„Bremen hilft der Straße“ mit Lebensmitteln, Kleidung und Wertschätzung – Freiwillige Helfer treffen sich immer Dienstags auf der Bürgerweide

Im Einsatz für die Vergessenen der Stadt – „Bremen hilft der Straße“ mit Wertschätzung

Findorff-Bürgerweide. An jedem Dienstagnachmittag, Sommer wie Winter, bei Wind und Wetter, kommen sie aus allen Teilen der Stadt und weit aus dem Umkreis. Auf der Bürgerweide werden sie schon von vielen Menschen erwartet: Die freiwilligen Helferinnen und Helfer der Aktion „Bremen hilft der Straße“.
06.07.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten
Im Einsatz für die Vergessenen der Stadt – „Bremen hilft der Straße“ mit Wertschätzung

Die freiwilligen Helfer und Helferinnen der Aktion „Bremen hilft der Straße“ treffen sich immer Dienstags auf der Bürgerweide.

Roland Scheitz

Findorff-Bürgerweide. An jedem Dienstagnachmittag, Sommer wie Winter, bei Wind und Wetter, kommen sie aus allen Teilen der Stadt und weit aus dem Umkreis. Auf der Bürgerweide werden sie schon von vielen Menschen erwartet: Die freiwilligen Helferinnen und Helfer der Aktion „Bremen hilft der Straße“. Seit einem halben Jahr kümmern sie sich um Obdachlose und andere Bedürftige, versorgen sie mit dem Nötigsten und noch viel mehr: mit Zuwendung, Wertschätzung und Respekt. Es ist das ganz unmittelbare, unbürokratische Engagement einer Gruppe von Aktiven, die ohne viel Aufhebens zupackt und praktische Hilfe leistet.

Es begann im vergangenen Herbst mit der Ausgabe von Kaffee, Tee und heißer Suppe vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofs, berichtet Mario Baran, der in Aumund wohnt. Von Anfang an ist der Swb-Mitarbeiter jede Woche mit dabei. Ein ausrangierter Rettungswagen, der am Klangbogen geparkt wird, ist mittlerweile Hauptquartier und Treffpunkt. Er wurde von einem privaten Spender organisiert und finanziert, und dient als Kleiderkammer und Garderobe.

Gegen halb fünf zieht ein Teil des Helferteams mit vier, fünf dicht bepackten Bollerwagen durch die Bahnhofspassage. Am Rande der Grünfläche vor dem Überseemuseum werden Klapptische aufgebaut. Dann wird verteilt, was über die Woche an Spenden zusammengekommen ist: Getränke, Brot, Obst, Kekse und Schokolade, Dosenfleisch, Würstchen im Glas, Hygieneartikel – so lange der Vorrat reicht, „und er reicht nie“, sagt Nadine Wlodarczak, die aus Ritterhude kommt.

Wenn alles ausgegeben ist, ziehen die Helfer wieder ab, als ob sie nie da gewesen wären. „Wir räumen alles auf, passen auf, dass kein Müll hinterlassen wird“, betont Manuela Hartmann. Bis jetzt werde die wöchentliche Aktion am Bahnhof geduldet, „wir hoffen, dass das auch so bleibt.“ Die Geschäftsfrau aus Alt-Osterholz gehört seit Anfang dieses Jahres zum aktiven Kern der Gruppe. „Ich fand toll, dass die Hilfe direkt und ohne Abstriche ankommt“, erklärt sie, „und dass man die Dankbarkeit in den Augen sieht.“

Aus der zufällig zusammengewürfelten Truppe sei mittlerweile ein Freundeskreis entstanden, sagt Mario Baran. Was alle verbinde, sei „das wunderbare Gefühl, helfen zu können.“

„Die Straße“: Das sind Männer und Frauen jedes Alters, mit den unterschiedlichsten Biografien und aus allen sozialen Schichten. Es sind Menschen, die am Rande unserer so wohlhabenden Gesellschaft oft übersehen oder sogar verachtet werden. Nach inoffiziellen Schätzungen sind in Bremen rund 600 Menschen obdachlos, weiß Nadine Wlodarczak.

