Kommentar über Carsten Sieling Im Schatten großer Vorgänger

Carsten Sieling hat bei einer Umfrage zur Zufriedenheit der Bürger mit ihren Ministerpräsidenten schlecht abgeschnitten. Das liegt auch am übergroßen Schatten seiner Vorgänger, meint Silke Hellwig.
10.02.2018, 20:17
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Im Schatten großer Vorgänger
Von Silke Hellwig

Mit Fug und Recht darf man hinter Beliebt- und Zufriedenheitsumfragen zu Politikern Fragezeichen machen, was Tiefgang und Aussagekraft betrifft. Vollkommen aus der Luft gegriffen sind die Ergebnisse indes nicht. Also kann man nachvollziehen, dass Carsten Sieling von seinem Abschneiden bei der jüngsten Umfrage nicht begeistert war, selbst wenn sie weder repräsentativ war noch irgendwelche Rückschlüsse erlaubte, warum ein großer Teil der Befragten angab, mit ihrem Bürgermeister nicht sonderlich zufrieden zu sein. Fairness ist kein Maßstab in derartigen Befragungen, die seit einigen Jahren Konjunktur haben, insbesondere bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die monatlich mit dem Deutschlandtrend und dem Politbarometer Prozentangaben über das Land regnen lassen.

Aus Unbeliebtheit wird Hass

Wie ernst man die Ergebnisse nehmen darf, ist umstritten. Einerseits spiegeln sie als Momentaufnahme durchaus eine gewisse Stimmung in der Bevölkerung. Andererseits muss man davon ausgehen, dass sich auch hier die Unverhältnismäßigkeit und Boshaftigkeit niederschlagen, die der Schutz der Anonymität bietet und die sich durch das Internet offenbar ins Unendliche potenziert haben. Von jenen, die zur Beurteilung von Themen aller Art ein derart filigranes Instrument nutzen wie Daumen hoch oder runter, darf man keine großen Zwischentöne mehr erwarten.

Politiker sind an sich unbeliebt. Ihr Ansehen ist in den vergangenen 70 Jahren kontinuierlich gesunken. Im jüngsten „Global Trust Report“ der Gesellschaft für Konsumforschung zu Branchen und Institutionen bilden politische Parteien das Schlusslicht, mit einem Vertrauenszuspruch von 18 Prozent. Der Bundesregierung vertrauten im März 2017 mit 38 Prozent gut doppelt so viele Deutsche – ein Wert, der derzeit vermutlich anders aussehen dürfte.

Lesen Sie auch

Die „Zeit“ stellte vor einiger Zeit fest, dass aus dieser gewissen Unbeliebtheit bereits Hass erwachsen sei: „Die Psychologie weist darauf hin, dass Hass entstehen kann, wenn jemandem ein knappes Gut vorenthalten wird. Zu diesen Gütern nun gehört die Relevanz einer Person, besonders in der heutigen Zeit des Individualkults“, schreibt Gero von Randow. Nicht nur Schönheit und Reichtum, sondern auch Macht oder mediale Aufmerksamkeit weckten Neid. „Im Netz zum Beispiel wird niemand so gehasst wie der Popsänger Justin ­Bieber. Oder eben die Politiker. Um es solchen Inhabern personaler Wichtigkeit heimzuzahlen, nutzt der Bedeutungsneid jede Rechtfertigung, zumal wenn sie Angriffsflächen bieten wie einst Guttenberg oder Wulff.“

Herzen erobern

Eine derartige Angriffsfläche bietet Sieling nicht. Sein Ruf ist untadelig. Ganz ungeachtet der Senatspolitik, die er als Präsident des Gremiums zu verantworten hat, hat er – wie Jens Böhrnsen – jedoch unter seinen Vorgängern zu leiden. Ihr Schatten scheint Jahr um Jahr nicht etwa kleiner zu werden, sondern unablässig zu wachsen. In der Tat hatte Bremen nicht nur, aber auch Bürgermeister, denen man ein anderes Kaliber zugestehen muss. Wilhelm Kaisen war der Bürgermeister des Wiederaufbaus, der das Land aus den schwärzesten Stunden seiner Existenz führte. Er stand an der Spitze eines Bremens mit zutiefst verunsicherten Bürgern, die froh waren, ein Dach über dem Kopf zu haben, nicht etwa vor einer überwiegend satten Gesellschaft mit ausgesprochen hohen Ansprüchen.

Lesen Sie auch

Hans Koschnick war und blieb ein „Gröpelinger Jung“, das machte ihm zum Volkstribun und Ersten unter Gleichen in einer SPD, deren Identität sich aus dieser Herkunft ableitete. Henning Scherf machte sich als unkonventioneller „Omaknutscher“ einen Namen. Wer wie er einmal die Herzen der Bremer erobert hat, muss keine politische Bilanz mehr fürchten.

Wenn gleichsam aus Notwehr angesichts des Überflusses an Informationen eine gewisse Oberflächlichkeit zum anerkannten Standard wird, macht sie um Politik keinen großen Bogen. Deshalb ist Sahra Wagenknecht „das schöne Gesicht der Linken“ („Rheinische Post“), deshalb gewann der ehemalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder mit dem Satz „Hol‘ mir mal ‘ne Flasche Bier“ an Sympathiepunkten so wie die einstige grüne Leitfigur Joschka Fischer mit Turnschuhen und unflätigem Benehmen („Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch“).

Nun wird Carsten Sieling weder zum schönen Gesicht der Bremer SPD werden noch aus Kalkül aus der Rolle fallen oder Seniorinnen herzen wollen. Ihm bleibt also nur, durch seine Arbeit von sich zu überzeugen. Das ist der altmodische, der ungleich schwerere Weg, und er ist noch elend weit, für die kurze Zeit bis zur nächsten Wahl.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+