Integriertes Verkehrskonzept Überseestadt: Anwohner bereiten Einspruch und Protestaktionen vor

Im Heimatviertel wächst die Wut

Walle. Ein Gegengutachten in Auftrag geben? Sich mit einer Petition an die Bürgerschaft wenden? Einen Rechtsanwalt mit einer Sammelklage beauftragen? Die Nordstraße blockieren? Transparente aufhängen? Im Waller Wied wird seit der vorigen Woche intensiv über Aktionen nachgedacht, mit denen sich die rund 700 Anwohner gegen mehr Lkw-Verkehr auf der Hafenstraße wehren und auf ihre Situation aufmerksam machen möchten.
23.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne Gerling
Im Heimatviertel wächst die Wut

Vor dem Lärmschutzwall soll eine Stichstraße den Lkw-Verkehr aufnehmen. Die Anwohner des Waller Wieds wehren sich.

Walter Gerbracht

Walle. Ein Gegengutachten in Auftrag geben? Sich mit einer Petition an die Bürgerschaft wenden? Einen Rechtsanwalt mit einer Sammelklage beauftragen? Die Nordstraße blockieren? Transparente aufhängen? Im Waller Wied wird seit der vorigen Woche intensiv über Aktionen nachgedacht, mit denen sich die rund 700 Anwohner gegen mehr Lkw-Verkehr auf der Hafenstraße wehren und auf ihre Situation aufmerksam machen möchten.

Hintergrund ist das Ende September öffentlich vorgestellte Integrierte Verkehrskonzept für die Überseestadt, über das Hans-Werner Liermann von der Bürgerinitiative „Heimatviertel Waller Wied“ nun bei einem Treffen mit gut 80 Anwohnern diskutiert hat. Insbesondere die in diesem Gutachten unter dem Kürzel „S. 8“ geführte Maßnahme – ein „Durchstich“ im Lärmschutzwall zwischen Nordstraße und Hafenstraße mit einem voll ausgebauten Verkehrsknoten – sorgt in dem kleinen alten Wohnviertel zunehmend für Entsetzen, je mehr sich das Thema herumspricht. Es geht dabei darum, die Konsul-Smidt-Straße zu entlasten, indem Lkw über die Hafenstraße direkt am Heimatviertel vorbeigeleitet werden. Eine Idee, die im Waller Wied absolut kein Verständnis findet – auch wenn laut Verkehrskonzept dann eine Lärmschutzwand zwischen Hafenstraße und Heimatstraße das gemütliche Wohnquartier akustisch abschirmen soll. Die Nordstraße sei zu Stoßzeiten ohnehin regelmäßig dicht, wissen die Bewohner: „Dann haben wir hier noch einen Stau mehr.“ Viele Nachbarn sind sauer und vermuten „Klientelpolitik“ zugunsten von Investoren mithilfe eines „Gefälligkeitsgutachtens“. Die im Papier vorgeschlagenen Maßnahmen könnten die Verkehrsprobleme nicht lösen, glauben viele hier.

Diverse inhaltliche Fehler haben Hans-Werner Liermann und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative „Heimatviertel Waller Wied“ schon in dem Gutachten entdeckt, das über die Webseite des Verkehrsressorts eingesehen werden kann. So werde etwa in einer Beispielskizze die vorgesehene Lärmschutzwand an der Hafenstraße mit einer Höhe von 4,15 Metern dargestellt, obwohl gleichzeitig in dem Papier stehe, dass sie bei dem erwarteten Verkehrsaufkommen höher als fünf und bis zu 7,60 Meter hoch sein müsse. Auch seien wichtige Faktoren wie Schallreflexionen durch andere Gebäude bei den Berechnungen nicht einbezogen worden. Für Hans-Werner Liermann steht fest: „Offenkundig ist doch, dass zu wenige freie Erschließungsstraßen in der Überseestadt vorhanden sind. Die weitreichenden aber auch teuren Lösungen, neue Erschließungsstraßen zu bauen, werden in diesem Gutachten so weit runtergerechnet, dass nur noch kleine und kostengünstige Maßnahmen übrig bleiben, die die Problemstellungen aber nicht lösen.“

Ein grober Fehler wurde in Liermanns Augen dabei direkt zu Beginn des Verfahrens gemacht: „Alle sind im Vorfeld befragt worden – Anwohner in der Überseestadt, Mitarbeiter und Investoren. Nur wir nicht!“ Damit seien die Interessen des einzigen schützenwerten und historischen Wohnviertels in der Überseestadt mit 556 Häusern von vorneherein übergangen worden. Und in dessen kleinen Straßen geht nun die Angst vor gesundheitlichen Belastungen durch Lärm und Gestank um. Mehr Schwerlastverkehr auf der Hafenstraße könnte außerdem die Bausubstanz ihrer Häuser nachhaltig schädigen, fürchten die Anwohner.

Zunächst einmal wollen die Bewohner des Waller Wied nun auch die Menschen „drüben“ informieren – gemeint sind die Waller auf der anderen Seite der Nordstraße in der Brabantstraße und der Osterlinger Straße. „Ganz viele da drüben wissen nicht, was hier los ist“, vermutet eine Anwohnerin im Waller Wied. Dabei wären auch die Anwohner jenseits der Nordstraße von mehr Verkehrslärm und steigender Schadstoffbelastung betroffen, wenn der Durchstich und die neue Straßenkreuzung denn tatsächlich kämen. Einige von ihnen waren nun den Einladungen in ihren Briefkästen gefolgt und zu dem Treffen gekommen. So auch Gerald Wagner, der der SPD-Fraktion im Waller Beirat angehört. „Eines ist klar: Wir sind gegen den Knoten“, umriss er dabei knapp die Position seiner Fraktion zu dem Gutachten. Die im Vorfeld versäumte Beteiligung der Heimatviertel-Bewohner gilt es seiner Ansicht nach jetzt dringend nachzuholen. Außerdem werde seine Fraktion das Thema mit SPD-Bürgerschaftsabgeordneten und Deputierten genau besprechen.

„Nur gemeinsam können wir etwas bewirken“, sind sich die Menschen im Waller Wied einig. Sie haben erste Arbeitsgruppen gebildet, eine Unterschriftenliste gestartet und wollen Infokästen für diejenigen Nachbarn organisieren, die nicht regelmäßig im Internet unterwegs sind. Doch wie greift man ein Gutachten an? Bei den Überlegungen dazu droht ihnen die Zeit davonzulaufen. Bis zum 27. Oktober nämlich will Verkehrsplaner Rainer Gotzen Anmerkungen und Einwände sämtlicher Träger öffentlicher Belange eingesammelt haben und die Unterlagen für die Wirtschafts- beziehungsweise die Bau-Deputation vorbereiten. Diese Zeitspanne reiche nicht aus, um sich intensiv mit dem 135-Seiten-Papier zu befassen, hatte bereits Ende September der Fachausschuss Überseestadt moniert. Und auch aus dem Waller Wied ist inzwischen im Ortsamt ein Antrag auf Fristverlängerung eingegangen, der bereits an Rainer Gotzen weitergeleitet wurde.

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