Anke Tinsen im Porträt „Das Bedürfnis nach Natur wächst in Corona-Zeiten“

Die Natur ist im Corona-Jahr 2020 für viele Menschen besonders wichtig gewesen. Anke Tinsen weiß das aus eigener Erfahrung – vor allem aber als Vorsitzende des traditionsreichen Vereins der Bremer Naturfreunde.
03.01.2021, 05:00
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„Das Bedürfnis nach Natur wächst in Corona-Zeiten“
Von Felix Wendler

Wenn Anke Tinsen sagt, dass sie kein Problem damit habe, vor 100 Leuten zu sprechen, glaubt man ihr das sofort. Die 63-Jährige redet schnell und sicher, ist es gewohnt, sich Gehör zu verschaffen. Tinsen ist Vorsitzende eines Bremer Vereins, den es schon sehr lange gibt, der aber verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit bekommt: der Naturfreunde Bremen.

Seit 1912 existiert die Ortsgruppe – und ist damit genauso alt wie die heute deutlich größeren Naturschutzverbände Nabu und BUND. Entstanden sei der Verein aus der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, erzählt Tinsen. „Es ging einfach darum, aus dem täglichen Trott rauszukommen, sich gemeinsam in der Natur zu treffen. Wandern, Singen, Instrumente spielen.“ An dieser Idee habe sich bis heute kaum etwas verändert. Das Miteinander in der Natur sei entscheidend – auf ganz unterschiedliche Arten. Der Verein trägt den Beinamen „Verband für Umweltschutz, sanften Tourismus, Sport und Kultur“. „Das ist natürlich sehr vage“, meint Tinsen. Dahinter steckt ein buntes Sammelsurium von Gruppen, die gemeinsam Volleyball spielen, mit dem Kanu die Flüsse der Region erkunden, thematische Wanderungen unternehmen, aber auch ein Mandolinenorchester gegründet haben.

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Viel Vielfalt also, die irgendwie in die geordneten Bahnen eines Vereins gelenkt werden muss. Verantwortlich dafür ist Anke Tinsen, die seit acht Jahren an der Spitze der Naturfreunde steht. „Wie die Jungfrau zum Kinde bin ich dazu gekommen“, sagt sie. 2008 habe ihre Mutter sie angesprochen, weil der Verein keinen neuen Vorstand finden würde. Also sei sie spontan zu einer Versammlung gekommen – und kurz darauf schon zur ersten Kassiererin gewählt worden. Andererseits ist ihr Weg zum Ehrenamt dann doch nicht so überraschend – der Verein sei schließlich eng mit der Familiengeschichte verknüpft. „Meine Oma hat sich schon während des Krieges bei den Naturfreunden engagiert. Mein Opa war später, in den 1950- und 60er-Jahren, Vorstandsvorsitzender“, erzählt Tinsen.

Als sie vor etwa einem Jahrzehnt begonnen habe, Verantwortung zu übernehmen, habe sich der Verein gerade im Wandel befunden. „Viele, die bei den Naturfreunden jahrelang aktiv gewesen sind, waren in einem Alter, in dem man nicht mehr so viel Stress haben will.“ Tinsen sagt, sie könne das sehr gut verstehen. „Ich habe dann versucht, Dinge zu verändern, den Vorstand breiter aufzustellen. Das hat auch ziemlich gut geklappt.“ Sie selbst fühle sich trotz ihrer 63 Jahre noch relativ jung, habe regelmäßig ihre kindlichen Momente, sagt Tinsen und lacht.

