Losgezogen: Beim Anblick von Lürssen wird Jürgen Trittin heimatlich zumute Im Herzen ist er immer ein Vegesacker geblieben

Vegesack·Berlin. Besucher schwärmen vom Panorama der gläsernen Reichstagskuppel. Sie gehört zu den Hauptattraktionen Berlins. Der Fraktionschef der Bündnis-Grünen und frühere niedersächsische Europaminister, Jürgen Trittin, tauscht den Blick aufs Hauptstadtleben zuweilen gerne gegen die Sicht von der Weserpromenade. "Wenn ich Lürssen gegenüber und den Vulkan sehe, dann wird mir heimatlich zumute", sagt der gebürtige Vegesacker. Vor fast vier Jahrzehnten ist Trittin von hier losgezogen.
19.07.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Im Herzen ist er immer ein Vegesacker geblieben
Von Patricia Brandt

Vegesack·Berlin. Besucher schwärmen vom Panorama der gläsernen Reichstagskuppel. Sie gehört zu den Hauptattraktionen Berlins. Der Fraktionschef der Bündnis-Grünen und frühere niedersächsische Europaminister, Jürgen Trittin, tauscht den Blick aufs Hauptstadtleben zuweilen gerne gegen die Sicht von der Weserpromenade. "Wenn ich Lürssen gegenüber und den Vulkan sehe, dann wird mir heimatlich zumute", sagt der gebürtige Vegesacker. Vor fast vier Jahrzehnten ist Trittin von hier losgezogen.

Auch, wenn er in seiner Geburtsstadt kaum öffentlich in Erscheinung tritt, im Herzen ist Jürgen Trittin Vegesacker geblieben. "Ich fahre gerne dorthin", sagt er und meint die regelmäßigen Besuche bei seiner Mutter und seinen Geschwistern. Besuche, die privat sind. Wenig politisch. "Natürlich spricht man über die Lage", deutet er an. Die Lage ist für Trittin zurzeit nicht so schlecht. Bei der Forsa-Umfrage, welcher grüne Politiker künftig in der bundesdeutschen Politik eine wichtige Rolle spielen soll, nannten schon im April 40 Prozent der Befragten Trittins Name.

Trittin, Jahrgang 1954 und ledig, gilt in der Politik als kühl kalkulierender Machttechniker. Seine Auftritte im Bundestag immer ähnlich: im grauen Anzug argumentiert er energisch, oft unterstreicht er seine ernsten Worte mit Gesten. Mimik setzt er sparsam ein. Sogar als er seinerzeit den in Verruf geratenen Noch-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg verbal auseinandernahm, blieb der Gesichtsausdruck kontrolliert.

Ob seine Lehrer ahnten, welche Karriere der junge Trittin vor sich haben würde? Trittin selbst gibt sich zielstrebig. Er sei schon als Schüler politisch gewesen, erinnert er sich. Trittin ging auf das Gerhard-Rohlfs-Schulzentrum - "früher hieß das aber noch Gymnasium", stellt er klar.

Trittin war Klassensprecher. Trittin war Schülerratsmitglied. Trittin war kritisch. Und er eckte an in Vegesack: "Meine erste Demo war gegen den Noten-Terror." Später rebellierte er gegen die Notstandsgesetze von 1968, die die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisensituationen sichern sollten: "Wir haben in Vegesack einige Exemplare des Grundgesetzes im Hafenbecken versenkt."

Anlässlich der 100-Jahr-Feier der Schule soll es gar zum handfesten Gemenge gekommen sein. "Es kam zu Rangeleien mit der örtlichen Polizei. Die wollten uns Demonstranten nicht zu unserer Schulfeier in der Strandlust lassen", erklärt er. Trittin und andere hatten dagegen protestiert, dass die Schule nach einem "Afrika-Forscher" benannt wurde. Weil: "Er war in Wirklichkeit Kolonialist."

Es müssen wilde Zeiten für Trittin in Vegesack gewesen sein. Er habe sich Mühe gegeben, sich der Schulpflicht zu entziehen - "so weit es eben ging, ohne hängen zu bleiben", sagt Trittin. "Wir haben eben damals schon G8 gemacht." Wo er sich aufgehalten hat, wenn er nicht im Klassenzimmer war, ist im Buch "Der Stadtgarten in Vegesack" nachzulesen. Dort ist Trittin, zu der Zeit Bundesumweltminister, als Zeitzeuge aufgeführt: "Unten an der Weser war es heiß. Das hatte seine Gefahren. Tiroler Landwein, Wermut oder gar schlimmere Drogen wie etwa Kosaken-Kaffee entfalteten so eine ganz tückische Wirkung. Aber auch dafür war der Stadtgarten ein angenehmer Ort. Man lag, statt in der Schule zu sein, einfach in der Sonne, die Weser plätscherte. Wenn ein Schiff vorbeirauschte, klatschten Wellen an den Strand. Wer zu nahe dran lag, wurde nass, oder was ärgerlicher war, der 'schwarze Kraus'. So konnte man dem Mittag entgegensehen."

Im Stadtgarten hielt sich Trittin oft auf. Sein Sportlehrer scheuchte ihn und seine Mitschüler vom Stadion Vegesack aus an die Weser und, na klar, hier sei er auch mit seiner ersten Freundin gewesen, sagt Trittin. Die stammte aus Blumenthal. Mehr ist zu diesem Thema kaum von Trittin zu erfahren. Der Mann ist halt Hanseat.

Losgezogen ist er wegen seines ursprünglichen Berufswunsches. Trittin wollte Journalist werden. Nach seinem Abitur 1973 studierte er Sozialwissenschaften in Göttingen, steht in seinem Lebenslauf. Er schrieb Anfang der Achtziger des vorigen Jahrhunderts für eine Beilage der Ratsfraktion der Alternativen-Grünen-Initiativen-Liste (AGIL) Göttingen, für die Zeitschrift "Moderne Zeiten", die es nicht mehr gibt, und für die Stadtzeitung in Göttingen. 1984 wurde er Pressesprecher der Grünen-Landtagsfraktion Niedersachsen.

Zur Politik kam Jürgen Trittin letztlich nicht über die Studentenbewegung. Er gehörte in dieser Zeit zur Göttinger Hausbesetzerszene und schloss sich 1980 den damals neuen Grünen an. Heute sind die Häuser, um die es ihm damals in Göttingen ging, vermietet und Trittin ist längst weitergezogen. Von der Universitätsstadt nach Hannover, von dort nach Bonn. Und jetzt eben Berlin. Genauer Berlin-Pankow. Die im Norden Berlins gelegene Ortschaft mit Schloss und Fontänen-See bezeichnet sich selbst gern als Bezirk der Superlative. Hier liegt das älteste innerstädtische Naturschutzgebiet, hier lassen sich aber auch Szenekieze, Ökomärkte und schicke Wohnviertel finden.

Loft oder Bauernhof - wie lebt der Fraktionschef in Pankow? "Ich lebe in einem wärmegedämmten, renovierten Altbau." Ganz in der Nähe der Wohnung seiner Tochter, weit entfernt von Freunden aus seiner Schulzeit. Erinnert etwas in seinem Heim an Vegesack? Jürgen Trittins Antwort kommt schnell. "Ich habe viele Bücher aus Vegesack und natürlich Bildbände."

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