Im Prinzip harmlos, aber sehr unangenehm

Immer mehr Fälle von Krätze in Bremen

Wer sich Krätzmilben eingefangen hat, wird schnell stigmatisiert. Dabei ist die Krankheit weder hoch ansteckend noch gefährlich. Die Fallzahlen steigen seit 2015 trotzdem.
10.10.2017, 11:58
Lesedauer: 2 Min
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Von Timo Thalmann
Immer mehr Fälle von Krätze in Bremen

Mit bloßem Auge schwer erkennbar: Krätzmilben.

Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Relativ gesehen sind die Steigerungsraten enorm hoch: Dr. Kjell M. Kaune berichtet von einem Anstieg um den Faktor zehn bei der stationären Behandlung von Krätze oder Skabies, wie es medizinisch heißt. Der leitende Oberarzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum Bremen Mitte berichtet für 2013 von drei Fällen, im Jahr 2014 waren es zehn und 2015 sieben Patienten. Im Jahr 2016 hingegen wurden 74 Fälle registriert und für das laufende Jahr geht er von ähnlich hohen Fallzahlen aus. Auch die Zahlen des Bremer Gesundheitsamtes zeigen eine entsprechende Entwicklung. Sank die Zahl von 47 Fällen im Jahr 2014 auf 26 im Jahr 2015, schnellte sie im Jahr 2016 auf 130 empor. In diesem Jahr wurden bis Ende September bereits 175 Fälle registriert.

„Wir haben eindeutig einen Anstieg zu verzeichnen, aber Skabies hat gewöhnlich keinen epidemischen Verlauf“, kommentiert Kaune die Statistik. Der Dermatologe geht davon aus, dass die Zahlen sich auf dem jetzt erreichten Niveau einpendeln. „Absolut gesehen sind das im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Bremens immer noch geringe Patientenzahlen.“ Außerdem sei die durch Milben verursachte Krankheit gut behandelbar. Im Grunde genüge eine einmalige Behandlung mit einer speziellen Creme, die für acht bis zwölf Stunden über Nacht aufgetragen wird.

Lange Inkubationszeit und kaum sichtbare Milben

„Stationäre Aufnahmen haben wir eigentlich nur in hartnäckigen Fällen mit wiederholten Ping-Pong-Infektionen“, sagt Kaune. Er spielt damit auf das Problem einer relativ langen Inkubationszeit von vier bis acht Wochen an, in der ein Betroffner noch nichts von der Erkrankung bemerkt, aber Skabies weitergeben kann. Dadurch kann es zum Beispiel innerhalb von Familien immer wieder zu wechselseitigen Neuansteckungen kommen. Die nur 0,3 bis 0,5 Millimeter großen, kaum sichtbaren Krätzmilben graben sich dabei in die obere Hautschicht ein, legen täglich mehrere Eier und sie sondern Kot in die Hautgänge ab. Das verursacht nach einiger Zeit die typischen Ekzeme und einen unerträglichen Juckreiz.

Für eine Übertragung der Milben braucht es allerdings einen entsprechend engen Körperkontakt von mehreren Minuten. „Hände schütteln reicht dafür nicht“, versichert Kaune. Und außerhalb des Wirtes können die Krätzmilben nur für ein bis zwei Tage überleben. „Kleidung und Bettwäsche für 48 Stunden luftdicht verpacken oder wenn möglich über 60 Grad waschen, löst das Problem“, versichert der Mediziner.

Meist nur zehn bis 20 Milben pro Person

Die Ursachen für den Anstieg führen die Fachleute gleich auf mehrere Faktoren zurück. Ein Sprecher des Bremer Gesundheitsamtes verweist auf eine einzelne, größere Reisegruppe, die in diesem Jahr die Zahlen so habe ansteigen lassen. Gewisse Schwankungen nach oben seien normal. Und er erinnert an die seit diesem Jahr geänderten Meldepflichten für Skabies. Niedergelassenen Ärzte müssen ihre Fälle demnach zwar weiterhin nicht ans Gesundheitsamt übermitteln, aber für Gemeinschaftseinrichtungen gelten neue Regeln.

Standen bislang ausschließlich Einrichtungen mit Kindern und Jugendlichen wie Krippen, Kindertagesstätten und Schulen in der Pflicht, Bwetroffene sowie Verdachtsfälle oder mögliche Kontaktpersonen zu melden, sind nun alle Arten von Sammelunterkünften vom Seniorenheim, über Justizvollzugsanstalten bis zum Übergangswohnheim für Flüchtlinge meldepflichtig. Vor allem letztere Gruppe gilt vielfach als Ursache für steigende Fallzahlen.

"Das liegt aber nicht an den Flüchtlingen, sondern an den Bedingungen auf der Flucht", präzisiert Kaune. Überall, wo Menschen unter schlechten hygienischen Bedingungen eng zusammenrücken müssen, habe die Krätzmilbe gute Karten. "Aber sie vermehrt sich nur selten explosionsartig", schränkt er ein. Meistens beherberge jeder Betroffene nur zehn bis 20 Milben.

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