Im Gärtner-Glück Immer mehr junge Familien pachten eine Parzelle

Als Alternative zum Haus mit Garten setzten viele junge Familien auf eine Parzelle in einem Kleingartenverein.
29.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Immer mehr junge Familien pachten eine Parzelle
Von Kristin Hermann

Als Alternative zum Haus mit Garten setzten viele junge Familien auf eine Parzelle in einem Kleingartenverein.

Ida wird an diesem Tag zwei Jahre alt. Die Sonne scheint, das Wetter ist für einen Kindergeburtstag unter freiem Himmel ideal. Doch die Wohnung, in der Ida und ihre Eltern leben, ist mit 60 Quadratmetern zu klein dafür, der Balkon bietet nicht genügend Platz für die Gäste. Nun gibt es in Bremen zwar ausreichend Grünflächen, „aber da muss man ständig aufpassen, dass die Kinder nicht in Scherben treten“, sagt Mutter Janina Roder.

Gemüse wird selber angebaut

Aus diesem Grund haben die 32-Jährige und ihr Partner Hartmut Jacobs sich vor einigen Monaten dazu entschlossen, einen Kleingarten auf dem Stadtwerder zu beziehen. Eine Alternative zum Haus mit Garten, dass sich die Familie bei den hohen Mieten im Zentrum nicht leisten kann und will. Dort soll Ida in Ruhe spielen können, und sie soll lernen, dass das Gemüse nicht beim Discounter an der Theke wächst, wie es die Kleingärtner hier scherzhaft sagen.

Ida weiß das mittlerweile. Sie mag seitdem sogar die früher verhassten Tomaten, erkennt Zucchini und Quitten. Ihre Eltern bauen nun eine Menge Obst und Gemüse an. Der Kleingarten ist für die Familie eine Art zweites Zuhause geworden, mit kleiner Hütte, in der neben einem Kühlschrank auch ein Bett und eine Komposttoilette Platz gefunden haben. Sie genießen die Ruhe, die in dem kleinen Weg herrscht.

Mehr Respekt vor Lebensmitteln

Wenn nichts anderes ansteht, sind sie jedes Wochenende hier, manchmal auch unter der Woche – schließlich benötigt der Garten Pflege. „Ich habe gelernt, wie viel Arbeit es bedeutet, um nur eine einzige Gurke erfolgreich durch den Sommer zu bringen“, sagt Roder und lacht. „Man bekommt dadurch viel mehr Respekt vor Lebensmitteln.“

So wie Roder und ihr Lebensgefährte, denken mittlerweile immer mehr junge Familien. Das besagt zumindest eine Studie, die erst kürzlich unter Hamburger Kleingärtnern durchgeführt wurde. Dort wird jede fünfte Parzelle von Familien mit Kindern unter zwölf Jahren bewirtschaftet. Gegenüber 2003 ist die Gruppe der Personen mit Fachhochschulreife oder Abitur von 7,2 Prozent auf 44,6 Prozent der befragten Pächter gestiegen.

Eine Tendenz, die August Judel, Vorsitzender des Landesverbandes der Bremer Gartenfreunde und Vereinsvorsitzender des Kleingärtnervereins „Am Krähenberg“, auch für die etwa 17000 Mitglieder in Bremen bestätigen kann. Besonders die Parzellen auf dem Stadtwerder seien unter jüngeren Hobbygärtnern gefragt.

Er schätzt, dass etwa 30 Prozent der dort ansässigen Mitglieder unter 50 Jahre alt sind. Auch die Grünflächen in Schwachhausen, Horn-Lehe oder Blockdiek seien bei den Jüngeren gefragt. Einzig Gröpelingen und Walle hätten seit Jahren mit sinkender Beteiligung zu kämpfen. Dort stehen viele verfallene Parzellen, in die niemand investieren will.

