Die Stadt im Blick Im Tiefflug über die Stadt

Im Sommer 1971 donnerte ein Hubschrauber über Bremen. An Bord: eine Filmkamera. 2015 wiederholte sich das Schauspiel - der Vergleich zeigt den drastischen Wandel im Stadtbild.
26.02.2019, 17:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Christiane Mester

Bremen im Sommer 1971: Ein Hubschrauber donnert über die Stadt, an Bord ein Kamerateam, das ein Porträt einer modernen westdeutschen Großstadt aufnimmt. Das fertige Werk wurde in den Folgejahren an Schulen gezeigt. 2015 hob erneut ein Helikopter zum Filmflug ab, gedreht wurde auf derselben Route. Der Vergleichsfilm wurde der Öffentlichkeit bereits präsentiert, doch auf Einladung der Historischen Gesellschaft Bremen stellte Daniel Tilgner, der Leiter des Landesfilmarchivs, ihn am vergangenen Mittwoch erneut im Haus der Wissenschaft vor.

Genau wie 1971 beim ersten Flug, ging es auch im Jahr 2015 mit einigen Abstechern von Hemelingen über Peterswerder, die Neustadt und die Altstadt Bremens. Anfang der Siebziger überfliegt der Pilot die Hansestadt allerdings noch derart niedrig, dass der Hubschrauber schier an den Dächern der Stadt zu kratzen scheint und die Menschen am Boden zum Greifen nahe wirken. Fast könnte man ihnen die Hände schütteln. Was die Filmtechnik der damaligen Zeit noch nicht hergibt, gleicht der Mann am Schaltknüppel im teils waghalsig anmutenden Tiefflug wieder aus.

Kurze Röcke im Wind

So wehen im damals offenen Rollsportstadion St. Jürgen die kurzen Röcke der Mädchen im Wind, am Ufer des Werdersees wird an diesem Augusttag 1971 vergnüglich im deutlich erkennbar knietiefen Wasser geplanscht, während in den Bremer Werften und Häfen geschweißt und geschuftet wird. Abgesehen von den zahlreich aufgenommenen Details demonstrieren die Bilder, dass es den Menschen in der Stadt gut geht. Sie haben Arbeit und darüber hinaus ausreichend Zeit und Geld, sich zu vergnügen. Und der Staat sorgt für eine funktionierende Infrastruktur, viele Freizeitangebote und vor allem genügend Wohnraum für die wachsende Bevölkerung. Bild und Ton vermitteln die zentrale Botschaft: Es geht voran, alles ist im Aufbruch begriffen, der Krieg ist längst Geschichte.

Diese Aussage tritt aus heutiger Perspektive noch deutlicher hervor anhand dessen, was 1971 nicht thematisiert wird. Die zu dieser Zeit noch immer sichtbare Zerstörung der Stadt bleibt gänzlich unbesprochen und auch die bis dahin schon zahlreich vorgenommenen Gebäudeabrisse, die heutzutage von einigen bedauert werden, greift der Kommentator von damals gar nicht auf. So ist es Daniel Tilgner, der Leiter des Landesfilmarchivs, der bei seinem Vortrag im Haus der Wissenschaft darauf hinweist, was schon 1971 im Stadtbild fehlte: Zum Beispiel das St. Katharinen-Kloster der Dominikaner in Bremen, das sich einst in der Altstadt zwischen Sögestraße, Unser-Lieben-Frauen-Kirchhof, Schüsselkorb und Domshof im Bereich der heutigen Katharinen-Hochgarage befand und das Lloydgebäude von 1907, das Anfang des 20. Jahrhunderts das größte Gebäude in Bremen war. Beide Bauwerke sind zum Zeitpunkt des ersten Filmflugs bereits nicht mehr da.

„Man hat ganze Schneisen durch die Stadt gerissen, denn die Planer dieser Zeit haben gesagt, ‚wir brauchen Wohnraum‘“, ergänzt Tilgner die Worte des Kommentators aus dem Off, der angesichts der vielerorts regen Bautätigkeit auf die sprunghaft angestiegene Bevölkerung hinweist. 600 000 waren es damals. „In den Nachkriegsjahren musste Bremen rund 100 000 Flüchtlinge unterbringen und für viele ausgebombte Menschen ein Dach über dem Kopf schaffen“, ergänzt Tilgner. Im Vergleich mit dem neuerlichen 2015er-Flug über das Stadtzentrum zeigt das rege Treiben auf den Straßen und Plätzen, dass es inzwischen mehr Einwohner geworden sind. Das Gewimmel und Gewusel der Menschen rund um das Rathaus und den Roland – Jahrhunderte überdauerndes Wahrzeichen der Unabhängigkeit der Freien Hansestadt Bremen – nimmt Tilgner zum Anlass, auf die gewachsene Bedeutung des Städtetourismus für Bremen hinzuweisen: „Die Zahl der Übernachtungsgäste hat sich vervierfacht“, lässt der Historiker wissen. Die Hafenstadt ohne Hafen musste sich wirtschaftlich anders aufstellen und insgesamt betrachtet sind es die Veränderungen, die der Strukturwandel im Stadtbild verursachte, die im filmischen Vergleich besonders deutlich hervorstechen.

Für den Schulunterricht gedreht

Die erste Fassung wurde 1971 im Auftrag der Landesbildstellen Bremen und Rheinland-Pfalz als Anschauungsmaterial für den Schulunterricht gedreht. Es entstand das beispielhafte Abbild einer Großstadt mit damals noch boomenden Häfen und Industrien, klapperndem Handwerk in den Hinterhöfen, zahlreichen neuen Straßen und einer Universität im Bau sowie Stadterweiterungen mit Tausenden neuer Wohnungen. 2015 war es dann das Landesfilmarchiv, das den Hubschrauber charterte, um den 1971er-Film bestenfalls eins zu eins nachzudrehen. Die annähernd identischen Perspektiven ermöglichen einen direkten Vergleich von 1971 und 2015. Anders als die ursprüngliche Fassung kommt die Neuauflage ohne einen gesprochenen Kommentar aus. Die vergleichsweise aktuellen Bilder von vor vier Jahren erläuterte Daniel Tilgner den Vortragsbesuchern im Haus der Wissenschaft persönlich.

Dass sich das damals wirtschaftlich florierende Bremen „an die Brust des Autoverkehrs geworfen hat“, wie Tilgner es formuliert, wird in der ersten Fassung vor allem beim Überfliegen des Bürgerparks deutlich. Beim Anblick des sich kilometerlang hinziehenden satten Grüns der Bäume, denkt der Kommentator laut über einen Kahlschlag nach. Er sinniert ganz freimütig über die Zweckmäßigkeit einer solchen Maßnahme, als er sagt: „Eine Autostraße durch den Park könnte den Verkehr stark beschleunigen.“

In den Siebzigern war Bremen die Autostadt schlechthin. Die Stadtplaner von einst richteten alles auf den Autoverkehr aus und wer motorisiert unterwegs war, der hatte zu dieser Zeit nahezu überall Vorrang vor den anderen Verkehrsteilnehmern. Auch Parkraum war in der Innenstadt reichlich vorhanden, wie die Filmbilder zeigen. Zum einen gab es sehr viel weniger Kraftfahrzeuge als heutzutage und zum anderen durfte fast überall gefahren und geparkt werden. Einfahrtbeschränkungen oder Halteverbote gab es kaum. Das Autofahrer-Motto der vergangenen Epoche lautete, so Tilgner: „Einfach anhalten und aussteigen.“

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