IM TAGEBUCH VEREWIGT: DIE UNGLÜCKLICHE LIEBE ZWISCHEN EINER JUNGEN BREMERIN UND DEM PRINZEN VON PREUSSEN

Friedrich Georg Wilhelm Christoph Prinz von Preußen, so sein voller Name, wurde am 19. Dezember 1911 in Berlin geboren und war ein Enkel des letzten deutschen Kaisers.
22.08.2015, 00:00
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IM TAGEBUCH VEREWIGT: DIE UNGLÜCKLICHE LIEBE ZWISCHEN EINER JUNGEN BREMERIN UND DEM PRINZEN VON PREUSSEN
Von Jürgen Hinrichs
IM TAGEBUCH VEREWIGT: DIE UNGLÜCKLICHE LIEBE ZWISCHEN EINER JUNGEN BREMERIN UND DEM PRINZEN VON PREUSSEN

Henrich Wilckens am Schreibtisch in seinem Haus in Braunschweig. In der Hand hält er das Tagebuch seiner Mutter, das von ihrer Liebe zum Preußen-Prinzen handelt.

Suhwa Lee

Der Prinz

Friedrich Georg Wilhelm Christoph Prinz von Preußen,

so sein voller Name, wurde am 19. Dezember 1911 in Berlin geboren und war ein Enkel des letzten deutschen Kaisers. Nach Bremen kam er als junger Mann, um in einer Bank in die Lehre zu gehen. Der Prinz starb am 20. April 1966, wahrscheinlich hat er sich umgebracht.

Irmchen und der Prinz

Ihr Gesicht und dieser Blick. Sie ist 17, vielleicht auch etwas älter, das Foto ist nicht datiert. Ein Backfisch, wie man früher sagte. Eine junge Frau, die offen, neugierig und ein wenig keck in die Welt schaut. Die Augen klar, ein Lächeln. Ich weiß, was ich will, sagt das. Irmgard, die von allen Irmchen gerufen wird, ist sehr selbstbewusst für ihr Alter. Und das ist es wohl, diese Ausstrahlung, was die beiden zusammenbringt: Irmgard Flohr, das vierte und jüngste Kind einer wohlsituierten Kaufmannsfamilie, und ihren Prinzen, mein geliebter Märchenprinz, wie sie es sagt. Der Mann ist drei Jahre älter als Irmchen, und er ist ein echter Prinz: Friedrich Georg Wilhelm Christoph Prinz von Preußen, kurz Fritzi genannt, der für zwei Jahre in Bremen Station macht, um in einer Bank in die Lehre zu gehen. Irmchen und Fritzi – das ist die Geschichte einer Liebe, die nicht gelingen soll.

Irmchen hat alles aufgeschrieben, sie hat Tagebuch geführt und dieses Buch, das mehr ein Heft ist, liegt jetzt zwischen alten Fotos, Zeichnungen und anderen Büchern auf einem Schreibtisch in Braunschweig. Es ist das Haus von Henrich Wilckens, dem Sohn von Irmchen, die vor einem halben Jahr mit 98 Jahren gestorben ist. „Ihre Schwäche war, dass sie nichts wegwerfen konnte“, sagt Wilckens. Und so hat er in seinem Arbeitszimmer jetzt einen Berg von Material liegen. Erinnerungsstücke aus einem reichen Leben, das in einem großen und bis zur letzten Ecke vollgestopften Haus im Schwarzwald zu Ende ging.

Das Tagebuch, ein Bändchen mit grünem Plastikeinband, leicht zerfleddert und mit Klebefilm zusammengehalten, hat die Familie in den Bann geschlagen. „Es hat uns eine Welt eröffnet, die wir nicht kannten“, sagt Wilckens. Dass die Mutter mal in einen Hohenzollern verliebt war, der später tragisch zu Tode kam, hatte sie wohl mal berichtet. Von einem Tagebuch, das von dieser Liebe erzählt, war aber nie die Rede. Es lag Jahrzehnte unentdeckt in einer Schublade und wurde gefunden, als die Mutter noch lebte, sich in ihrem hohen Alter aber nicht mehr erinnern konnte.

Der erste Eintrag ist vom 15. August 1932, der letzte vom 28. Januar 1935. Die Zeit, als in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht übernehmen und sich nach und nach den gesamten Staat einverleiben. Irmchens Vater ist Otto Flohr, ein erfolgreicher Kaufmann, der zur NSDAP gehört und bis zu seinem Tod im Jahr 1942 Finanzsenator ist. Im Tagebuch wird von alledem nichts erwähnt. Nur dass Fritzi, der Märchenprinz, ein glühender Anhänger des „Stahlhelm“ ist, einer paramilitärischen Organisation, die später in der SA aufgeht. Nach der Machtübernahme der Nazis unterschreibt er einen der Briefe an seine Geliebte mit „Heil und Sieg!“

Auch Irmchen wird an einer Stelle sehr deutlich und zeigt, was sie politisch denkt: „Wenn wir schon die Demokratie hassen, was soll denn da erst das Fritzchen sagen, der in diesen für ihn so verheerenden und unnatürlichen Zustand hineingeboren ist?“ Das ist nebenbei bemerkt, kein Thema sonst und trotzdem aufschlussreich. Thema ist nicht der Hass, sondern ein anderes Gefühl.

