Hilke Thode-Arora erzählt von Menschen und Walen auf der Neuseeland-Wissensreise des Übersee-Museums Im Land der Maori

Bahnhofsvorstadt. Das Übersee-Museum hat eine neue Ozeanien-Expertin. Hilke Thode-Arora, die das Sachgebiet jetzt leitet, hat drei Jahre lang in Neuseeland gelebt.
25.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Das Übersee-Museum hat eine neue Ozeanien-Expertin. Hilke Thode-Arora, die das Sachgebiet jetzt leitet, hat drei Jahre lang in Neuseeland gelebt. Auf der Wissensreise nahm sie Groß und Klein mit in das Land, das sie wie ihre Westentasche kennt. Sie erzählte die Legende „Der Ritt auf dem Wal“ und andere Geschichten der Maori und ging anschließend mit den Kindern, Eltern und Großeltern durch die Sonderausstellung „Faszination Wale. Mensch. Wal. Pazifik“, die bis Sonntag, 22. Mai verlängert worden ist.

Aber erst einmal ermunterte Hilke Thode-Arora ihre Zuhörerinnen und Zuhörer, sich doch einmal nach Maori-Art zu begrüßen. „Zu diesem Zweck legt man Stirn und Nase aneinander und atmet den Atem des Gegenübers ein“, demonstrierte sie das Ritual mit einer kleinen Partnerin aus dem Publikum.

Und dann zeigte die Ethnologin auf einem Globus, dass sich der Zwei-Insel-Staat Neuseeland von Bremen aus gesehen am anderen Ende der Welt befindet, und begann von Tangaroa zu erzählen, dem höchsten Gott der Maori, einem Wal. „Er ist der Vater von allen Tieren, die im Meer leben“, sagte Hilke Thode-Arora.

Doch damit nicht genug, in Neuseeland gelten Häuptlinge und Wale als Geschwister. Und so sei Tangaroa auch der Vater der Häuptlinge. Die Maori, die Ureinwohner Neuseelands, hätten selbst keine Wale gejagt, sagte die Volkskundlerin. Ein Fest sei es für sie gewesen, wenn ein Wal am Strand angeschwemmt worden sei. Das sei ein Geschenk Tangaroas, glaubten die Maori und nahmen es dankbar an. Oft konnte sich die Bevölkerung eines ganzen Dorfes über Wochen hinweg von einem gestrandeten Wal ernähren. „Aus den kostbaren Walzähnen wurde für die Häuptlinge mit reichen Schnitzereien versehener Schmuck gefertigt“, berichtete Hilke Thode-Arora.

Anschließend zeigte sie einen neuseeländischen Zeichentrick-Film, in dem die Geschichte von Tutunu nui, des Lieblings-Wals des Häuptlings Tinirau, erzählt wird. Der Häuptling war auf seinem Lieblings-Wal viel auf den Meeren unterwegs. In seiner Abwesenheit wurde sein Sohn geboren, der allerdings kränklich war, weshalb die Häuptlingsfrau einen mächtigen Zauberpriester rief, der den kleinen Häuptlingssohn segnete.

Als Dankeschön servierte der zurückgekehrte Tinirau dem Zauberpriester ein kleines Stückchen gebratenen Fleisches von Tutunu nui. Wie böse der Zauberpriester eigentlich war, sollte sich dann zeigen, als er Tinirau dazu überredete, ihm seinen Lieblings-Wal zu leihen, um auf ihm durch Gewitter und Sturm nach Hause reiten zu können. Doch der verschlagene Zauberer brachte Tutunu nui dazu, an Land zu stranden. Er schlachtete den Wal und briet ihn. Als Tinirau davon erfuhr, war sein Schmerz groß. Er schickte drei Frauen auf die Insel, die die Walleiche identifizierten.

Der böse Zauberer schlief, hatte sich vorsichtshalber aber Muschelschalen auf die Augen gesteckt, damit er wach wirkte. Die List nutzte ihm nicht viel. Er wurde gefangen genommen und in das Versammlungshaus auf Tiniraus Insel gebracht. Der Häuptling sprach das Todesurteil über den Zaubererpriester und vollstreckte es auch selbst.

So ein mit Muscheln verziertes Versammlungshaus, in dem nach dem Glauben der Maori die Seelen der Verstorbenen wohnen und in dem beratschlagt und Recht gesprochen wird, zeigte Hilke Thode-Arora ihrer Gruppe dann in der ersten Etage in der Sonderausstellung „Faszination Wale“. Dort sind auch aus Walknochen gefertigte Keulen zu sehen, die von den Maori, mit einem Band am Handgelenk befestigt, als Nahkampf-Waffe benutzt werden. In der Ausstellung werden auch aus Walknochen gefertigte Schmuckkämme gezeigt, mit denen die Maori ihre zu einem Knoten gebundenen, langen Haare feststecken.

So wie die Häuptlingssöhne in der Geschichte von Ruatapu und Paikea, die Hilke Thode-Arora ebenfalls erzählte. Eine Geschichte um Eifersucht und Missgunst. Darin heißt es: „Einst lebte in Hawaiki ein Häuptling namens Uenuku, der 71 Söhne hatte. Siebzig dieser Söhne waren Häuptlinge, weil ihre Mütter von edler Geburt waren. Aber Uenuku hatte auch eine Frau, die Sklavin war, und daher sagte der Häuptling seinem Sohn Ruatapu, der aus dieser Verbindung stammte, dass er ohne Bedeutung sei, und verwehrte ihm das heilige Ritual Tapu, kämmte und ölte seine Haare nicht, wie er es mit seinen anderen Söhnen tat.“

Die Söhne sollten, mit Ausnahme von Ruatapu, bei der ersten Ausfahrt eines neuen, großen Kriegskanus schön und edel aussehen. Die Rache Ruatapus ließ nicht lange auf sich warten. Er schlug ein Loch in das Kanu und kaschierte es notdürftig. Als er und seine Brüder weit auf das Meer hinaus gepaddelt waren, riss er das Leck auf, und 69 seiner Brüder ertranken jämmerlich. Nur einer konnte sich retten: Paikea. Nun schwammen Ruatapu und Paikea um die Wette an Land, um die Nachricht zu überbringen. „Ich werde nicht ertrinken. Denn ich stamme von Tangaroa ab, dem Gott des Meeres, und er wird mir helfen“, rief Paikea.

Tangaroa hörte ihn und sandte einen Wal, der ihn an Land bringen sollte. So entkam Paikea auf dem Rücken des Wals. Und auch der magische Gesang seines Halb-Bruders Ruatapu konnte ihm nichts mehr anhaben. Ruatapu ertrank in den fünf Meter hohen Wellen, die er mit seinem Gesang entfacht hatte, und wurde so Opfer seiner eigenen Magie. Der Wal aber wurde eine Insel und ist noch heute dort zu sehen.

Die nächste Wissensreise im Übersee-Museum am Bahnhofsplatz leitet Susanne Hammacher am Sonnabend, 21. Mai, um 15 Uhr. Und dann wird sie Kinder und Familien auf den Spuren der Seiden-Produktion auf eine Bilderreise von China nach Mexiko mitnehmen. Der Titel der Veranstaltung: „Gefräßige Raupen und edle Stoffe“. Die Vorträge sind für Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren konzipiert. Die Teilnahme kostet zwei Euro pro Person. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Anmeldungen zur Kinderreise im Mai sind bereits möglich – und zwar unter der Telefonnummer 16 03 81 73 oder auch per E-Mail an die Adresse kinderclub@uebersee-museum.de

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