Im mittleren Altersbereich sieht es eher schlecht aus

Die Altersstruktur im Verein habe sich allerdings nicht großartig verändert. „Es ist schon so, dass es da eine Lücke gibt: Wir haben auf der einen Seite sehr viele Mitglieder, die 60, 70 oder sogar 80 plus sind, und auf der anderen Seite eine ziemlich aktive Jugend.“ Im mittleren Altersbereich sehe es hingegen eher schlecht aus, weil sich dort viele Leute eher auf die Karriere und die Familie konzentrieren würden. „Aber gerade jetzt ist wieder ein Wandel erkennbar“, sagt Tinsen. „Das Bedürfnis nach Natur wächst in Corona-Zeiten.“ Sie selbst habe im Sommer viel Zeit auf einem kleinen Campingplatz bei Kimmerheide verbracht, ganz in der Nähe vom Naturfreundehaus. Beides betreibt der Bremer Verein dort seit vielen Jahren. „Mein Großvater hat das Haus übrigens mit aufgebaut“, sagt Tinsen. Angefangen habe alles mit einem Holzhaus, das dann ausgebaut wurde.

Für Anke Tinsen ist die Natur ein ewiger Begleiter gewesen. Schon in der Kindheit seien sie und ihre drei Geschwister ständig draußen gewesen, immer unterwegs in den Wäldern. Was zwischenzeitlich an gesellschaftlicher Bedeutung verloren habe, kehre nun zurück: „Immer mehr Leute wenden sich ab vom Massentourismus, den Fernreisen, die in ihren Anfangszeiten sehr attraktiv waren. In diesem Jahr natürlich auch zwangsweise.“ Der Campingplatz jedenfalls sei den ganzen Sommer ausgebucht gewesen. Was Tinsen besonders freut: Auch jüngere Leute hätten die Natur wiederentdeckt. „Es gab auf dem Platz eine große Nachfrage von jungen Familien. Abends am Feuer zusammensitzen, reden, Geschichten erzählen – das hat vielen Leuten den Sommer gerettet.“

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Auch für sie selbst gelte das, sagt Anke Tinsen, die in der Arbeits- und Berufsförderung beim Martinshof arbeitet. „Wenn mir alles zu viel wird, ziehe ich mich auf den Campingplatz zurück, gehe in den Wald, beobachte Tiere. Das ist quasi meine Oase.“ Umso wichtiger sei der Rückzugsort in diesem Jahr gewesen, in dem viele Veranstaltungen ausfallen mussten, auch die Naturfreundehäuser nur eingeschränkt oder gar nicht geöffnet gewesen waren. Jammern allerdings käme nicht in Frage.

„Ich bin Optimistin, schon immer gewesen“, sagt Tinsen. Die Natur zum Beispiel, die bleibe ja auch in Krisenzeiten. Und in dieser Hinsicht gebe es viel zu entdecken. „Ich finde, dass Bremen eine vergleichsweise grüne Stadt ist. Aus der Vahr bin ich in zehn Minuten im Blockland, man kann mit dem Rad quasi ewig entlang der Weser fahren. Dann gibt es den Rhododendronpark, den Bürgerpark und in der Umgebung auch noch recht viel Wald.“

In den BUND integriert

Unabhängig von Corona, hätten die Anliegen der Naturfreunde bereits in den vergangenen Jahren auch in gesellschaftlichen und politischen Debatten an Bedeutung gewonnen. Man engagiere sich zum Beispiel gegen Baumfällungen oder die Umwidmung von Naturflächen in Bauland. „Wobei es natürlich als relativ kleiner Verein mit etwa 400 Mitgliedern manchmal schwer ist, sich bei solchen Dingen Gehör zu verschaffen“, sagt Tinsen. Auch deshalb sei man in den BUND integriert, der ganz anders aufgestellt sei.

Anke Tinsen sieht in der überschaubaren Größe des eigenen Vereins aber auch Vorteile, die sich gerade in dieser schwierigen Zeit zeigen würden. „Wir sind alle etwas enger zusammengerückt, und das macht die Vereinsarbeit, das Ehrenamt, ja aus.“ Sie hoffe, dass diese Nähe dann auch im kommenden Jahr wieder bei gemeinsamen Veranstaltungen möglich sei. Die ersten Vorbereitungen würden schon laufen.

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