Zahl der Waffenscheine steigt Immer mehr Bremer bewaffnen sich

In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Kleinen Waffenscheine, die das Führen von Schreckschusspistolen, Pfefferspray und Signalwaffen erlauben, in Bremen um rund 60 Prozent gestiegen.
15.01.2020, 21:14
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Immer mehr Bremer bewaffnen sich
Von Jürgen Hinrichs

Die Zahl der Waffenscheine und der Besitz von Schreckschusspistolen sind in den vergangenen fünf Jahren drastisch gestiegen. Das geht aus Daten der Bremer Polizei hervor, die am Mittwoch auf Anfrage mitgeteilt wurden. Demnach hat es im kleinsten Bundesland beim Erwerb des Kleinen Waffenscheins, der auch das Führen von Pfefferspray und Signalwaffen erlaubt, in den vergangenen fünf Jahren einen Anstieg von rund 60 Prozent gegeben. In absoluten Zahlen sind es in Bremen jetzt ungefähr 3000 Personen, die einen solchen Schein besitzen. Bundesweit liegt die Steigerung bei 130 Prozent.

Die Polizei erklärt die Entwicklung mit einer zunehmenden Verunsicherung in der Bevölkerung. Meist handele es sich bei den Schreckschusspistolen um detailgetreue Nachbildungen scharfer Waffen, erklärt die Behörde. Und das eben sei so gefährlich: „Wir warnen eindringlich vor dem Umgang mit sogenannten Anscheinswaffen.“ Auf die Distanz oder bei Dunkelheit könne unter Umständen nicht immer sofort erkannt werden, ob es sich um eine unechte Waffe handelt. „Die Polizei muss Hinweise auf derartige Vorfälle sehr ernst nehmen und folglich zur Abwehr von Gefahren für andere und sich selbst so handeln, als ob die Waffe echt wäre.“

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Vorfälle mit Schreckschusspistolen hat es in Bremen zuletzt an Silvester gegeben. Zum Jahreswechsel wurde mehrfach und an verschiedenen Orten in die Luft geschossen – ein Verstoß gegen das Waffengesetz, den die Polizei zur Anzeige gebracht hat. In Berlin wurden in derselben Nacht 125 solcher Strafhandlungen gezählt. Das verbotene Schießen habe „fast inflationär“ zugenommen, sagt Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik. Auch zu anderen Zeiten greifen die Besitzer zu ihren Pistolen.

Im Oktober löste in Bremen-Walle ein 32-Jähriger einen Großeinsatz der Polizei aus, weil er von seinem Balkon aus mehrere Schüsse in die Luft abfeuerte. Im Dezember zielte ein Supermarktdieb in Bremen-Vahr auf zwei Polizisten. „Nur durch die besonnene Reaktion der Beamten kam es hier nicht zu einer Schussabgabe“, teilte die Polizei damals mit. Die Schreckschusspistolen sind legal und nicht besonders teuer. In einem Fachgeschäft in der Bremer Innenstadt liegt die Preisspanne bei 100 bis 150 Euro.

Wollen die Besitzer ihre Waffe nicht nur zu Haus liegen haben, sondern sie auch führen, benötigen sie den Kleinen Waffenschein. Die Behörde für Waffen- und Jagdangelegenheit beim Innensenator prüft dann zunächst in den entsprechenden Registern, ob der Antragsteller schon einmal auffällig geworden ist. Ein Vorgang, der alle drei Jahre wiederholt wird.

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Weil die Zahl der unechten, aus Sicht der Sicherheitsbehörden gleichwohl gefährlichen Waffen, derart angestiegen ist – die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schätzt sie für das gesamte Bundesgebiet auf 15 Millionen –, gibt es jetzt Überlegungen, die Gesetze zu verschärfen. Der Verkauf der Pistolen könnte an den Kleinen Waffenschein gekoppelt werden, schlägt die GdP vor und trifft auf Bundesebene auf Zustimmung bei SPD und Grünen. CDU, FDP und Linke sind dagegen skeptisch, sie halten die geltenden Bestimmungen für ausreichend und plädieren für eine bessere Kontrolle.

Beim SPD-geführten Innenressort in Bremen stößt die Initiative der Polizeigewerkschafter auf offene Ohren: „Der Vorschlag klingt vernünftig und ist sofort nachvollziehbar. Er wird von uns umgehend geprüft“, kündigt Ressortsprecherin Rose Gerdts-Schiffler gegenüber dem WESER-KURIER an. Nach ihren Zahlen sind im vergangenen Jahr allein in der Stadt Bremen 93 Kleine Waffenscheine neu ausgestellt worden, 82 an Männer, elf an Frauen.

Der Bremer GdP-Landesvorsitzende Lüder Fasche hält es wie sein Bundesverband und der Innensenator für eine gute Idee, schon beim Erwerb der Schreckschusspistolen einen Kleinen Waffenschein zu fordern: „Das würde den Kauf sicherlich eindämmen.“ Fasche weist gleichzeitig darauf hin, dass der Drang nach solchen Waffen aus seiner Sicht oft kein Akt aufkeimender Aggression ist, „er entspringt eher einem Gefühl der Angst und Sorge“. Fasche sagt auch, wo er bei allem kritischen Umgang mit den Pistolen das größere Problem sieht: „Die Körperverletzung in Verbindung mit Messern hat deutlich zugenommen.“

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