Im Grünen Bereich

Ich, Homo naturus

Vier Jahre lang ist die Kolumne „Im grünen Bereich“ im WESER-KURIER erschienen.In dieser fünften und letzten neuen Folge steht die Autorin auf Kriegsfuß mit elektrischen Geräten.
17.05.2020, 09:00
Lesedauer: 2 Min
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Ich, Homo naturus
Von Patricia Brandt
Ich, Homo naturus
Zeichnung: Sabine Rosenbaum

Ich lebe in einem Überwachungsstaat. „Du willst hoffentlich keinen Kaffee kochen?“, fragt die Kollegin, Panik in der Stimme. Während ich überlege, ob ich das Kaffeepulver unauffällig verschwinden lassen soll, klammert sie sich schon an meinen Knöchel.

Normalerweise kommt stets Freude im Büro auf, wenn jemand Kaffee macht. Nur bei mir ist es anders. Ich habe Kaffeemaschinenverbot. „Weil bei dir alle elektrischen Geräte Selbstmord begehen“, behauptet Michael, mein Mann. Das ist natürlich blanker Unsinn.

Michael gehört zu den Verschwörungstheoretikern in meinem Umfeld. Sie glauben, ich bediene elektrische Geräte nicht richtig. Sie denken, ich ziehe an irgendwelchen Kabeln oder drücke die falschen Tasten, und schon ist die Heckenschere/die Waschmaschine/seine Nachttischlampe kaputt. Aber ich schwöre, ich habe mit all dem nichts zu schaffen.

Auch den neuen Hochdruckreiniger habe ich am Sonnabend lediglich aus der Verpackung genommen. Es liegt fernab meiner Macht, dass er einmal kurz „Pff“ gemacht und sich dann sofort ins Reich des Elektroschotts verabschiedet hat. Es war auch ungerecht von meinen Kindern, dass sie am Sonntag um Hilfe schrien: „Papa, komm schnell, Mama will die Glühbirne an der Garage auswechseln!“ Michael fand das sehr witzig.

Abends lachte er nicht mehr, weil der Bildschirm unseres neuen Tablets schwarz wurde. Ich hatte wirklich nur etwas über Glücksklee nachlesen wollen. Erst leuchteten viele chinesische Schriftzeichen auf, die ich leider nicht lesen konnte. Dann begann das Tablet, unruhig zu brummen wie eine Libelle im Sinkflug. Der Ton wurde immer lauter, je mehr ich auf dem Screen herumdrückte. Erst in Michaels Händen beruhigte sich das elektrische Gerät.

Schade, dass Michael nicht in der Nähe ist. Womöglich hätte er verhindern können, dass die Büro-Kaffeemaschine überläuft. Die braune Brühe schwappt bereits über die ­Küchenplatte, als mehrere Kolleginnen aufgeregt herbeilaufen und hektisch mit Papiertüchern wedeln. Es ist eine Riesen-Sauerei. Genau wie beim letzten Mal. Man sagt Gartenbesitzern gern nach, dass sie einen grünen Daumen haben. Es muss aber kein Nachteil sein, wenn man kein Homo technicus ist, sondern wie ich ein Homo naturus. Jetzt, da ich dies erkannt habe, können wir die Aufgaben zu Hause ganz neu verteilen. Ich würde unseren Lebensunterhalt natürlich weiterhin mitbestreiten wollen und ein paar Kolumnen kalligraphieren. Insgeheim gehe ich aber davon aus, dass mich inzwischen auch die Chinesen auf dem Schirm haben. Wahrscheinlich wollen sie mich als Elektronik-Testerin anheuern . . .

Info

Zur Person

Patricia Brandt

ist Redakteurin beim WESER-KURIER. Vier Jahre hat sie unter dem Titel „Im grünen Bereich“ eine wöchentliche Kolumne veröffentlicht, aus denen nun ein Buch entstanden ist. Zum Start der Freiluftsaison gibt es nun fünf neue Folgen – Beetgeflüster frisch aus dem Garten unserer Autorin. Dies ist die fünfte und letzte Folge.

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Zur Sache

Virtuelle Lesung auf Facebook:

Am Mittwoch, 20. Mai, liest die Redakteurin Patricia Brandt ab 18.30 Uhr aus ihrem Buch „Im grünen Bereich“ live auf dem Facebook-Kanal des WESER-KURIER. Wer @WESER.KURIER folgt, bekommt eine Benachrichtigung, wenn das Live-Video startet und darf sich auf die schönsten Gartengeschichten freuen. Die Hobbygärtnerin erklärt nämlich nicht nur, wieso man Unkraut besser nicht im Dämmerzustand abflammt, sondern lässt die Leser teilhaben an ihrer Garten(gedanken)welt.

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