Sanierung der JVA Oslebshausen Im Gefängnis fallen die Mauern

Bremen. Die gut 100 Jahre alte Backsteinmauer der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen wird von Baggern abgerissen. Die neue Mauer ist zwei Meter höher, zusätzlich gibt es noch einen mit Detektoren gesicherten Zaun.
07.07.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Im Gefängnis fallen die Mauern
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Meter um Meter knabbert sich der Bagger voran, und am Abend wird er es geschafft haben: Die Mauer ist dann weg, wenigstens eine davon, die Mauer in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen. Auf einer Länge von 200 Metern tut sich ein riesiges Loch auf, doch wer von den Gefangenen jetzt an Ausbruch denkt, ist schief gewickelt, das Loch nämlich ist quasi schon wieder geschlossen.

Den Mauerfall gab's gestern, er ist Teil der groß angelegten Sanierung des maroden Gefängnisses, in das in den nächsten neun Jahren rund 42 Millionen Euro investiert werden. Ein gutes Drittel davon entfällt auf den Neubau eines Zentralgebäudes, in dem unter anderem die Verwaltung, der Besucherbereich, die Krankenstation, die zentrale Pforte und auch ein Hafthaus mit 100 Plätzen untergebracht werden. Mit jeweils gut vier Millionen Euro schlägt die Sanierung von vier Häusern auf dem 15 Hektar großen Gelände zu Buche. Sie stehen allesamt unter Denkmalschutz und reichen bis ins Jahr 1874 zurück.

Und tatsächlich: museal ist gar kein Ausdruck für die roten Backsteinburgen mit ihren vergitterten Fenstern. Die Fassaden wirken geradezu abschreckend und das sollten sie früher wohl auch. Dahinter Zellen, die längst nicht mehr den richterlichen Anforderungen an einen humanen Strafvollzug genügen. Allein, dass es in ihnen keinen abgetrennten Sanitärbereich gibt. Toilette und Waschbecken sind in den acht Quadratmeter großen Räumen nur durch eine Bretterwand vom Rest getrennt. Nach der Sanierung sind aus drei Zellen zwei geworden, genug Platz für ein separates kleines Badezimmer.

Keinen Luxus, noch nicht einmal Komfort, aber doch mindestens eine menschenwürdige Unterbringung für die rund 650 Gefangenen in Oslebshausen - das ist das eine und erste Ziel der Knast-Kur. Neben den baulichen Veränderungen betrifft das auch Haftprinzipien. So soll es in Zukunft keine Zellen mehr geben, die mit mehreren Menschen belegt sind, und im Jugendvollzug werden grundsätzlich Wohngruppen geschaffen.

Das zweite Ziel ist eine höhere Sicherheit, denn damit ist es in Oslebshausen nicht weit her. Es gab immer mal wieder Ausbrüche, zuletzt vor drei Jahren, und es gibt einen regen Austausch über die nur viereinhalb hohe Mauer hinweg. 'Ein Kollege von mir hat erlebt, wie innerhalb weniger Minuten drei Handys geflogen kamen', erzählt Jürgen Schaar, der im Gefängnis den Sicherheitsdienst leitet. Auch Drogen finden den Weg über die Mauer, 'einmal war es eine ganze Platte Hasch, 90 Gramm schwer', erinnert sich Schaar.

Ganz ausschließen kann er nicht, dass diese Art von Flugverkehr auch nach der Sanierung weitergeht, aber es wird schwieriger, das steht fest. Dort, wo jetzt die alte Mauer gefallen ist, steht nämlich schon eine neue, sie ist sechseinhalb Meter hoch und aus blankem Beton. Vor der Mauer wird auf der Gefängnisseite noch ein Zaun gezogen. Wer den Gefangenen Handys, Drogen oder was auch immer verschaffen will, muss also künftig sehr hoch werfen und sehr weit, schwierig, dabei auch noch das Zielgebiet zu treffen.

Der neue Zaun - 'das ist der Widerstand', sagt Schaar. Nicht die neue Mauer, sondern der Zaun. Er ist viereinhalb Meter hoch und trägt an seiner Spitze zwei Lagen Sicherheitsdraht. Drunterweg graben geht nicht, dafür sorgt eine Betonsperre. Wie tief sie ist? 'Tief genug', antwortet der Sicherheitschef, alles will er nicht verraten.

'Den schafft keiner'

In den Zaun werden Detektoren eingebaut. Berührt jemand den Draht oder wirft etwas hinein, springen sofort die Videokameras an, und das Wachpersonal kann die Lage peilen. Schaar kennt solche Zäune aus anderen Haftanstalten in Deutschland, in denen er früher gearbeitet hat: Seine Prognose: 'Den schafft keiner.' Eine Sicherheit, die in Oslebshausen im Ganzen mit knapp vier Millionen Euro veranschlagt wird, so viel kosten die neue Mauer und der neue Zaun.

Die Gefangenen können von ihren Zellen aus jeden Tag beobachten, wie um sie herum so langsam jedes Schlupfloch dicht gemacht wird. Und sie sehen das gar nicht mal ungerne, berichtet Schaar. 'Mehr äußere Sicherheit bringt mehr innere Sicherheit', sagt der JVA-Beamte. Es könnte deswegen durchaus sein, meint er, dass die Auflagen innerhalb der Gefängnismauern später einmal ein wenig gelockert würden. Dass also nicht jeder Schritt der Gefangenen im Hof doppelt und dreifach kontrolliert wird oder genehmigt werden muss. Ein bisschen mehr Freiheit im Knast, weil die Freiheit draußen unerreichbar geworden ist.

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