Trend Immer mehr Privatschüler in Bremen

Jeder zehnte Schüler in Bremen besucht eine Privatschule. In manchen Ortsteilen liegt die Quote bei über 20 Prozent. Das hat Auswirkungen auf die soziale Mischung in den öffentlichen Schulen.
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Von Timo Thalmann

Im bundesweiten Vergleich besuchen überdurchschnittlich viele Bremer Schüler eine Privatschule. Über alle Schulformen hinweg sind es im laufenden Schuljahr 5730 von insgesamt 53 130 Schülern im Stadtgebiet. Das entspricht einem Anteil von 10,8 Prozent. Die für das Schuljahr 2014/2015 letztmalig berechnete Quote für ganz Deutschland liegt bei 8,8 Prozent. Im Ländervergleich liegt Bremen auf Platz vier.

Privatschulen bedienen wohlhabenderes Klientel

Allerdings gibt es innerhalb Bremens große Unterschiede. Der Spitzenreiter ist Oberneuland: Fast jeder dritte Schüler besucht hier eine Schule in freier Trägerschaft. Auch in Habenhausen liegt der Anteil von Privatschülern mit 28 Prozent weit über dem Durchschnitt. Weitere Ortsteile mit einem hohen Anteil von Schülern an Privatschulen sind Kattenesch und Arsten mit 21,5 und 21,4 Prozent. Auch in Horn liegt der Anteil noch bei über 20 Prozent. Auf dem anderen Ende der Skala liegen in Bremen-Nord die Ortsteile Lüssum-Bockhorn, Rönnebeck und Blumenthal mit jeweils weniger als zwei Prozent. Nur wenig darüber liegen Burgdamm und Tenever.

Vor dem Hintergrund der jüngst vorgelegten IQB-Studie zu den Kompetenzen von Viertklässlern in Deutsch und Mathe, bei dem Bremen im bundesweiten Vergleich den letzten Platz belegte, stellt sich die Frage nach den Auswirkungen dieser privaten Bremer Schullandschaft noch einmal verschärft. Der Vorwurf: Privatschulen bedienen vor allem ein Klientel aus materiell gut ausgestatteten, bildungsnahen Elternhäusern. Diese vermeintlich leistungsstarken Schüler fehlten in der Folge in den öffentlichen Schulen. Die Zusammensetzung der Schülerschaft dort verschiebt sich dadurch noch weiter zu Lasten der ohnehin schon benachteiligten Kinder, etwa aus Familien mit hohem Armutsrisiko. Unter anderem mit Verweis auf den hohen Anteil solcher Kinder in den Bremer Schulen hatte Bildungssenatorin Claudia Bogedan das schlechte Ergebnis im IQB-Bildungstrend erklärt.

Die Ansicht, das Privatschulen tendenziell dazu beitragen, die soziale Segregation in den Schulen zu verschärfen, vertritt der Bildungssoziologe Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). In einer schon im vorigen Jahr veröffentlichten Untersuchung gemeinsam mit dem ebenfalls am WZB tätigen Jura-Professor Michael Wrase hat er die Genehmigungspraxis von Privatschulen in allen Bundesländer analysiert und Bremen dabei eine Missachtung des Grundgesetzes bescheinigt. In Artikel sieben ist dort das sogenannte Sonderungsverbot formuliert. Es verbietet den Privatschulen, ihre Schüler aufgrund des Einkommens der Eltern auszuwählen. Nach Ansicht Helbigs und Wrase müssen darum Privatschulen eine ähnliche soziale Mischung in der Schülerschaft aufweisen, wie öffentliche Schulen der gleichen Gemeinde. Es würden jedoch keine Daten erhoben, ob dies in der Realität zutreffe, so der Vorwurf der Forscher.

180 bis 330 Euro pro Monat

Als wichtiger Indikator für die Einhaltung des Sonderungsverbots gilt das Schulgeld. Helbig verweist auf Gerichtsurteile, die eine durchschnittliche Höchstgrenze von 160 Euro für angemessen halten. „Doch entsprechende Vorgaben macht kaum ein Bundesland, auch Bremen nicht.“ Stattdessen wird die Höhe der Schulgelder regelmäßig von der Bildungsbehörde abgefragt. Allerdings sind diese Daten nicht öffentlich. Annette Kemp als Sprecherin der Bildungssenatorin verweist auf „privatwirtschaftliche Verträge“, in denen die Höhe des Schulgeldes allein zwischen den Schulen und den Eltern festgelegt werde. „Darüber dürfen wir als Behörde keine Auskünfte erteilen.“ Eine Recherche auf den Homepages der 18 privaten Bremer Bildungseinrichtungen ergibt eine Kostenspanne von 46 Euro je Monat bei den katholischen Grundschulen bis zu 975 Euro für die Grundschuljahrgänge der International School.

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Die meisten Schulen bewegen sich in einem Korridor von 180 bis 330 Euro monatlich für ein Kind. Bei mehreren Kindern sinkt fast überall der Preis pro Kopf. Auch bieten nahezu alle Schulen Stipendien und Ermäßigungen an. Auf der anderen Seite gibt es zusätzlich einmalige Aufnahmegebühren und Verpflichtungen zu persönlichen Arbeitseinsätzen der Eltern. „Das ganze System der Kosten ist völlig intransparent“, kritisiert Helbig. Auch darum kommen sozial schwächere Eltern gar nicht erst auf die Idee, ihre Kindern an einer Privatschule anmelden zu wollen. „Die Segregation entsteht nicht, weil die Privatschulen Kinder aus weniger vermögenden Haushalten ablehnen, sondern weil sie durch das System ferngehalten werden“, fasst es der Soziologe zusammen.

Dieter von Glahn, Schuldirektor der Tobias-Schule und Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Schulen in Bremen, sieht das naturgemäß anders. „Laut Bildungssenatorin wird das Sonderungsverbot von uns eingehalten“, betont er. Und wenn die Schulgelder als zu hoch bewertet würden, stände es der Stadt frei, die Zuschüsse für die Privatschulen zu erhöhen. „Dann können wir das Schulgeld auch senken.“ Derzeit bezahlt die Stadt für jeden Grundschüler 72,4 Prozent der Kosten, die für ihn an öffentlichen Schulen anfielen. Für Ober- und Waldorfschulen sind es 76 und bei Gymnasien 93 Prozent.

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