Der Anfang: „Es war keine Liebe auf den ersten Blick!“, steht im Tagebuch, „ich war im Ganzen sehr kühl und gelassen, weil mir nichts verabscheuungswürdiger vorkam, als ihm, weil er ein Prinz war, nachzulaufen.“ Eine Vorahnung hatte sie aber doch. Auch davon, wie schwierig es mit Fritzi werden könnte: „Mit ihm kann man sich auf Gesellschaften nicht amüsieren, weil er eben für alle da sein muss und sich nicht spezialisieren kann.“

Der erste Kuss: „Ich hatte ihn so lieb in dem Augenblick, vielleicht war es der erste Augenblick, in dem ich ihn richtig lieb hatte. Nur ihn, nur ihn als Mensch. Ob Prinz, ob sonst etwas, das war mir ganz einerlei. Dieses klopfende Herz hatte ich so lieb, weil es von Aufregung und Zuneigung erzählte und absolut nicht von Blasiertheit, Erfahrung und solchen scheußlichen Sachen.“

So schreibt sie das auf. Eine junge Frau, die von ihrer ersten Liebe erzählt. Sätze, ganze Passagen, die im Plauderton formuliert sind. Dann wieder romantische Stellen. Herz, Schmerz, wie es so ist. „Eine meiner schönsten Stunden brach an“, beginnt sie mit dem Eintrag über eine gemeinsame Nacht im Wald. „Da standen dann zwei Menschenkinder und hatten sich unbeschreiblich lieb. In solchen Stunden versank alles, die Zeit, die Standesunterschiede, alles, alles!“

Henrich Wilckens hat das Tagebuch seiner Mutter auf einen Schlag durchgelesen, „mit zittrigen Händen“, sagt er, „das war wie ein innerer Film, der sich abspielt, weil die Schilderung so herzergreifend ist, die Höhen und Tiefen so nachvollziehbar sind und das Ende so tragisch war.“ Wilckens weiß, wie das Haus Hohenzollern über die Beziehung dachte, das hatte ihm seine Mutter erzählt. „Sie tolerierten, was war, haben aber klargemacht, dass es zu mehr nicht kommen dürfe.“ Irmchen war das bewusst, dem Prinzen sowieso, aber deswegen auseinandergehen?

Sie hat es versucht. Ein anderer Mann, doch es geht nicht, „es war ganz aussichtslos“, schreibt sie im Tagebuch. „Zum letzten Male hoffe ich dort, von meiner großen, heißen Liebe zu Fritzi loszukommen.“

Die beiden machen Ausflüge – in den Hasbruch, nach Rotenburg, zum Baden an den Pastorensee in Otterstedt oder zur Visbeker Braut, einem Großsteingrab in der Nähe von Wildeshausen. Sie treffen sich mit Freunden, mit Sprösslingen der Familien Schütte, Kippenberg oder Gildemeister, bekannte Namen in Bremen. Sie besuchen Bälle und andere Feste, wenn der „Stahlhelm“ einlädt oder der Kaiserliche Yachtclub oder es bei Schüttes ein Kostümfest gibt oder in Hillmann’s Hotel das Flottenbundfest. Sie fahren durch die Gegend, einfach so, mit Henry, wie der Prinz seinen Wagen getauft hat, weil er ein persönliches Geschenk von Henry Ford an die Hohenzollern ist. Das Tagebuch ist gespickt mit Namen und Orten.

Dann der Abschied. Der Prinz reist in die Vereinigten Staaten. Und er meldet sich nicht! Kein Brief, nichts. Irmchen ist verzweifelt, ruft sich in ihrem Tagebuch aber immer wieder zur Ordnung: „Ich weiß so genau, dass es unsinnig ist, mein Herz an einen Menschen zu hängen, der nie, niemals mir gehören kann.“ Trotzdem, die Sehnsucht ist stärker: „Schmerzhaft, bohrend und unsagbar schwer.“

Endlich, nach Monaten, kommt ein Brief, und dann ruft er sogar an. Aber so richtig, sie weiß nicht, wieder eine Ahnung: „Ich habe so ein Gefühl, als ob jetzt Schluss wäre. Nicht von mir, oh, niemals, aber von ihm.“ Fast anderthalb Jahre, dass sie sich nicht sehen, doch das ist wie weggewischt, als er sie wiedertrifft: „Es ist genauso wie früher.“

Doch viel haben sie nicht voneinander. Der Prinz zieht weiter, nach Rom, nach Bergen, zu seinem Großvater nach Holland, wo der letzte deutsche Kaiser im Exil lebt. „Mein Großvater ist Gott sei Dank bei allerbester Gesundheit“, schreibt er an Irmchen. Andere Briefe des Prinzen, die in dem Tagebuch aufbewahrt werden, kommen vom Cecilienhof in Potsdam, wo die Hohenzollern ihren Stammsitz haben. Einmal schreibt er dann schon nicht mehr an Irmchen, sondern förmlich an die liebe Irmgard.

