Innenstadt-Gipfel

Senat packt Martinistraße und Domshof an

Der Senat hatte vor dem Innenstadt-Gipfel am Mittwoch im Rathaus ein Aktionsprogramm für die City angekündigt. Er hat sein Wort gehalten und wird zehn Millionen Euro zur Verfügung stellen.
16.07.2020, 05:00
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Senat packt Martinistraße und Domshof an
Von Jürgen Hinrichs

Es war viel von Mut die Rede beim Innenstadt-Gipfel am Mittwoch im Rathaus. Von Mut und Experimentierfreude, um die darbende City wieder nach vorne zu bringen. Doch als es dann soweit war, als ein Vorschlag kam, der genau diesen Mut beweist, gab es Ablehnung. Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer, möchte etwas ausprobieren, am besten noch in diesem Jahr.

„Lassen Sie uns einen Test machen“, richtete Fonger an die Runde, „für acht Wochen fährt die Straßenbahn nicht durch die Obernstraße, sondern macht einen Umweg durch die Neustadt.“ Der Kammer-Kapitän will damit einen Eindruck stiften: „Wie fühlt sich das an, ohne Bahn?“ Gleichzeitig müsse in der Obernstraße etwas passieren, sie müsse bespielt werden. Fonger nahm damit einen alten Gedanken auf. Auf die Reaktion musste er nicht lange warten, sie kam von der Verkehrssenatorin und war übersetzt ein kühles Nein.

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Maike Schaefer (Grüne), zugleich Aufsichtsratsvorsitzende der Bremer Straßenbahn AG, hält es für keine gute Idee, die Straßenbahn an einer Stelle herauszunehmen, wo sie von besonders vielen Fahrgäste benutzt wird. Ihr zweites Argument: „Neun Minuten Umweg, um in die Innenstadt zu kommen, sind viel zu lang.“ So hört sich eine Absage an. Der Senat hatte in die Obere Rathaushalle eingeladen und wollte mit den Akteuren der Innenstadt, darunter auch einigen Investoren, zunächst besprechen, wie es um die City steht. Anlass des Treffens waren die jüngsten Hiobsbotschaften: Das Aus von Galeria Kaufhof und Karstadt Sports. Die Schließung der lange Jahre sehnlich erwarteten Filiale des spanischen Textilunternehmens Zara. Der zunehmende Leerstand überall.

Schätzung: Bundesweit müssen 50.000 Geschäfte schließen

Eine Entwicklung mit drei Ursachen, da waren sich alle einig: Die Konkurrenz der großen Einkaufsmärkte an der Peripherie der Stadt und im niedersächsischen Umland. Die Zunahme des Online-Handels. Und die Corona-Krise. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD), der den Innenstadt-Gipfel angeregt hatte, sprach von strukturellen Verwerfungen. „Der Gipfel soll einen Beitrag leisten, damit diese Probleme nicht in eine Abwärtsspirale münden“, sagte Bovenschulte. Er wolle in dieser Situation keinen Zweckoptimismus verbreiten, aber auch nicht in Pessimismus verfallen. Die Formel des Bürgermeisters: „Konstruktiver Realismus.“

Wie tief der Einschnitt für die Innenstädte allgemein ist, machte Stefan Kruse deutlich. Der Stadtforscher und Einzelhandelsexperte aus Dortmund verwies auf die Einzigartigkeit der Corona-Krise: „Von ihr sind sämtliche Felder betroffen, alle Branchen im Einzelhandel, aber auch die Gastronomie, die Kultur, Freizeiteinrichtungen.“ Das alte Niveau werde frühestens in zwei Jahren wieder erreicht, so der Experte. Kruse zitierte Schätzungen, wonach bundesweit 50.000 Geschäfte schließen müssten. Zehn Prozent des Einzelhandels würden verschwinden. Der Mann aus Dortmund wollte aber nicht nur Kassandra sein. „Bremen hat gegenüber anderen Städten zwei Vorteile: die Innenstadt ist kompakt, und es stehen große Bauprojekte an, die Gestaltung möglich machen.“

Auch der Domshof soll angepackt werden

Der Senat hatte vor dem Gipfel ein Aktionsprogramm versprochen, das mit Geld hinterlegt werden sollte. Maike Schaefer und ihre Amtskollegin Kristina Vogt (Linke) erwähnten mehrere Projekte, die in den nächsten Monaten angegangen werden, darunter die Umgestaltung der Martinistraße. Seit fast 30 Jahren wird über den Rückbau der vierspurigen Verbindung gesprochen, nun scheint er zu kommen, zunächst allerdings nur mit provisorischen Mitteln. Auch der Domshof soll angepackt werden. Nicht nur gestalterisch, sondern mit neuen Nutzungen. „Das können Konzerte sein, die sonst in der Glocke oder der ÖVB-Arena stattfinden“, sagte Vogt. Sie kann sich auch Übertragungen auf Großleinwänden vorstellen: „Ideen gibt es genug.“

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Finanzsenator Dietmar Strehl (Grüne) stellt das Geld zur Verfügung: zehn Millionen Euro. „Wir helfen damit insbesondere den Unternehmen in der Stadt“, betonte Strehl. Weil die Mittel aus dem 1,2 Milliarden Euro schweren Bremen-Fonds kommen, der ausschließlich für die Folgen von Corona aufgelegt wurde, muss der Senator diesen Zusammenhang herstellen. Im Programm enthalten sind auch mehr Anstrengungen für Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung. Es werden Orte des Verweilens geschaffen, speziell im Gebiet Pieperstraße, ­Papenstraße und Hanseatenhof, wo unter anderem ein neuer Spielplatz entstehen soll. Ein weiteres Projekt ist der Bau eines Cafés auf dem Theaterberg in den Wallanlagen.

Thomas Binder, der mit anderen den Umbau des Lloydhofes vorantreibt, warb dafür, eine Task Force einzurichten. Gleiches fordert der Beirat Mitte, bisher ohne Erfolg, weshalb die Zuständigkeit für die Innenstadt auf mehrere Ressorts verteilt bleibt. Binder war es auch, der sich gegen den Plan einer autofreien Innenstadt stellte. „Ein Kampfbegriff, auf den man verzichten sollte“, schloss sich Kammer-Geschäftsführer Fonger an. „Um nicht missverstanden zu werden – für mehr Radverkehr und besseren ÖPNV sind wir auch“, setzte er hinzu. Als Fonger das sagte, war sein Vorschlag mit der Straßenbahn längst kassiert. Von der Verkehrssenatorin. Der Bürgermeister indes überlegt noch, wie er in seinem Schlusswort verriet: „Das sind zwei Positionen, da müssen wir mal gucken.“

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