„Unsere vergessenen Menschen“, sagt Manuela Hartmann. Die Aktiven kennen inzwischen viele davon mit Namen, haben ihre Lebensgeschichten gehört. „Manche Leute sagen: Selbst Schuld, die könnten doch arbeiten gehen“, berichtet sie. „Aber keiner von denen hat sich das ausgesucht.“ Viele der Obdachlosen seien durch schwere Schicksalsschläge auf die Straße gerutscht. Unter ihnen seien ein ehemaliger Rechtsanwalt, ein Ingenieur und ein Kinderarzt, erzählt sie. Oder auch der gelernte Buchbinder, der den Helfern einmal stolz zeigte, was für tolle Sachen er fertigen könnte, wenn ihn jemand brauchen könnte. „Niemand soll sagen: Mir könnte das nie passieren!“, sagt Manuela Hartmann.

„Es sind Menschen wie Du und ich, die unseren Respekt verdient haben“, findet Melanie Folger aus Bremen-Nord, die als Altenpflegerin arbeitet, aber sich auch ihre Freizeit „mit Hilfe zustopft“, wie sie sagt. Viele kämen gar nicht, um sich mit Essen oder Kleidung einzudecken, sondern zum Klönen und für eine Umarmung. Die persönlichen Gespräche seien mindestens genau so wichtig wie die Lebensmittel, bestätigt Mario Baran.

„Bremen hilft der Straße“ ist auch ein Paradebeispiel dafür, dass aus sozialen Netzwerken richtig Gutes entstehen kann. Denn entstanden ist die Initiative im „Facebook“. Inzwischen haben sich rund 1500 Menschen der Gruppe angeschlossen. Ein gutes Dutzend Aktiver trifft sich dienstags am Klangbogen. In der Zwischenzeit bemühen sich Gruppenmitglieder im Internet und in ihren Stadtteilen um Nachschub, und nehmen an diversen Flohmärkten der Stadt teil.

„Wir verkaufen eigene oder gespendete Sachen, und aus dem Erlös können wir wieder Lebensmittel anschaffen“, erklärt Nicole Wlodarczak. Außerdem nehmen sie sich noch Zeit, um besondere Aktionen zu organisieren. Kürzlich ging es zum Beispiel mit einem Reisebus nach Arbergen in den „Urlaub auf der Straße“. Auf die Passagiere warteten ein kostenloser Friseurbesuch, eine Pediküre und ein gemeinsames Essen in einem schönen Lokal: Möglich wurde das, weil alle beteiligten Unternehmen ihre Zeit schenkten und auf jeden Lohn verzichteten.

An Motivation und Einsatz mangelt es dem Helferteam nicht – an Spenden mittlerweile allerdings schon. Anfangs, als die Gruppe noch ein, zwei Dutzend Obdachlose versorgte, war die Hilfsbereitschaft groß, es gab reichlich zu verteilen. Mittlerweile haben die Helfer Mühe, alle bis zu sechzig Menschen zu versorgen, die an den Dienstagen schon erwartungsvoll vor dem Bahnhof warten, berichtet Nadine Wlodarczak. „Je länger der Monat, desto größer die Bedürftigkeit“, sagt Mario Baran denn auch.

Wer die Aktion „Bremen hilft der Straße“ unterstützen möchte: Willkommen sind haltbare Lebensmittel wie Bockwürste im Glas, Dosenwurst,- suppen und -eintöpfe, abgepacktes Brot in Scheiben und einzeln verpackte Milchbrötchen, Kekse, Schokolade und andere Süßigkeiten. Mangelware ist auch gut erhaltene, saubere Herrenkleidung – vor allem Jeans, Jogginghosen, Shirts, Pullover, Schuhe und Unterwäsche. Immer dringend gebraucht werden auch Schlafsäcke und Isomatten.

Sachspenden können entweder dienstags ab 16.15 Uhr auf der Bürgerweide abgegeben werden, oder bei den Helferinnen und Helfern in den Stadtteilen. Die Übergabe kann individuell über die Facebook-Gruppe „Bremen hilft der Straße“ organisiert werden.

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