Am 28. Januar 1935 folgt der letzte Eintrag im Tagebuch, und was sie schreibt, kommt vollkommen unvermittelt: „Ich habe Fritzi meine Verlobung mitgeteilt; umgehend hat er mir gratuliert, freundlich und absolut abgeklärt. Nun wird endlich Ruhe werden, endlich Ruhe.“

So geht eine Liebesbeziehung zu Ende, die schöne Momente hatte, letztlich aber an den Konventionen erstickt ist. Das liest man im Tagebuch und erkennt es an den Zeichnungen, die es zusätzlich gibt. Henrich Wilckens hat sie auf dem Esstisch ausgebreitet. „Ich vermute, dass die beiden sich auf diese Weise unterhalten haben, damit sie nicht belauscht werden konnten.“

Eine Skizze zeigt jemanden, es wird der Prinz sein, wie er vor einem Thron kniet. „Gib mir Deinen Segen, Opa!“, steht drunter. Der Kaiser also, er soll einverstanden sein, wahrscheinlich mit der Liebe zwischen den beiden. „Mein lieber Friedrich“, wird ihm in den Mund gelegt, „ich erkläre Dich für mündig.“ Auf einer anderen Zeichnung wird es zotig: Mann und Frau im Schlafzimmer, beide nur leicht bekleidet: „Du hast genau solche Unterhosen wie Vati.“ Oder dies: „Ich kehre reuig in Deine Arme zurück. Dein Fritzi.“

Irmchen und der Prinz werden sich nach der Trennung nie wiedersehen. Irmgard Flohr heiratet einen anderen, Johann Wilckens, sie bekommen zwei Kinder und leben beschaulich in einem Dorf im Schwarzwald. Als der Vater stirbt, früh und überraschend, wird die Familie von den Menschen in ihrer Umgebung aufgefangen und kommt über den Tod hinweg. „Meine Mutter war bis zuletzt zufrieden und voller Dankbarkeit“, sagt Henrich Wilckens. Er zeigt Fotos von ihr, wie sie hochbetagt an einem ihrer Geburtstage zwischen den Enkeln sitzt. Irmchen, die nun eine alte Frau ist.

Und der Prinz? Er zieht noch vor Beginn des Krieges nach England. So weit her ist es dann offenbar doch nicht mit seiner deutsch-nationalen und militaristischen Gesinnung. Friedrich arbeitet unter dem Namen George Mansfield bei einer Bank in London, später auf einem Bauernhof. 1945 heiratet er eine Lady Brigid, Tochter des englischen Bierkönigs Guinness. Die beiden bekommen fünf Kinder, sind aber nicht glücklich miteinander. Lady Brigid drängt jahrelang auf Trennung. Wenige Tage vor dem Scheidungstermin im Mai 1966 reist der Prinz nach Deutschland, wo er in Reinhartshausen ein Weingut und ein Hotel besitzt. Er soll völlig verwirrt gewesen sein, überfordert von der Situation und hat dann offenbar keinen anderen Ausweg mehr gewusst. Spätnachts geht er aus dem Haus und kehrt nicht wieder zurück. Tage später wird seine Leiche aus dem Rhein geborgen.

„Meine Mutter war bestürzt, als sie davon erfuhr, dass der Prinz gestorben ist“, berichtet Henrich Wilckens. Ein Tagebuch hatte sie damals nicht mehr geführt. Die Einträge in dem grünen Heft galten nur ihrer großen Liebe, als sie zu Ende war, hörten auch die Notizen auf.

Wilckens hat lange überlegt, wie er mit dem Tagebuch umgehen soll: „Ist das etwas, was man liest? Ist das nicht Vertrauensbruch, eine Sünde gegenüber der eigenen Mutter?“ Doch sollte er andererseits diese Geschichte einfach wieder in der Schublade verschwinden lassen? Wilckens entschied sich schließlich, das Tagebuch drucken zu lassen, 50 Exemplare, nur für die Familie. Jetzt hat er sich zusätzlich an die Zeitung gewandt. „Vielleicht tun sich dadurch noch andere Quellen auf“, hofft Wilckens, „mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Geschichte sich noch weiter entwickelt.“

Irmchen

Irmchen war 17, vielleicht auch etwas älter, als dieses Foto von ihr aufgenommen wurde. Geboren wurde sie am 28. Dezember 1914 als viertes und jüngstes Kind von Otto und Elisabeth Flohr. Der Vater gehörte der NSDAP an und war bis zu seinem Tod im Jahr 1942 Finanzsenator.

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