Judel beobachtet den Trend seit etwa zwei Jahren. Die Gründe dafür seien so, wie es die Eltern von Ida sagen. Die Mieten für ein Haus mit Garten seien im Zentrum für junge Familien nahezu unbezahlbar geworden. „Außerdem achten immer mehr Menschen bewusster drauf, was sie essen“, sagt Judel.

Pacht und Vereinsgebühren

Für Gartenfreunde bringt die Bio-Bewegung viele Vorteile. Profit aus diesem Hype wollen die Kleingärtner jedoch nicht schlagen. Wer einen Kleingarten besitzen will, muss neben der Pacht Vereinsgebühren bezahlen.

Pro Quadratmeter und Jahr fallen in Bremen 18 Cent Pacht an, sagt Judel. Die durchschnittliche Bremer Parzelle ist etwa 400 Quadratmeter groß. Das entspricht 72 Euro pro Jahr. Für den Kleingartenverein „Am Krähenberg“ kommen jährlich 66 Euro pro Person hinzu, Ehepartner zahlen weitere zehn Euro.

Regelmäßige Dienste für den Verein

Investieren muss man vor allem in die Laube und die Pflanzen, die bereits auf dem Grundstück stehen. Die werden im Vorfeld eines Verkaufs von einem Vereinskomitee geschätzt, damit der Vormieter nicht utopische Preise ansetzen kann. Die günstigste Parzelle liegt demnach etwa bei 700 Euro. „Wir haben aber auch schon mal eine für 11000 Euro verkauft“, sagt Judel. Hinzu kommen die Abgaben für Wasser und Strom. Außerdem müssen alle regelmäßig Dienste für die allgemeinen Flächen des Vereins übernehmen – ansonsten gibt es Strafen.

„Wir finden das okay, so haben wir auch viele andere Familien kennengelernt, die nicht direkt bei uns im Weg wohnen“, sagt Jacobs. Die Arbeiten gehören wie einige andere Regeln zu den Verpflichtungen der Gärtner. So sollen Hecken nicht zu hoch sei,n und nichts darf zu nah an der Grenze zum Nachbarn stehen. Die junge Familie hat sich mittlerweile dran gewöhnt.

Nicht alle, die einen Garten auf der beliebten Werderhalbinsel ergattern wollen, bekommen auch direkt einen. Im Verein werden Interessentenlisten geführt. Aktuell warten „Am Krähenberg“ 15 Personen auf eine Parzelle, es sind aber nur zwei Gärten frei. „Wenn man etwas flexibel ist und nicht genaue Vorstellungen hat, dann bekommt man aber auch relativ kurzfristig eine Fläche“, sagt Judel.

So war es auch bei Janina Roder und Hartmut Jacobs. Sie haben sich im April um einen Garten bemüht, im Mai konnten sie „einziehen“. „Wir hatten aber auch Glück, dass es so gut gepasst hat“, sagt Roder. Einige Interessenten, die vor ihnen an der Reihe gewesen wären, konnten sich nicht mit dem Garten anfreunden.

Viele unterschiedliche Gärten

Dass es in ihrem Garten etwas wilder aussieht als bei anderen, stört die kleine Familie nicht. Sie waren froh, dass bereits viele Pflanzen und Stauden vorhanden waren. Mit ihren Nachbarn verstehen sie sich gut, obwohl das Grundstück nebenan ganz anders gestaltet ist als ihres: Alles ist akkurat geschnitten. Gibt es da nicht manchmal Ärger, wenn die jungen und die alteingesessen Gärtner aufeinandertreffen?

„Das dachten wir auch erst“, sagt Roder. Aber es sei anders gekommen. „Wir lernen voneinander und alle haben Spaß, mit Ida zu spielen“, sagt sie. Natürlich gehen die Vorstellungen zwischen Jung und Alt auch mal auseinander, sagt Judel. „Aber das ist hier wie in einem Dorf. Es knallt, dann spricht man drüber und danach ist wieder alles gut.“

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