instrumente zwischen den Orgelbaufirmen und den Gemeinden“, erklärt Natalia Govzdkova. Sie beschäftigt sich mit jedem der Instrumente und der Geschichte seiner Entstehung, damit die Eigenart seines Klanges erhalten bleibt oder auch wieder hergestellt wird. „Das ist Kulturgut. Das möchte ich vermitteln.“

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