25 in den letzten fünf Jahren

Immer mehr Bremer Apotheken müssen schließen

Traurige Nachricht: Immer mehr Apotheken in Bremen müssen schließen. Nachwuchsprobleme sind der eine Grund - Konkurrenz durch den Online-Handel der andere.
23.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Immer mehr Bremer Apotheken müssen schließen
Von Kristin Hermann
Immer mehr Bremer Apotheken müssen schließen

1928 wurde die Falken-Apotheke gegründet. Nun muss die Filiale in der Leher Heerstraße nach knapp 90 Jahren schließen.

Christina Kuhaupt

Traurige Nachricht: Immer mehr Apotheken in Bremen müssen schließen. Nachwuchsprobleme sind der eine Grund - Konkurrenz durch den Online-Handel der andere.

Im nächsten Jahr wäre die Falken-Apotheke in Horn 90 Jahre alt geworden. Doch das Bremer Traditionsgeschäft muss in wenigen Wochen schließen. Für ihre Inhaber rentiert sich der Verkauf von Arzneimitteln nicht mehr. Außerdem finden sie niemanden, der sich traut zu übernehmen. „Wir haben vier Monate lang vergeblich nach einem Nachfolger für die Filialleitung gesucht“, sagt Noch-Inhaberin Silvia Freiwald, die auch die Bismarck-Apotheke leitet. „Die kleine Apotheke von nebenan zählt im Gesundheitssystem nicht mehr viel.“

Die Falken-Apotheke folgt mit ihrer Schließung einem traurigen Trend, der sich in Bremen besonders zu Beginn des neuen Jahres deutlich zeigt, wie die Bremer Apothekerkammer bestätigt. Im Januar haben bereits die Rembrandt-Apotheke in Huchting und eine Apotheke in der Neustädter Pappelstraße geschlossen. Die Falken-Apotheke und die Hafenapotheke in Walle folgen bis Ende März. „Zwei bis drei weitere stehen auf der Kippe“, sagt Richard Klämbt, Präsident der Bremer Apothekenkammer. Damit sinkt die Zahl der Apotheken im Land Bremen auf 148. In den vergangenen fünf Jahren hätten damit mehr als 25 Apotheken schließen müssen.

Zwar sei die Lage in Bremen noch nicht so dramatisch wie in Niedersachsen, wo vor allem in ländlichen Gebieten eine zunehmende Unterversorgung an Apotheken besteht, doch auch hier gebe es bereits Stadtteile, die nicht mehr über all zu viele Apotheken verfügen. „Das ist besonders in Bremen-Nord der Fall“, sagt Klämbt. Auch in Huchting und Kattenturm sei die Versorgung schlechter geworden. „Das spüren wir und die Kunden vor allem auch im Notdienst. Wir müssen häufiger arbeiten und sie länger bis zur nächsten Filiale fahren“, sagt Klämbt.

Zu wenig Apotheker-Nachwuchs

Die Gründe für das Apothekensterben sind vielschichtig. In Bremen gibt es keinen Pharmazie-Studiengang. Nach Angaben der Apothekerkammer gibt es nicht ausreichend Apotheker auf dem Arbeitsmarkt. "Und immer weniger wagen den Schritt in die Selbstständigkeit", sagt Klämbt. Das sind auch Silvia Freiwalds Erfahrungen bei ihrer Suche gewesen. "Nach abgeschlossenem Studium scheuen viele aufgrund der hohen Arbeitsbelastungen den Schritt in die Selbstständigkeit und gehen lieber in die Pharmaindustrie“ , sagt sie. Hinzu komme, dass Apotheken stark von den Ärzten in ihrer Nähe abhängig seien. "Wenn Ärzte schließen, betrifft das zumeist auch die Apotheker in der Nähe", so Klämbt.

