Universität Bremen Immer mehr Kinder in Therapie

Bremen. Die Ausgaben der Krankenkassen für Heil- und Hilfsmittel sind gestiegen. Das ist das Ergebnis des Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreports, den die Kasse mit Wissenschaftlern des Zentrums für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen in Berlin vorgestellt hat.
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Immer mehr Kinder in Therapie
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Die Ausgaben der Krankenkassen für Heil- und Hilfsmittel sind weiter gestiegen. Das ist das Ergebnis des siebten Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreports, den die Kasse zusammen mit Wissenschaftlern des Zentrums für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen in Berlin vorgestellt hat.

Demzufolge entfielen darauf im Jahr 2009 zehn der 175,6 Milliarden Euro, die die gesetzlichen Kassen ausga ben. Ein Trend, der die Forscher besorgt: Die zunehmende Behandlung von Kindern. Allein bei der Barmer GEK, die sich zu Beginn des Jahres zur größten deutschen Krankenkasse mit insgesamt 8,7 Millionen Versicherten zusammengeschlossen hat, stiegen die Ausgaben im Vergleich zum Vorjahr für Heilmittel wie Krankengymnastik, Logo- oder Ergotherapie um 8,4 Prozent auf 670,8 Millionen Euro. Bei den Hilfsmitteln wie Rollstühle oder Hörgeräte stiegen sie um 4,3 Prozent auf 618,4 Millionen Euro. Der Anteil an den Gesamtausgaben liegt bei 3,12 respektive 2,87 Prozent.

Der mit Abstand größte Posten ist bei den Heilmitteln die Physiotherapie. Häufigster Grund hierbei sind Rückenschmerzen. „Wir sind augenscheinlich ein Land von Rückenkranken“, sagte Barmer-GEK-Vorstandsvize Rolf-Ulrich Schlenker. Jeder sechste Versicherte nimmt mittlerweile solche Leistungen in Anspruch, über 442 Millionen Euro gab die Kasse dafür aus, zehn Prozent mehrals im Vorjahr.

Ein besonderer Schwerpunkt der Studie lag auf den Verordnungen für Kinder. Das Ergebnis: 4,9 Prozent der bei der Barmer GEK versicherten Kinder bis 13 Jahre bekamen mindestens eine Schuheinlage verordnet. Einen „Plattfuß“, und damit einen objektiven medizinischen Bedarf für eine solche Einlage, hatten laut Studie aber nur 1,3 Prozent dieser Kinder. Eine Physiotherapie erhielten 4,7 Prozent , davon rund 47 Prozent wegen Rückenproblemen. Dabei werden bei Rückenschmerzen allerdings nur 28,8 Prozent der Kinder mit Physiotherapie behandelt. Über der Hälfte der Kinder wurden Schmerzmittel verschrieben (51,24 Prozent). Schon Klein- und Vorschulkinder werden laut Studie wegen solcher Beschwerden behandelt.

Eine Entwicklung, die den Bremer Wissenschaftlern um Professor Gerd Glaeske Sorgen macht. Die Studie spricht von einer „Medizinisierung der Kindheit“. Auch Schlenker sieht diese Entwicklung kritisch. „Es stellt sich die Frage, ob nicht zu viel Medizin bei Kindern angewendet wird“, sagte er. „Die Kinder werden mit Arzneimitteln abgespeist, aber nicht in ihren Ressourcen gestärkt“, sagte Glaeske. An den Ursachen für die Beschwerden ändere eine solche Behandlung allerdings nichts.

Dies sei aber auch dann nicht der Fall, wenn sich die Physiotherapie auf Massagen beschränke. „Heilmittel sind dann sinnvoll, wenn sie die Kinder fördern, und nicht, wenn sie die fehlende Bewegung in der Schule ausgleichen“, erklärte Glaeske. Als Gründe für die Zunahme von Rückenerkrankungen sehen die Forscher falsche Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Sitzhaltungen aber auch psychologische Faktoren.

„Am Anfang des Lebens wird Physiotherapie häufig zu schnell eingesetzt“, erklärte Glaeske, „am Ende des Lebens wird sie dagegen zu sparsam verwendet.“ Ein zweiter Schwerpunkt des Reports nämlich war der Einsatz von Heil- und Hilfsmitteln in der Palliativmedizin, also bei der Sterbebegleitung unheilbar Kranker. Und hier sieht die Studie deutlichen Nachholbedarf. Der Versorgungsanteil in diesem Bereich lag im Untersuchungszeitraum bei lediglich 18 Prozent – dabei könnte eine Versorgung mit Hilfsmitteln wie Krankengymnastik die Situation der Patienten deutlich erleichtern, sagte Glaeske.

Kritik übten Schlenker und Glaeske an der mangelnden Transparenz im Sektor Heil- und Hilfsmittel. Denn nach wie vor gebe es keine Überprüfung von deren Nutzen, beklagte Glaeske. Dieses müsse aber schleunigst geschehen, gerade wenn man das dynamische Wachstum in diesem Bereich in den vergangenen Jahren im Blick habe. „Es wird viel Geld dafür ausgegeben, aber wir wissen nicht, was die verschiedenen Behandlungen letztlich bringen“, sagte Glaeske.

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