Vor allem Senioren im Fokus von Trickbetrügern

Immer mehr falsche Polizisten

Bremen. In Bremen werden immer häufiger Senioren Opfer von Trickbetrügern. Die Polizei hat deshalb „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“ (SÄM-Delikte) zu einem Schwerpunkt ihrer Ermittlungen gemacht.
19.05.2014, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Immer mehr falsche Polizisten
Von Ralf Michel

In Bremen werden immer häufiger Senioren Opfer von Trickbetrügern. Die Polizei hat deshalb „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“ (SÄM-Delikte) zu einem Schwerpunkt ihrer Ermittlungen gemacht. Zu schaffen macht ihr dabei zunehmend eine besondere Masche der Täter – die Betrüger treten als angebliche Polizisten auf.

Für Straftaten gegen ältere Menschen (SÄM) gibt es bei der Kriminalpolizei in Bremen schon seit 2008 ein eigenes Kommissariat. Mit zunehmendem Alter wächst die Vereinsamung, körperliche und geistige Leiden nehmen zu – und genau das nutzen Täter gezielt aus. Dabei erfinden sie für ihre Trickbetrügereien immer neue Lügengeschichten und gehen dabei überaus einfallsreich und nicht selten mit bemerkenswertem schauspielerischen Talent vor, weiß die Polizei zu berichten.

Zunehmend treten die Betrüger dabei als angebliche Polizisten auf, warnt Polizeisprecher Nils Matthiesen vor einer besonderen Masche der Täter. Für das gesamte Jahr 2013 standen 39 Fälle zu Buche, bei denen sich die Täter älteren Menschen gegenüber als falsche Polizeibeamte ausgaben. Eine Zahl, die mit bislang 37 Fällen in diesem Jahr schon im Mai fast erreicht ist.

Bei den Einschleich- oder Trickdiebstählen gelangen die falschen Polizisten unter einem Vorwand in die Wohnung ihrer Opfer und haben es in der Regel auf Bargeld und Schmuck abgesehen. Am besten dagegen zur Wehr setzen könne man sich, indem man grundsätzlich keine Fremden in die Wohnung lasse, rät die Polizei. In jedem Fall genutzt werden sollten der Türspion, die Türkette und wenn vorhanden die Türsprechanlage. Sind die Betrüger erstmal in der Wohnung, haben gerade ältere Menschen meist keine Chance mehr gegen die Täter, die dann auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurückschrecken.

„Ausweis sorgfältig prüfen“

Ein weiterer Rat der Polizei: „Fordern Sie von einer Amtsperson immer den Dienstausweis und prüfen Sie ihn sorgfältig.“ Polizisten in Dienstkleidung sind grundsätzlich durch ihre Uniform ausgewiesen. Auf Verlangen haben aber auch sie ihren Dienstausweis vorzuzeigen sowie ihren Namen und ihre Dienststelle anzugeben. Beamte in Zivil müssen ihren Dienstausweis unaufgefordert vorzeigen. Kriminalbeamte besitzen darüber hinaus eine persönliche Dienstmarke mit individueller Nummer. Dies alles sollte sorgfältig geprüft werden, rät Matthiesen. „Und beim geringsten Zweifel sollte die Polizei unter 110 oder 3620 angerufen werden, um sich zu erkundigen, ob mit dem Beamten vor der Tür alles in Ordnung ist.“

Generell sei Besuch von der Polizei eher selten, erklärt Matthiesen. Wenn in der Nähe ein Kapitalverbrechen geschehen sei, könne es vorkommen, dass anschließend die Anwohner dazu befragt würden. „Aber das ist die absolute Ausnahme.“ Und „Geldwechsler“ oder „Falschgeld-Prüfer“ schicke die Polizei nie ins Haus.

Wer Opfer einer Straftat wird, kann nach den eigentlichen Ermittlungen ebenfalls Besuch von einem echten Polizisten bekommen – der zuständige Kontaktbeamte (KoP), der im Rahmen der Opfernachsorge vorbeischaut. In diesem Zusammenhang warnt die Polizei vor einem weiteren Trickbetrug: Unmittelbar nach einem tatsächlichen Diebstahl meldet sich der Täter telefonisch beim Geschädigten und gibt sich als Polizeibeamter aus. Er habe gerade den Dieb festgenommen und bräuchte nun die PIN-Nummer der EC-Karte des Opfers, um diese sperren zu können.

Dass aber nicht alle Betrüger Erfolg haben zeigt ein Beispiel aus der vergangenen Woche: Da klingelte ein 39 Jahre alter Mann mehrfach an der Haustür bei einer 93-jährigen Frau in Huchting. Auf Nachfrage gab er sich als „Herr Wichmann von der Polizei“ aus. Die Rentnerin sollte wegen einer dringenden Angelegenheit die Haustür öffnen. Um was genau es ginge, könne er ihr nur in der Wohnung sagen. Die Seniorin ließ sich jedoch nicht beirren. Sie verwehrte dem Mann den Zutritt, merkte sich, wie er aussah und alarmierte die Polizei. Die war wenig später vor Ort und konnten den 39-Jährigen noch in Tatortnähe stellen. Der Mann war der Polizei bereits bekannt. Durch diverse Betrugstaten zum Nachteil älterer Menschen. . .