Seit der Europäische Gerichtshof (EuGH) im vergangenen Oktober die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente gekippt hat, dürfen ausländische Versandapotheken die Preise für diese Arzneimittel reduzieren, während der deutsche Online-Handel und die deutschen Apotheken der Preisbindung unterliegen. Für Klämbt schafft diese Regelung eine absolute Wettbewerbsverzerrung. Gerade, weil die Apotheken vor Ort überwiegend von den rezeptpflichtigen Medikamenten leben würden. Sie machen 80 Prozent des Umsatzes aus, so Klämbt.

Seine Apotheke und andere Bremer Inhaber würden sich deshalb an einer bundesweiten Postkarten-Aktion beteiligen, bei der Kunden Bundespolitikern schreiben können, warum sie das EuGH-Urteil unfair finden. „Wir fordern, dass das Gesetz rückgängig gemacht wird oder zumindest gleiche Bedingungen für alle geschaffen werden“, sagt Klämbt, der sich damit auch schon an Bremer Politiker gewandt hat, die im Bundestag sitzen.

Verbraucherschützer setzen sich für Online-Handel ein

Verbraucherschützer bewerten das Urteil anders als die Bremer Apothekenkammer. „Mehr Wettbewerb ist etwas Gutes. Apotheken sollten umdenken, sich auf die Digitalisierung, die es bereits in vielen Bereichen gibt, einlassen und daraus neue Konzepte entwickeln“, sagt Annabel Oelmann, Vorstand der Bremer Verbraucherzentrale.

Vorstöße, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in Deutschland zu verbieten, hält Oelmann für den falschen Weg: „Viele chronisch Kranke versorgen sich komplett über den Versandhandel, weil es praktisch und bequem ist.“ Dass deutsche Apotheker sich benachteiligt fühlen, kann Oelmann indes nachvollziehen. „Die derzeitigen Regeln werden wohl keinen Bestand haben. Der Gesetzgeber muss und wird handeln. Aber was genau passiert, ist noch unklar“, sagt sie.

Dass sich Apotheken noch mehr der Digitalisierung öffnen sollen, kann Richard Klämbt nicht nachvollziehen. „Die Bestellsysteme sind ja schon digitalisiert, außerdem liefert jede Apotheke auch nach Hause, wenn das Medikament nicht vorrätig ist“, sagt er. „Eine kleine Apotheke kann ja nicht noch anfangen, Online-Handel einzuführen. Dafür ist das Budget doch gar nicht da.“

Apotheken-Netzwerk sorgt für Imagewerbung

Joachim Polls, der zusammen mit seiner Frau die Huckelriede-Apotheke und die Nettelbeck-Apotheke in der Neustadt betreibt, glaubt daran, dass Apotheken in diesen Zeiten noch mehr ihre Stärken herausarbeiten müssen. „Der Fokus liegt ganz klar auf der persönlichen Beratung. Manchmal sind wir so etwas wie Seelsorger vor Ort“, sagt er. Trotzdem habe auch er feststellen müssen, dass einige Kunden durch den Online-Handel einfach wegblieben.

Zusammen mit mehr als 20 anderen Bremer Apotheken hat er sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen, mithilfe man gemeinsame Imagewerbung für die Apotheke vor Ort betreibe. „Wir bieten zum Beispiel an, die Hausapotheke der Kunden zu überprüfen“, sagt Polls. Zudem haben er und seine Frau sich eine Nische gesucht, in dem sie Altenheime mit Medikamenten beliefern. Für das Apotheker-Ehepaar ein 24-Stunden-Job. Weil sie einfach keine Apotheker finden, müssen sie beide sechs Tage in der Woche in ihren Apotheken stehen – das Gesetz sieht vor, dass immer ein Apotheker anwesend ist.

Wenn sich auf politischer Ebene nichts tut, sieht Richard Klämbt keine gute Zukunft für die verbleibenden Bremer Apotheken. „Ändert sich nichts, werden in den kommenden Jahren immer mehr Apotheken verschwinden“, sagt er.

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