Demenzkranke Menschen aus Obervieland stellen selbst gemalte Bilder im BGO aus Im Strudel des Vergessens

Kattenturm. „Die Demenz stellt uns Fragen, auf die wir keine Antwort haben“, zitierte Sabine Greulich den Soziologen Reimer Gronemeyer. Für ihn sei Demenz keine Krankheit, sondern eine Herausforderung an die Gesellschaft, führte die Mitarbeiterin in der „Seniorengemeinschaft Kattenturm“ nun anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „DemenzBilder und Zeichnungen von Menschen mit Demenz in Obervieland“ im Bürgerzentrum in der Alfred-Faust-Straße 4 aus.
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Von Matthias Holthaus

Kattenturm. „Die Demenz stellt uns Fragen, auf die wir keine Antwort haben“, zitierte Sabine Greulich den Soziologen Reimer Gronemeyer. Für ihn sei Demenz keine Krankheit, sondern eine Herausforderung an die Gesellschaft, führte die Mitarbeiterin in der „Seniorengemeinschaft Kattenturm“ nun anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „DemenzBilder und Zeichnungen von Menschen mit Demenz in Obervieland“ im Bürgerzentrum in der Alfred-Faust-Straße 4 aus. „Wir brauchen daher eine Erwärmung“, zitierte sie weiter, „wieder mehr Nachbarschaft, mehr echte Freundschaft – die Leute brauchen nicht mehr Medikamente, sie brauchen mehr Kommunikation“.

Anregungen zum Gespräch

Reichlich Anlass dafür liefern die 40 Bilder, die Menschen mit Demenz aus dem Quartier in verschiedenen Krankheitsstadien gemalt haben. „Wir malen wöchentlich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern“, erzählt Sabine Greulich bei einem Rundgang durch die Ausstellung. „Das geht auch mit Menschen, die sonst eher unruhig sind“.

Mal malen die Patientinnen und Patienten alleine, mal entstehen auch Gruppenarbeiten – wie das Bild „Hauptbahnhof“, auf dem sich Eindrücke von heute und von vergangenen Zeiten vermischen: Die prägnant-gebogene „Hauptbahnhof“-Schrift über dem Eingang, Menschen auf dem Vorplatz, die Straßenbahn, aber auch ein Hase, ein Regenbogen, ein Eisladen.

„Die Bilder rufen die Erinnerung hervor an das Elternhaus, an Heimat, aber auch an Krieg“, stellt Sozialsenatorin Anja Stahmann in ihrer Rede fest. „Die Bilder sind daher auch schöne Gesprächsanregungen der Angehörigen mit den Dementen“.

Manches Rätselhafte

Eine 92-jährige Patientin malt zum Beispiel stets das gleiche Motiv: ein Haus im Grünen mit Bäumen und blauem Himmel. „Da steckt dann schon Sehnsucht drin“, sagt Sabine Greulich. Oder ein bunter Kreis, der an eine Spirale erinnert, mit Acrylfarbe gemalt von einer 76 Jahre alten Frau: „Im Strudel des Vergessens“ hat die Betreuerin das Bild genannt. Daneben hat die Malerin einen Namen geschrieben: „Helma“ steht dort. Warum, das weiß niemand – ihr Name ist es jedenfalls nicht.

Das Malen geschieht immer über eine Geschichte, weiß auch Beate Brokmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Der gehört mit zur Stadtteil-Initiative „Wir für Menschen mit Demenz in Obervieland“, ein Zusammenschluss lokaler Einrichtungen, Institutionen und Unternehmen, die Menschen mit Demenz eine Stimme geben wollen. „Wir wollen den Menschen eine Ausdrucksmöglichkeit verschaffen, wenn sich Sprache, Erinnerung und Gedächtnis zunehmend einschränken“, sagt Brokmann. Sie ist überzeugt, dass demente Menschen kommunizieren wollen: „Und mit dem Malen können sie ihre Empfindungen und Gefühle ausdrücken“. Die Besucherinnen und Besucher können sich durchaus an den gezeigten Werken erwärmen: „Heimweh nach der Heimat“ heißt eines. Es zeigt eine grüne Landschaft mit einem blauem Bach und ebenso blauem Himmel, mittendurch schlängelt sich ein grauer Pfeil, der die Flucht aus Ostpreußen symbolisiert. Ein anderes heißt „Angst vor den Brandbomben“: ein brennendes Gebäude, schwarze Bomben, die vom Himmel fallen, Menschen vor dem Haus. Oder einfach nur „Trauer – mein Misthaufen“, ein Symbol für die gefühlte Bilanz des eigenen Lebens.

Ortsamtsleiter Ingo Funck ist so beeindruckt von der Ausstellung und von der Arbeit der Stadtteil-Initiative, dass er „Wir für Menschen mit Demenz in Obervieland“ über die Entsorgungsfirma Nehlsen 1000 Euro zukommen lassen kann. Diese Spende nimmt Sabine Greulich dankbar entgegen: „Das ist wirklich toll, dieses Geld wird in eine Aktion im Stadtteil fließen“.

Die Ausstellung „Demenzbilder und Zeichnungen von Menschen mit Demenz in Obervieland“ ist bis zum 24. November von montags bis freitags von 8 bis 22 Uhr im BGO, Alfred-Faust-Straße 4, zu sehen. Ab Freitag, 25. November, können sie dann in der St.-Johannes-Gemeinde in Arsten betrachtet werden.
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