Hintergrund: Die Einbruchsmasche

Eine der Maschen, mit denen sich Trickbetrüger Einlass in die Wohnung ihrer Opfer verschaffen, ist die Kontrolle nach einem angeblichen Einbruch. Vor der Tür stehen zwei falsche Polizisten und teilen dem Opfer mit, dass kürzlich bei ihm eingebrochen worden sei. Man habe einen Täter gefasst und müsse nun in die Wohnung, um den Sachverhalt aufzunehmen und Spuren zu sichern. In mehreren Fällen wurden die Betrüger in die Wohnung gelassen, mehr noch, die ahnungslosen Opfer zeigten ihnen bereitwillig ihren Schmuck und andere Wertsachen.

In einem der Fälle in jüngerer Vergangenheit erklärte eine 94-jährige Rentnerin dem vorgeblichen Polizisten an der Wohnungstür, dass bei ihr nicht eingebrochen wurde. Daraufhin stieß der Täter sie beiseite, durchwühlte in Windeseile ihr Schlafzimmer und entkam schließlich mit dem Inhalt einer Schmuckschatulle.

Ähnlich ging es einer 89 Jahre alten Frau, die zwei angebliche Beamte des Landeskriminalamtes in ihre Wohnung gelassen hatte. Auch sie hatten vorgegeben, Spuren eines Einbruches sichern zu wollen. Die alte Dame bemerkte allerdings, dass einer der beiden Betrüger eine wertvolle Uhr in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Als sie ihn aufforderte, die Uhr zurückzugeben, wurde sie zu Boden geschubst. Auch hier entwischten die Täter unerkannt mit ihrer Beute.

Blau statt grün – neuer Dienstausweis der Polizei

Wer Zweifel hat, dass der Mann vor ihm tatsächlich Polizist ist, sollte sich den Dienstausweis zeigen lassen, empfiehlt die Polizei, um sich gegen Trickbetrüger zu schützen. Was natürlich voraussetzt, dass man den Ausweis eines Polizisten auch als solchen erkennen kann.

Die Polizei in Bremen hat seit Ende 2013 einen neuen Dienstausweis. Augenfälligster Unterschied: Der alte Ausweis war grün, der neue ist blau. Die neuen blauen Ausweise im Scheckkartenformat weisen eine Reihe von Sicherheitsmerkmalen auf. Auf der Karte finden sich neben Foto, Name und Dienstnummer des Beamten spezielle Muster aus mehreren ineinander verwickelten und überlappenden Linienzügen. Beim Druck der Karte wurde eine Farbe mit fluoreszierenden Pigmenten verwendet. Wenn die Ausweise gekippt werden, erzeugen optisch variable Druckelemente für Farbwechsel. Zudem wurde unten auf der Karte in Brailleschrift der Schriftzug „Polizei“ eingeprägt, der zu ertasten ist. Dadurch ist der neue Dienstausweis für Menschen mit Sehbehinderungen besser erkennbar.

Wer trotz dieser Merkmale nicht sicher ist, einen echten Dienstausweis vor sich zu haben, kann sich jederzeit unter der Notrufnummer 110 den Polizeieinsatz bestätigen lassen, so der Hinweis der Polizei in einer Pressemitteilung.

Die Falschgeldmasche

Als Vorwand, um an die Ersparnisse ihrer Opfer zu gelangen, dient immer wieder auch die Falschgeldmasche: So klingelte ein angeblicher Polizist an der Tür eines 85-Jährigen. Er müsse das Bargeld des Mannes überprüfen, da sich vermutlich Falschgeld darunter befinden würde. Der 85-Jährige ließ den Betrüger in die Wohnung und händigte ihm mehrere Tausend Euro aus. Der Täter zählte das Geld vor den Augen des Opfers und verschwand dann unter einem Vorwand mit seiner Beute.

Besonders dreist ging ein Betrüger im Fall einer 87-Jährigen aus Kattenturm vor: Er rief die Frau an und teilte ihr mit, dass die Polizei ihr Geld auf Falschgeld überprüfen müsse. Dafür sollte sie ihm zunächst die Nummern ihrer Geldscheine telefonisch durchgeben. Dann forderte er sie auf, ihr gesamtes Bargeld in eine Tüte zu packen und aus dem Fenster zu werfen, wo ein Kollege schon bereit stehen würde. Auch dieser Trick hatte Erfolg.

Damit aber immer noch nicht genug. Nachdem sein Komplize die Plastiktüte mit dem Geld eingesackt hatte, meldete sich der falsche Polizist ein weiteres Mal telefonisch bei der Seniorin. Diesmal forderte er sie auf, 5000 Euro von der Bank abzuholen. Auch dies hätte die 87-Jährige getan. Die Straftat konnte allerdings verhindert werden, weil eine Bankangestellte misstrauisch wurde und die Polizei alarmierte.

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